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ANOUAR BRAHEM – After The Last Sky

2025 (ECM) - Stil: Contemporary Jazz, Ethno-Jazz, Kammermusik

Acht Jahre nach ´Blue Maqams´ kehrt Anouar Brahem mit einem Werk zurück, das ein enormes Gewicht trägt. Der Titel ´After The Last Sky´ greift von Mahmoud Darwish, der poetischen Stimme des palästinensischen Volkes, eine berühmte Zeile auf („Wohin sollen die Vögel nach dem letzten Himmel fliegen?“) und legt damit einen gedanklichen Sprengsatz, der weit über die Musik hinausreicht. Es geht um Verlust, Erinnerung und die Frage, was bleibt, wenn selbst der letzte Horizont verschwindet.

Aufgenommen im Mai 2024 im “Auditorio Stelio Molo” in Lugano und produziert von Manfred Eicher, entfaltet sich das Album als konzentriertes Quartettspiel, in dem Oud, Klavier, Kontrabass und erstmals ein Violoncello gleichberechtigt agieren. Neben Anouar Brahem (Oud) prägen Dave Holland (Kontrabass) und Django Bates (Klavier) erneut den Klang, während Anja Lechner (Violoncello) eine neue Farbe einbringt, die das gesamte Gefüge verändert. Ihr Instrument übernimmt eine führende Rolle, eröffnet und beschließt das Album, verbindet sich eng mit der Oud und erzeugt ein Zusammenspiel zwischen arabischer Melodik und europäischer Kammermusik.

Der kurze Auftakt ´Remembering Hind´ verzichtet bewusst auf die volle Besetzung und lässt Klavier und Cello allein sprechen. Django Bates setzt einzelne, klare Töne, während Anja Lechner lange Bögen zieht, die wie ein stilles Gedenken wirken. Diese wenigen Akteure setzen bereits zu Beginn auf eine starke emotionale Wirkung. Im Titelstück ´After The Last Sky´ tritt das Quartett anschließend zusammen. Die Oud führt mit einer ruhigen, suchenden Melodie, das Klavier setzt sparsame Akzente, während der Bass von Dave Holland die Erdung hält. Das Cello umspielt die Linien, erweitert sie, führt sie weiter. Die Musik bewegt sich langsam und trägt die zentrale Frage des Albums in jeder Phrase.

Im achtminütigen ´Endless Wandering´ arbeitet der Bass prägnant, die Figuren wiederholen sich, verschieben sich leicht, während Oud und Cello darüber kleine solistische Variationen entwickeln. Es entsteht das Bild einer rastlosen Suche, die nie zur Ruhe kommt. ´The Eternal Olive Tree´ wirkt wie ein stiller Gegenpol. Ein Duett zwischen Oud und Kontrabass, getragen von wenigen Tönen. Dave Holland gibt dem Stück Tiefe, während Anouar Brahem die Melodie schlicht hält. Das Ergebnis ist ruhig, beinahe besinnlich.

Im fast neunminütigen ´Awake´ tritt das Klavier von Django Bates präsenter hervor, setzt hellere Akzente, während das Cello neben der Oud eine tragende Gegenstimme bildet. Die Musik bleibt zurückhaltend, gewinnt jedoch an Helligkeit. ´In The Shade Of Your Eyes´ führt wieder näher an die Grundstimmung heran. Die Melodie des Cellos ist langsam, fast balladesk, ehe die Oud einsetzt.

´Dancing Under The Meteorites´ bringt Temperament in das Spiel. Oud und Cello greifen das Thema gemeinsam auf, während das Klavier kleine rhythmische Verschiebungen einstreut. Ein Moment, der tänzerische Bewegungen erzeugt, ohne die Grundstimmung zu verlassen. ´The Sweet Oranges Of Jaffa´ wirkt wie eine siebenminütige Erinnerung. Die Melodie ist warm, leicht melancholisch, das Cello tritt stärker in den Vordergrund, während die Oud feine Verzierungen einbringt.

´Never Forget´ führen Oud, Cello und Bass über sieben Minuten gemeinsam, teilweise im Gleichklang, während das Klavier einzelne Töne dazwischen setzt. Die Struktur ist komplexer, bleibt aber jederzeit nachvollziehbar. ´Edward Said’s Reverie´ ist kürzer und prägnanter. Ein stilles Porträt, reduziert auf wenige Motive, die sich langsam entfalten.

Den Abschluss bildet ´Vague´, ein Stück, das Anouar Brahem bereits in früheren Jahren aufgenommen hat und hier in neuer Form erscheint. Diesmal tragen Klavier und Cello die Melodie, während die Oud schweigt. Diese Entscheidung verleiht dem Finale eine besondere Wirkung, als würde der Meister bewusst einen Schritt zurücktreten und das letzte Wort den anderen Stimmen überlassen.

Die Entstehungsgeschichte spiegelt sich in vielen Details wider. Die Entscheidung, ein Cello zu integrieren, entstand erst spät, nachdem Anouar Brahem lange gezögert hatte. Erst das Zusammenspiel mit Anja Lechner überzeugte ihn, diesen Schritt zu gehen. Auch die Aufnahme von ´Vague´ war ursprünglich nicht geplant und entstand spontan am Ende der Session. Produzent Manfred Eicher erkannte sofort die Qualität dieses Moments und machte ihn zum Schlusspunkt des Albums.

Klanglich folgt die Produktion der klaren Handschrift von „ECM“. Die Instrumente stehen deutlich im Raum. Die oft erwähnte „Stille“ ist hier kein Effekt, sondern Teil der musikalischen Aussage. ´After The Last Sky´ ist ein Werk, das sich Zeit nimmt und diese Zeit auch einfordert. Es verbindet arabische Tradition mit europäischer Klangkultur und modernem Jazz, ohne sich einer Kategorie zu unterwerfen. Die Musik wirkt geschlossen, durchdacht und zugleich offen für eigene Deutungen.

Trotz der Veröffentlichung im Jahr 2025 wird ´After The Last Sky´ bereits jetzt als eines der zentralen Werke von Anouar Brahem betrachtet. Ein leises, eindringliches Meisterwerk, das seine Wirkung aus tiefer musikalischer Verständigung bezieht und als Wegweiser für den Hörer fungiert.

https://www.facebook.com/anouar.brahem

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