
IZE TRIO – Global Prayer
2026 (Independent) - Stil: Jazz
Man hört diese Musik am besten in den frühen Morgenstunden. Wenn die Straßen noch leer sind, das Licht langsam durch die Vorhänge dringt und die Welt für einen kurzen Augenblick innehält. Genau dann entfaltet das zweite Album des IZE TRIO seine eigentümliche Kraft. Eine Kraft, die weniger aus Lautstärke entsteht – sondern aus Zuhören. Aus dem Vertrauen, dass Musik dort Brücken schlagen kann, wo Worte längst versagt haben.
Seit ihrem Debüt ´The Global Suites´ zählt das Ensemble zu den spannendsten Stimmen des modernen Jazz. Pianist Chase Morrin, Cellist Naseem Alatrash und Perkussionist George Lernis fanden einst am “Berklee Global Jazz Institute” zusammen. Drei Musiker aus unterschiedlichen Welten. Drei Biografien. Drei musikalische Sprachen. Auf ´Global Prayer´ wirken sie endgültig wie eine einzige Stimme.
Dabei ist dieses Album keine Demonstration kultureller Vielfalt. Solche Etiketten greifen viel zu kurz. Was hier geschieht, erinnert vielmehr an die großen Momente des Jazz der späten Sechzigerjahre, als Musiker begannen, die Welt als Klangraum zu begreifen. Man denkt an die spirituelle Offenheit von WEATHER REPORT in ihren frühen Jahren. An die kontemplativen Seiten von DON CHERRY. An die grenzenlose Neugier eines OREGON. An jene seltenen ECM-Aufnahmen der Siebzigerjahre, bei denen jede Note wie eine Frage in den Himmel gestellt wurde. Doch IZE TRIO klingen niemals wie eine Kopie dieser Vorbilder. Die Musik besitzt ihr eigenes Gravitationsfeld.
Bereits der Opener ´Flying´ begeistert. Chase Morrin legt repetitive Klavierfiguren aus, die sich wie Kreise auf einer Wasseroberfläche ausbreiten. George Lernis antwortet mit verschachtelten Rhythmen, die ihre Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum tragen. Dann tritt Naseem Alatrash ins Zentrum. Sein Cello übernimmt eine Rolle, die im Jazz noch immer selten ist. Kein Kontrabass. Kein klassisches Fundament. Stattdessen eine Stimme. Eine erzählende Stimme. Mal klagend, mal tröstend, mal voller stiller Entschlossenheit. Dieses Cello verleiht dem Album seinen unverwechselbaren Charakter. Alatrash spielt mit einer Intensität, die an die großen Sänger des Instruments erinnert. Seine Linien wirken oft älter als der Jazz selbst. Man hört die Weite der Levante, die Melancholie arabischer Maqam-Traditionen und die Ausdruckskraft europäischer Kammermusik.
Ein emotionaler Höhepunkt des Albums folgt mit ´From The Stars´. Hier stößt Basslegende John Patitucci zum Ensemble. Die Verbindung ist mehr als bloß ein prominenter Gastauftritt. Das Stück versteht sich als Hommage an Wayne Shorter, dessen Einfluss über dem gesamten Album schwebt wie ein guter Geist. Patituccis Bass verankert die Komposition mit jener Eleganz, die ihn seit Jahrzehnten auszeichnet, während Lihi Haruvis Saxophon in den Raum aufsteigt wie eine Sternenspur. Es sind Momente wie diese, die an die späten Meisterwerke des WAYNE SHORTER QUARTET erinnern.
Besonders beeindruckend ist die Reife der Kompositionen. Während das Debüt ´The Global Suites´ seine politischen und gesellschaftlichen Themen oft mit großer Geste formulierte, richtet ´Global Prayer´ den Blick nach innen. Die Musik sucht weniger nach Antworten als nach Bedeutung.
Das titelgebende ´Global Prayer´ trägt diese Sichtweise bereits im Namen. Chase Morrin schrieb die Komposition wenige Tage nach der Schließung des “Berklee Global Jazz Institute” im Frühjahr 2020. Die Musiker waren plötzlich über Kontinente verstreut. San Diego. Palästina. Zypern. Isolation bestimmte den Alltag. Sechs Jahre später klingt das Stück wie ein musikalischer Brief an jene Zeit. Ein Gebet ohne Worte. Eine Meditation über Entfernung und Verbundenheit. Das Klavier wiederholt einfache Motive. Das Cello antwortet mit langen, gesungenen Linien. Nichts drängt sich auf. Jede Phrase besitzt Gewicht. Die Musiker vertrauen der Stille. Ein selten gewordenes Talent. Im Zeitalter permanenter Reizüberflutung wirkt diese Zurückhaltung beinahe radikal.
Doch das Album hält weitere außergewöhnliche Momente bereit. ´Snæfellsjökull´ verbindet nordische Kühle mit nahöstlicher Melancholie. Die Musik scheint durch weite Landschaften zu wandern. Gläserne Klavierakkorde treffen auf dunkle Celloklänge. Man fühlt sich an die atmosphärische Kraft von JAN GARBAREK erinnert, ohne dass das Trio dessen Klangsprache übernimmt. ´Jam For The End Of The World´ bildet den Gegenpol dazu. Hier brechen die Energien auf. Die Musiker verlassen ihre meditative Haltung und tauchen tief in freie Improvisationen ein. Spannungen entladen sich. Rhythmen kollidieren. Das Ensemble wirkt für einen Moment wie ein Organismus unter Strom.
Den vielleicht intimsten Augenblick des Albums liefert jedoch ´Taqsim´. Allein mit seinem Cello öffnet Naseem Alatrash eine Tür in die Welt der arabischen Improvisation. Die mikrotonalen Wendungen besitzen eine emotionale Direktheit, die sich jeder Analyse entzieht. Für wenige Minuten scheint die Zeit stillzustehen. Das abschließende ´Epilogue´ verabschiedet den Hörer schließlich mit sanfter Hand. Die Musik löst sich langsam auf, als würde sie in den Morgennebel zurückkehren, aus dem sie gekommen ist. Was bleibt, ist ein Gefühl von Weite. Und Hoffnung.
Vielleicht ist das Setzen von Hoffnung eines der Stärken von ´Global Prayer´. Dieses Album entstand in einer Zeit, in der kulturelle Grenzen wieder stärker betont werden als Gemeinsamkeiten. IZE TRIO antworten darauf mit Musik, die weder missionieren noch belehren möchte. Sie lädt ein. Zum Zuhören. Zum Nachdenken. Zum Mitfühlen.
So wie die großen Jazzplatten der späten Sechziger und frühen Siebziger ihre Hörer auf Reisen schickten, öffnet auch ´Global Prayer´ Fenster in unbekannte Landschaften. Die Musik verbindet spirituellen Jazz, moderne Improvisation, klassische Kammermusik und die jahrhundertealten Traditionen des Maqam zu einer Sprache, die erstaunlich zeitlos wirkt. Ein Album voller Wärme, Tiefe und stiller Größe.
Eine der schönsten Jazzveröffentlichungen des Jahres 2026.
(9 Punkte)



