
DAVID BOWIE – The Shel Talmy Recordings
2026 (Parlophone/Warner) - Stil: Rock
Der aufregendste David Bowie des Jahres 2026 ist ein Teenager, der noch nicht einmal so heißt. Er nennt sich Davie Jones, singt sich in Londoner Studios die Kehle wund und wird bald jede seiner Singles in den Händlerregalen verstauben sehen. Doch in diesen Bändern des Jahres 1965 steckt ein Geheimnis, das sich erst einundsechzig Jahre später entschlüsseln lässt.
Die Geschichte beginnt im Januar 1965 in einem Büro in Soho. Der umtriebige Les Conn bringt einen Jungen vorbei, der in wenigen Tagen achtzehn wird, und Shel Talmy, der Amerikaner hinter dem Sound von THE KINKS und THE WHO, erkennt sofort zwei Dinge. Der Kerl ist frech, und er ist begabt. Shel Talmy nimmt ihn samt THE MANISH BOYS für Platten und Verlag unter Vertrag. Nach deren Ende im Frühjahr folgt THE LOWER THIRD, eine deutlich rauere Truppe. Und dieses Material hat Archivar Alec Palao im Katalog des 2024 verstorbenen Produzenten aufgespürt und auf ´The Shel Talmy Recordings´ versammelt. Die LP erzählt in zwölf Monostücken von einem Jungen, der noch nicht weiß, wer er ist, das aber in voller Lautstärke.

Seite eins öffnet mit ´You’ve Got A Habit Of Leaving´, der Augustsingle, auf deren Etikett schlicht „Davy Jones“ stand, falsch geschrieben und ohne Band. Ein treibender Beat, Chöre im Rücken, darüber eine hungrige, nasale Stimme. Nicky Hopkins hämmert das Klavier, Glyn Johns sitzt an den Reglern der „IBC Studios“, und man hört deutlich, warum Talmy diese Band mit THE WHO verglich. Dann ´I Pity The Fool´, Bobby Blands Bluesnummer, eingespielt mit der siebenköpfigen Besetzung der MANISH BOYS samt Orgel und zwei Saxofonen. Jimmy Page, damals 21 und als Studiogitarrist gebucht, reißt mit einem Fuzzsolo ein Loch in den Song, wie man es in England kaum kannte. Bowie war so begeistert, dass Page ihm ein Riff überließ, das Jahrzehnte später in ´The Supermen´ und ´Dead Man Walking´ wieder auftauchte. Ein Geschenk mit sehr langer Zündschnur.
´Baby Loves That Way´, die Rückseite der Augustsingle, ist reiner Sonnenschein mit hellen Harmonien. ´I’ll Follow You´ federt soulig und zeigt, wie aufmerksam der junge Sänger beim Songschreiben schon zuhörte. ´Take My Tip´ mit den MANISH BOYS ist das historisch gewichtigste Stück der Seite, denn mit ihm erschien erstmals eine eigene Bowie‑Komposition auf Platte. Die Bläser geben dem Song einen jazzigen Swing, die Melodie unternimmt Wendungen, die in der Beatszene jener Monate eher fremd klangen. ´Glad I’ve Got Nobody´ beschließt die Seite als ungestümer Tanzflächenfeger mit heiserer Stimme.
Dann die Rückseite, und hier schwenkt die Platte um. Die Demos entstanden in den kleinen Studios der Denmark Street, Londons Tin Pan Alley, wo Talmy den fleißigen Schreiber um immer neue Lieder bat. ´I Want Your Love´ war eigentlich als Vorlage für THE PRETTY THINGS gedacht, und man versteht sofort, warum. Der Song bricht los wie ein Kellerbrand, sägende Gitarren, ein Sänger, der so tief und rau röhrt, als wolle er alle Bluesröhren an der Themse auf einmal übertönen. Das ist Garage Rock, Jahre bevor THE STOOGES diesen Lärm zur Kunstform erhoben. Wer Bowie nur als eleganten Verwandlungskünstler kennt, wird hier kalt erwischt.
Die folgenden fünf Stücke spielte die erste Besetzung von THE LOWER THIRD ein, mit Denis Taylor an der Gitarre, Graham Rivens am Bass und Les Mighall am Schlagzeug. ´Cupid´ schielt unverhohlen Richtung Radio. ´Keep Up With The Jones´ ist ein instrumentaler Groove, bei dem Bowie die Mundharmonika vor sich hertreibt, Clubschweiß aus Soho in Reinform. ´Certain Woman´ gräbt sich tief in den Blues, ´Leave Her To Me´ ist ein schnörkelloser Dreiminüter, wie ihn 1965 hunderte Bands spielten, nur selten mit so viel Hunger. Den Schlusspunkt setzt ´You Gotta Tell Her´, und plötzlich flackert etwas auf. Die Stimme wird theatralisch, beinahe schauspielerisch, als probiere der Sänger schon ein Kostüm an, das ihm erst Jahre später passen wird.
Und damit lüftet sich das Geheimnis. Diese Aufnahmen scheiterten nicht am Talent, sie scheiterten an ihrer Zeit. Shel Talmy beschrieb David Bowie später als Bilderstürmer, der sich weigerte, dem Markt zu gefallen, und er zog gern mit, weil er selbst Neuland liebte. Das Publikum sah das anders. Im Herbst 1965 lotste ein neuer Manager die Band zu „Pye“, es folgten weitere Flops und 1967 ein Debüt voller Varieté und Tuba. Man darf ketzerisch behaupten, dass der wilde Junge von 1965 die spannendere Figur war.
Makellos ist hier wenig. Manche Nummern tragen ihre Vorbilder offen vor sich her, die Stimme sucht noch ihr Zuhause. Alec Palaos Gedanke trifft trotzdem ins Schwarze, dass man diese Bänder am London des Jahres 1965 messen muss statt an ´Ziggy Stardust´. Daran gemessen funkeln sie. Shel Talmys spätes Bedauern, dass ihnen damals kein früher Treffer gelang, wirkt heute fast rührend. Der Treffer kam eben mit Verspätung.
Die aktuelle LP-Veröffentlichung setzt auf den originalen Monomix, und das ist die richtige Entscheidung. Schlagzeug, Fuzz und Stimme kommen aus der Mitte und verdichten sich zu einem Block, der bei ´I Want Your Love´ spürbar wird. Das Mastering nimmt den schroffsten Bandspitzen die Schärfe, ohne den Schmutz wegzupolieren. Wer Nicky Hopkins‘ Klavierfiguren sezieren will, greift zur 22 Titel starken CD oder Digitalfassung mit weiteren Demos und Alternativtakes.
Kein Glamour, kein Glitzer. Einfach nur verdammt guter Lärm.



