
JON HASSELL – Music Is Invisible
2026 (Ndeya/Warp/Rough Trade) - Stil: Futuristischer Glitch-Ambient
Das letzte Konzert eines Mannes, für den die Grenze zwischen Bühne und Studio nie viel bedeutet hat. Am 23. Mai 2015 stand Jon Hassell in der St John at Hackney Church im Osten Londons, und niemand unter den hohen Gewölben ahnte, dass dies sein letzter öffentlicher Auftritt sein würde. Elf Jahre später kehrt dieser Abend zurück.
´Music Is Invisible (Pentimento Volume Three)´ ist bei „Ndeya“ erschienen, jenem Label, das Jon Hassell gemeinsam mit „Warp Records“ als Heimat für sein Spätwerk gegründet hat. Die Pläne dafür entstanden übrigens auf derselben Londonreise, auf der auch dieses Konzert stattfand. Mit dem Album schließt sich eine Reihe, die 2018 mit ´Listening To Pictures´ begann und 2020 mit ´Seeing Through Sound´ ihre Fortsetzung fand. Jon Hassell selbst starb im Juni 2021 mit 84 Jahren. Den Schlussstein dieser Trilogie haben nun das Label und seine Weggefährten gesetzt, mit spürbarer Ehrfurcht vor seiner Arbeitsweise.

Pentimento nennt man in der Malerei jene Spuren früherer Pinselstriche, die durch die Übermalung hindurchschimmern. Jon Hassell hat dieses Prinzip über Jahrzehnte in Musik übersetzt. Konzertmitschnitte und Probenfragmente dienten ihm als Untergrund, auf dem er neue Schichten auftrug, ganz im Geist der jamaikanischen Dubversionen und jener radikalen Bandschnitte, mit denen Teo Macero in den Siebzigern die Aufnahmen von Miles Davis neu zusammensetzte. Ein Studioalbum war bei ihm nie ganz Studio, ein Konzert nie ganz Konzert.
Wer verstehen will, woher diese Klänge kommen, muss weit zurückgehen. Jon Hassell wuchs im Memphis der Nachkriegsjahre zwischen Juke Joints und Blues auf, studierte später bei Karlheinz Stockhausen und lernte beim indischen Sänger Pandit Pran Nath die Kunst des Raga. Aus diesen Welten formte er seine Vision einer Fourth World, einer erträumten Musik, in der westliche Elektronik und außereuropäische Traditionen so ineinanderfließen, dass keine Herkunft mehr zu erkennen ist. Seit ´Fourth World Vol. 1: Possible Musics´, das er 1980 mit Brian Eno aufnahm, hat er an diesem imaginären Ort weitergebaut, und dieses Album ist sein letzter Besuch dort.
Im Londoner Kirchenschiff spielte er im Trio mit Rick Cox an der Gitarre und John von Seggern an Bass und Keyboards, über einen Teppich aus Samples, durch den Motive und Riffs der beiden Vorgänger wie Geister wandern. Arnaud Mercier, sein langjähriger Toningenieur, hat den Abend auf Mehrspur festgehalten. Jeff Rona, früher selbst Mitglied von Hassells Band, übernahm die Nachbearbeitung. Denn Jon Hassell war mit einigen Momenten seines Spiels unglücklich. Jeff Rona korrigierte sie behutsam, spielte ihm das Ergebnis vor und sah, wie sich die Züge des alten Meisters entspannten. Danach durfte er freier zu Werke gehen und aus dem Mitschnitt ein ausgereiftes Album formen, mit der Sorgfalt, auf die Jon Hassell stets bestanden hatte.

Vier Stücke sind es, zusammen gut 42 Minuten, und keines davon hat es eilig. ´Blue Ba-Ya´ öffnet die Tür mit über elf Minuten, und sofort ist sie da, diese unverwechselbare Trompete, die längst kein Blechblasinstrument mehr zu sein scheint. Sie klingt eher wie eine Stimme aus einer Sprache, die nie jemand gelernt hat. ´Club Gris-Gris´ zieht die Schatten dichter zusammen und lässt den Kirchenraum mitschwingen, als atme das alte Gemäuer im Takt. ´Broadway Boogie-Woogie´ ist mit gut fünf Minuten der kürzeste Moment der Platte, und wer bei dem Titel an Piet Mondrians berühmtes New-York-Gemälde denkt, liegt bei einem Musiker, der seine Alben nach dem Hören von Bildern benannte, vermutlich nicht ganz falsch. Den Abschluss bildet ´Electric Forest´, über sechzehn Minuten lang, ein Dickicht aus Elektrizität und Nachhall, in dem man sich verlieren darf.
Die Titel stammen nicht vom Konzertabend. „Ndeya“ haben sie aus Jon Hassells Korrespondenz geborgen, aus Arbeitstiteln, die er für Stücke der beiden Vorgänger erwogen und dann doch verworfen hatte. Auch ´Music Is Invisible´ war einst ein Arbeitstitel für ´Seeing Through Sound´. In einem Essay im Beiheft erklärt Jon Hassell, was er damit meinte. Vor einem Gemälde kann man auf eine Stelle zeigen und sich mit anderen darüber verständigen, Musik dagegen lebt allein im Inneren jedes einzelnen Hörers. Selten hat ein Albumtitel so gut zu seinem Inhalt gepasst.
Bei aller Bearbeitung bleibt hörbar, dass hier drei Musiker gemeinsam in einem hohen Raum stehen und aufeinander lauschen. Dieses gemeinsame Miteinander verleiht der abstrakten Musik eine Wärme, die man nicht so schnell vergisst. ´Music Is Invisible´ wirkt deshalb an keiner Stelle wie eine zusammengekehrte Hinterlassenschaft. Es ist ein Abschied, der sich anfühlt wie ein Weitergehen, und vielleicht ist das die schönste Pointe, die Jon Hassells Werk finden konnte.
LP und CD enthalten den Essay im Beiheft, und wer die Reihe komplett erleben möchte, findet alle drei Teile in der CD-Box ´The Pentimento Trilogy´ vereint. Das letzte Wort ist damit trotzdem nicht gesprochen. „Ndeya“ arbeiten weiter am Archiv, und in den kommenden Jahren sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen und Neuauflagen klassischer Alben folgen. Die vierte Welt bleibt also geöffnet.
Ein absolut essenzielles Album für Ambient-Liebhaber und der würdige Schwanengesang eines Genies.



