PlattenkritikenPressfrisch

RUSH – Rush

1974/2026 (Mobile Fidelity Sound Lab) - Stil: Hard Rock / Blues Rock

Die vielleicht wichtigste Person in der Geschichte des RUSH-Debüts hat keinen einzigen Ton dazu beigetragen. Sie saß im Frühjahr 1974 in einem Radiostudio in Cleveland, zog eine unscheinbare Importplatte aus Kanada aus dem Stapel und legte einen Song über Fabrikarbeit auf. Ihr Name war Donna Halper, und was sie damit auslöste, sollte das Leben dreier junger Männer aus Toronto für immer verändern.

Die Geschichte beginnt im August 1968 im Torontoer Vorort Willowdale. Alex Lifeson, John Rutsey und Bassist Jeff Jones gründen eine Band, für die Rutseys Bruder Bill den Namen vorschlägt, weil er kurz und griffig klingt. Das erste Konzert spielen sie im Keller einer anglikanischen Kirche, für 25 Dollar Gage. Schon zum zweiten Auftritt ist Jones wieder weg, und Lifesons Schulfreund Geddy Lee übernimmt Bass und Gesang. Ganz reibungslos verläuft das nicht. 1969 fliegt Lee vorübergehend raus, auch weil Rutsey sich einen anderen Bassisten wünscht, und wird nach einem missglückten Konzert mit seinem Nachfolger reumütig zurückgeholt. Jahrelang tingelt das Trio danach durch Schulaulen und Jugendzentren, bis Ontario 1971 das Mindestalter für Alkohol senkt. Plötzlich stehen den drei die Clubs offen, und aus einer Garagenband wird eine angehende Profiband, die sechs Abende pro Woche spielt und dabei immer mehr eigene Songs ins Programm schmuggelt.

Im Sommer 1973 geht es zum ersten Mal ernsthaft ins Studio. Bei „Eastern Sound“ nimmt David Stock die Band auf, nachts nach den Konzerten, wenn die Miete nur ein Viertel kostet. Ausgerechnet vor der Gesangssession bekommt John Rutsey kalte Füße. Er zerreißt seine Textentwürfe und bleibt dem Studio fern, sodass Geddy Lee und Alex Lifeson die meisten Zeilen in aller Eile selbst schreiben, auf Grundlage dessen, was Lee auf der Bühne ohnehin improvisiert hatte. Nur bei ´Need Some Love´ steht Rutsey noch als Mitautor in den Credits. Der Graben zwischen ihm und den anderen beiden, die sich längst nach komplexeren Formen sehnen, wird damit tiefer.

Kein großes Label zeigt derweil Interesse. Also gründet Manager Ray Danniels kurzerhand sein eigenes, „Moon Records“, und veröffentlicht im September 1973 die erste Single. Es ist eine Fassung von Buddy Hollys ´Not Fade Away´, mit dem eigenen ´You Can’t Fight It´ auf der Rückseite, und sie schafft es immerhin auf Platz 88 der kanadischen Charts. Zur selben Zeit eröffnen RUSH in Toronto für die NEW YORK DOLLS. Mit dem Klang der Albumaufnahmen ist die Band allerdings unglücklich. Ray Danniels verkauft seine Anteile an der eigenen Managementfirma, um die rund 9.000 Dollar für die Fertigstellung aufzubringen, und im November zieht die Band in die „Toronto Sound Studios“. Dort sitzt ein Toningenieur namens Terry Brown an den Reglern, der in den folgenden zehn Jahren zum heimlichen vierten Mitglied werden soll. Das fertige Album speist sich am Ende aus beiden Studios. ´Take A Friend´ und ´In The Mood´ bleiben so, wie sie in den Nächten bei „Eastern Sound“ entstanden sind. Die Grundspuren von ´What You’re Doing´, ´Before And After´ und ´Working Man´ stammen ebenfalls von dort und bekommen im „Toronto Sound“ neue Overdubs. ´Finding My Way´, ´Need Some Love´ und ´Here Again´ entstehen dagegen komplett im „Toronto Sound“ und verdrängen ´Not Fade Away´ und ´You Can’t Fight It´ von der Platte. Gemischt wird alles noch einmal neu, und das auf Achtspurmaschinen, wie sie beide Studios besaßen und die schon damals als altmodisch galten.

´Finding My Way´ zeigt sofort zu Beginn von Seite eins, woher der Wind weht. Lifesons Riff schwillt aus dem Nichts heran, wandert durch das Stereobild, und dann schneidet Lees Schrei durch den Raum wie ein Startsignal. Das ist Hard Rock, der seine Vorbilder bei LED ZEPPELIN und HUMBLE PIE nicht verleugnet, aber mit einem jugendlichen Übermut gespielt wird, der ansteckt. ´Need Some Love´ jagt in gut zwei Minuten als schneller Boogie vorbei, ein Song, wie es ihn auf keinem späteren Album der Band mehr geben wird. ´Take A Friend´ klingt zugänglicher, doch mit ´Here Again´ folgt ein noch größerer Moment, siebeneinhalb Minuten langsamer, düsterer Blues, in dem Lee die ganze Spannweite seiner Stimme ausreizt und Lifeson sich ein Solo von erstaunlicher Reife gönnt.

Seite zwei öffnet mit ´What You’re Doing´, dem Stück, das LED ZEPPELIN am nächsten kommt, getragen von einem Riff, das sich hartnäckig im Ohr festsetzt, und von Rutseys wild polternden Fills. Danach kommt ´In The Mood´, allein von Geddy Lee geschrieben, ein lässiger Rocker zum Mitsingen. Der Song blieb über viele Jahre ein fester Bestandteil der Konzerte. ´Before And After´ lässt zum ersten Mal ahnen, was kommen wird. Der instrumentale erste Teil schwebt gut zwei Minuten lang in schimmernden Gitarrenfarben, bevor das Stück in einen kraftvollen Rocker umschlägt. Am Ende steht ´Working Man´. Ein Riff, so schwer und schleppend, dass man BLACK SABBATH durch die Wände hört, dazu ein Text über das graue Einerlei eines Arbeiterlebens, der jedoch in Cleveland einen Nerv trifft. Nach der Hälfte bricht der Song in einen ausgelassenen Jam aus, in dem Lifeson Solo um Solo abfeuert, während Lees Bass ihn unermüdlich vorantreibt. Mit diesen gut sieben Minuten spielen sich RUSH nach Amerika.

Im März 1974 erscheint das Album bei „Moon Records“. Die erste Pressung von 3.500 Exemplaren ist schnell vergriffen, in Kanada reicht es für Platz 86. Dann kommt Cleveland. Donna Halpers Hörer in der Industriestadt am Eriesee erkennen sich in ´Working Man´ wieder, die Nachfrage nach der Importplatte schießt in die Höhe, und im Juni stehen RUSH dort im Vorprogramm von ZZ TOP auf der Bühne. Cliff Burnstein von „Mercury Records“ hört das Album und nimmt die Band innerhalb eines Tages unter Vertrag, für zwei Alben und 200.000 Dollar. Auf der amerikanischen Ausgabe bedanken sich RUSH bei Donna Halper. John Rutsey aber spielt am 25. Juli 1974 sein letztes Konzert mit der Band. Einerseits erschwerte seine Diabetes lange Tourneen erheblich und andererseits schwebte ihm eher geradliniger Rock vor, während Lee und Lifeson längst zu YES und PINK FLOYD schielten. Vier Tage später, am 21. Geburtstag von Geddy Lee, übernimmt Neil Peart die Sticks.

Heute ist ´Rush´ ein faszinierendes Debüt. Es ist das einzige Album mit John Rutsey und das einzige ohne Neal Pearts literarische Welten. Die Texte sind schlicht, die Formen vertraut, und trotzdem brennt hier eine Energie, die man auf späteren, ausgefeilteren Platten manchmal vermisst. Dass Geddy Lee und Alex Lifeson im Sommer 2026 wieder gemeinsam auf der Bühne stehen, sechs Jahre nach Pearts Tod, rückt diesen Anfang in ein neues Licht.

Nach ´Fly By Night´ legen „Mobile Fidelity Sound Lab“ nun das Debüt nach. Zum ersten Mal überhaupt erscheint ´Rush´ als 180g-Doppel‑LP mit 45 Umdrehungen, limitiert und fortlaufend nummeriert. Krieg Wunderlich hat vom originalen analogen Masterband gemastert, über eine DSD‑256‑Wandlung und eine analoge Konsole bis zur Schneidemaschine, gepresst wurde bei „Fidelity Record Pressing“. Das schwere Stoughton‑Klappcover ist eine Freude in der Hand. Klanglich gleicht diese Ausgabe hingegen einer Rettung. Wo frühere Pressungen oft dünn und blechern wirkten, bekommt Lees Bass endlich Fundament, Rutseys Schlagzeug gewinnt spürbar an Wucht, und in ´Here Again´ lässt sich jedes Pulsieren des Uni‑Vibe‑Effekts auf Lifesons Gitarre verfolgen. Wunder vollbringt allerdings auch diese Pressung nicht. Auf vier Seiten verteilt, mit je zwei Songs pro Seite, wird das Umdrehen zum Ritual, und wer bereit ist, dafür regelmäßig aufzustehen, wird mit der lebendigsten Fassung belohnt, die dieses Album je hatte.

Mag sein, dass RUSH später größere Alben gelungen sind. Doch ohne diese ungestümen Nächte in Torontoer Studios und eine Radiomoderatorin mit gutem Gespür wären sie allerdings nie über die eigene Stadtgrenze hinausgekommen.

https://www.facebook.com/rushtheband

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"