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LUC FERRARI – Presque Rien Nr.1 / Societé II

1970 / 2026 (Deutsche Grammophon) – Stil: Avantgarde, Musique concrète, Field Recording, Sound Art

Es gibt Werke, die nicht nur Musik neu denken, sondern die Bedingungen verändern, unter denen Musik überhaupt wahrgenommen werden kann, und genau in dieser Kategorie bewegt sich Luc Ferraris Doppelveröffentlichung ´Presque Rien Nr. 1 / Société II´, ein Album, das weniger als Komposition funktioniert, denn als radikale Neuordnung des Hörens selbst, als eine Verschiebung der Grenze zwischen Welt und Klang, zwischen Dokument und Konstruktion, zwischen Zufall und bewusst gesetzter Zeitform.

Luc Ferrari kommt aus einer klassischen musikalischen Sozialisation, geprägt von Kontrapunkt, Struktur und der europäischen Nachkriegsavantgarde, doch schon früh beginnt sich sein Denken von der Idee der „geschlossenen Komposition“ zu lösen, zunächst im Umfeld der musique concrète, später immer konsequenter in Richtung einer Ästhetik, die er selbst gegen Pierre Schaeffers Abstraktionsdogma stellt: Klang soll nicht mehr entfremdet werden, bis er „Musik“ wird, sondern in seiner Realität verbleiben und gerade dadurch musikalisch werden.

Der entscheidende Bruch entsteht mit ´Presque Rien Nr. 1´, einem Werk, das im Sommer 1967 in Vela Luka auf der kroatischen Insel Korčula beginnt, einem kleinen Fischerdorf, dessen akustische Struktur Luc Ferrari nicht als Hintergrund, sondern als Material begreift. Über mehrere Tage hinweg positioniert er ein Tonbandgerät am Fenster seines Hotelzimmers und zeichnet den vollständigen Ablauf der Morgendämmerung auf: das langsame Erwachen eines Ortes, in dem Natur, Arbeit und Alltag nicht getrennt sind, sondern sich gegenseitig durchdringen. Dieses Material ist kein „Field Recording“ im später akademischen Sinn, sondern seine eigentliche Geburtsform – ein radikaler Akt des Nicht-Eingriffs.

Was hier festgehalten wird, ist kein Ereignis im klassischen Sinne, sondern ein Kontinuum aus Mikro-Bewegungen: das entfernte Rollen eines Bootsmotors auf Wasser, das unregelmäßige Rufen von Tieren, Schritte auf Kies, Stimmenfragmente, das zufällige Entstehen von Rhythmus im Alltag selbst. Entscheidend ist, dass nichts davon musikalisch „gemacht“ wird. Es bleibt, was es ist. Und genau darin liegt die Provokation: Luc Ferrari entzieht der Avantgarde ihr zentrales Prinzip der Transformation und ersetzt es durch ein Prinzip der Wahrnehmung.

Doch dieser scheinbare Realismus ist kein Dokumentarfilm, sondern eine extrem präzise kompositorische Verdichtung. Bei der „Deutschen Grammophon“ reagieren die Verantwortlichen auf die ersten Bänder mit sichtbarer Irritation – ein Werk, das keine Musik im herkömmlichen Sinn zu enthalten scheint, widersetzt sich vollständig den Erwartungen des Hauses.

Im Studio werden die über Stunden und Tage entstandenen Aufnahmen so montiert, dass eine konzentrierte Zeitstruktur entsteht, die sich wie ein einziger, organischer Atemzug anfühlt. Hier entsteht Luc Ferraris eigene Kategorie der “musique anecdotique”: eine Musik, die erzählt, nicht durch Formen, sondern durch situative Klangereignisse, die ihre Bedeutung aus dem Kontext der Realität beziehen.

In dieser Logik wird das Mikrofon zum Beobachtungsinstrument einer Welt, die sich selbst komponiert, und der Schnitt zur einzigen künstlerischen Intervention: Zeit wird gefaltet, verdichtet, neu organisiert, ohne ihre Herkunft zu verschleiern. Genau daraus entsteht die Illusion einer ununterbrochenen Realität, die in Wahrheit hochpräzise montiert ist – ein paradoxes Gleichgewicht zwischen Dokumentation und Komposition, zwischen Natur und Konstruktion.

Während ´Presque Rien Nr. 1´ den Raum der Welt öffnet, zieht ´Société II´ ihn radikal zusammen. Hier verlagert sich Luc Ferrari vollständig in den sozialen Körper der Musik, in ein Ensemblegefüge, das nicht mehr harmonisch funktioniert, sondern als permanent reibendes System aus Widerstand, Überlagerung und Energieentladung. Klavier, Schlagwerk und Ensemble stehen sich nicht als Instrumente gegenüber, sondern als Kräfte, die denselben Raum beanspruchen und sich gegenseitig destabilisieren.

Das Klavier wird dabei zum Zentrum eines Spannungsfeldes, das weniger musikalisch als physisch wirkt, als würde Klang selbst zu einer Form von Handlung werden, die sich gegen jede Stabilität richtet. Rhythmen brechen auf, Strukturen kippen, Gesten werden unterbrochen, wieder aufgenommen, zerstört und neu zusammengesetzt. Musik erscheint hier nicht als Verlauf, sondern als Zustand, der sich permanent selbst unterläuft.

Der radikale Gegensatz zwischen beiden Seiten ist kein Zufall, sondern das konzeptuelle Zentrum der Veröffentlichung: Auf der einen Seite die offene, zeitliche Expansion der Welt, auf der anderen Seite ihre soziale Verdichtung in Konflikt, Körperlichkeit und Übersteuerung. Zwischen diesen Polen entsteht ein Spannungsfeld, das die Grundfrage des gesamten Werks formuliert: Was bleibt von Musik, wenn sie entweder vollständig Realität oder vollständig Aktion wird?

Die spätere Wiederveröffentlichung durch “Deutsche Grammophon” im Rahmen ihrer “Avantgarde”-Editionen verschiebt diese Fragen erneut in die Gegenwart. Die Restaurierung der analogen Bänder aus dem WDR-Archiv, die Übertragung im Umfeld der “Emil Berliner Studios” und die bewusste Entscheidung gegen digitale Glättung oder nachträgliche Entschärfung erhalten genau jene Spannung, die das Werk ursprünglich definiert hat: das Nebeneinander von Bandrauschen und Präzision, von Raumtiefe und Materialität, von Stille und plötzlicher Überforderung.

Gerade im Kontext der 2026er Vinyl-Edition wird diese Materialität wieder physisch erfahrbar. Die Musik wirkt nicht als rekonstruiertes Archiv, sondern als reaktiviertes Ereignis, das seine historische Radikalität nicht verloren hat. Das Medium Vinyl verstärkt dabei nicht die Nostalgie, sondern die Unmittelbarkeit: jede Unruhe im Klang bleibt erhalten, jede fragile Balance zwischen Nähe und Distanz wird hörbar.

Am Ende bleibt dieses Doppelwerk nicht als abgeschlossene Aussage stehen, sondern als permanenter Zustand des Hörens, der sich jeder endgültigen Interpretation entzieht. ´Presque Rien Nr. 1 / Société II´ ist weder Naturdokument noch Konzertstück, weder Konzeptarbeit noch politische Allegorie im klassischen Sinn, sondern ein offenes System, das zwei Extreme gegeneinander hält und genau daraus seine Spannung bezieht: die Welt, die sich selbst hört, und die Musik, die sich gegen ihre eigene Ordnung richtet. Und irgendwo zwischen diesen beiden Polen entsteht etwas, das sich nicht mehr eindeutig benennen lässt, weil es bereits vorher beginnt: das Hören selbst.

´Presque Rien Nr. 1 / Société II´ ist eines der einflussreichsten Monumente der elektronischen Avantgarde und der experimentellen Musik des 20. Jahrhunderts. Ohne dieses Werk gäbe es das gesamte heutige Genre des Field Recordings, der Soundscapes und Ambient-Musik nicht.

(Klassiker)

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