
WYNTON KELLY – Kelly Blue
1959/2026 (Analogue Productions/Riverside Records) - Stil: Jazz
1959 war ein magisches Jahr für den Jazz. Während Miles Davis mit ´Kind Of Blue´ Musikgeschichte schrieb, entstand beinahe unbemerkt ein weiteres Meisterwerk, das bis heute als Inbegriff von Swing, Blues und Hard Bop gilt. Wynton Kellys ´Kelly Blue´ mag nie den weltweiten Ruhm seines berühmten Nachbarn erreicht haben, musikalisch bewegt sich dieses Album jedoch auf demselben außergewöhnlichen Niveau. Wer den pulsierenden Herzschlag des Hard Bop verstehen möchte, kommt an dieser Platte nicht vorbei.
Wynton Kelly galt lange als der Pianist, den alle haben wollten. MILES DAVIS, DIZZY GILLESPIE, JOHN COLTRANE – sie alle wussten, dass Kelly einem Solisten genau den Raum geben konnte, den dieser brauchte. Sein Spiel besaß Eleganz, Gospel, Blues und einen federnden Swing, der jede Aufnahme veredelte. Auf ´Kelly Blue´ tritt er endlich selbst ins Rampenlicht und zeigt eindrucksvoll, weshalb er zu den größten Pianisten seiner Generation gehört.
Dabei hätte die Besetzung kaum hochkarätiger ausfallen können. Paul Chambers am Bass und Jimmy Cobb am Schlagzeug bilden jene legendäre Rhythmusgruppe, die kurze Zeit später auch das Fundament von Miles Davis’ ´Kind Of Blue´ tragen sollte. Für die Sextett-Stücke stoßen Nat Adderley am Kornett, Benny Golson am Tenorsaxofon und Bobby Jaspar an der Flöte hinzu.
Dass dieses Album zeitlich beinahe die Entstehung von ´Kind Of Blue´ umschließt, verleiht ihm einen besonderen Platz in der Jazzgeschichte. Zwischen den Sessions für sein eigenes Album wurde Wynton Kelly von Miles Davis ins Studio gerufen, um den heute legendären Titel ´Freddie Freeloader´ einzuspielen. Miles wollte für diesen tief im Blues verwurzelten Song genau diesen unverwechselbaren Anschlag hören. Genau jener warme Ton prägt auch ´Kelly Blue´ vom ersten bis zum letzten Takt.

Das über zehn Minuten lange Titelstück ´Kelly Blue´ eröffnet das Album mit einem tief verwurzelten Blues, der gleichzeitig entspannt und hochkomplex wirkt. Kelly phrasiert mit einer Selbstverständlichkeit, als würden seine Finger Geschichten erzählen. Nat Adderley, Benny Golson und Bobby Jaspar setzen farbenreiche Akzente, während Paul Chambers und Jimmy Cobb einen Groove entstehen lassen, der förmlich atmet.
Mit der weltbekannten Operetten-Komposition ´Softly, As In A Morning Sunrise´ von Sigmund Romberg reduziert sich die Besetzung auf das Trio. Hier zeigt sich die eigentliche Magie dieser Aufnahme. Kelly verzichtet auf jede Form virtuoser Selbstdarstellung. Jede Note besitzt Gewicht, jede Pause Bedeutung. Besonders Paul Chambers veredelt die Interpretation mit seinem herrlich melodischen Bassspiel, während Jimmy Cobb den Swing nahezu schwerelos wirken lässt.
Auch ´Green Dolphin Street´ entwickelt seinen ganz eigenen Zauber. Der Wechsel zwischen Latin-Flair und klassischem Swing gelingt vollkommen natürlich. Kelly spielt den Standard mit einer Eleganz, die dieses bekannte Filmmusik-Thema überraschend frisch erscheinen lässt.
´Willow Weep For Me´ gehört zu den emotionalen Momenten des Albums. Kelly lässt den Blues tief durch jede Phrase fließen, ohne jemals in Sentimentalität abzurutschen. Sein Anschlag besitzt Wärme und eine beinahe menschliche Stimme. In diesem Moment wird verständlich, weshalb viele Pianisten bis heute versuchen, diesen unverwechselbaren Ton zu erreichen.
Dann folgt die feurige Komposition ´Keep It Moving´. Die Bläser verleihen dem Up-Tempo Hard Bop mit seinen rasanten Tempowechseln neue Energie. Nat Adderley und Benny Golson liefern virtuose Soli, während Kelly das Ensemble mit scheinbarer Leichtigkeit dirigiert. Alles swingt, alles fließt.
Den Abschluss bildet ´Old Clothes´. Diese Eigenkomposition wirkt wie eine liebevolle Rückkehr zu Kellys musikalischen Wurzeln, mit Anleihen aus der afroamerikanischen Gospel-Musik. Blues, Gospel und Hard Bop verschmelzen zu einem entspannten Finale, das den Hörer mit einem Lächeln entlässt. Kein dramatischer Schlussakkord, einfach großartige Musik, die noch lange nach dem Verklingen im Raum stehen bleibt.

Was ´Kelly Blue´ so außergewöhnlich macht, lässt sich kaum auf einzelne Soli oder Arrangements reduzieren. Es ist dieses einzigartige Zusammenspiel. Wynton Kelly, Paul Chambers und Jimmy Cobb funktionieren wie ein einziger Organismus. Jeder hört auf den anderen, jeder reagiert intuitiv auf kleinste rhythmische Veränderungen. Genau dadurch entsteht dieser federnde Swing, den man weder schreiben noch einstudieren kann.
Produzent Orrin Keepnews verstand damals genau, welches Juwel ihm vorlag. Die Aufnahmen besitzen eine wunderbare Natürlichkeit. Das Klavier klingt warm, der Kontrabass steht stabil im Raum, das Schlagzeug bleibt jederzeit luftig und transparent. Diese Mischung aus Präzision und Natürlichkeit macht ´Kelly Blue´ bis heute zu einer der klangschönsten Hard-Bop-Aufnahmen der “Riverside Ära”.
Die aktuelle 45-RPM-Neuauflage von “Analogue Productions” gehört ohne Übertreibung zu den besten Editionen, die dieses Album jemals erfahren hat. Gemastert von den beiden Legenden Kevin Gray und Steve Hoffman, direkt von den originalen “Riverside“-Masterbändern, beeindruckt ´Kelly Blue´ selbst erfahrene Vinyl-Liebhaber.
Bei dieser neuen Edition besitzt die Flöte von Bobby Jaspar in ´Kelly Blue´ eine unglaubliche Luftigkeit und Benny Golsons Tenorsaxophon eine fast physische Präsenz. Man hört förmlich das Anblasen des Holzblattes. Das unkomprimierte analoge Master transportiert in ´Softly, As In A Morning Sunrise´ das tiefe, hölzerne Resonieren des Korpus beim Spiel von Paul Chambers so unmittelbar, als stünde das Instrument leibhaftig im Zimmer. Und wenn das Trio bei ´Green Dolphin Street´ in den treibenden Swing-Rhythmus wechselt, entfesselt der großzügige 45-RPM-Schnitt den Bass von Paul Chambers mit einer Wucht und Klarheit, welche das gesamte Raumgefühl umgehend transformiert.
Die völlige Nebengeräuschfreiheit dieser “QRP”-Pressung legt in ´Willow Weep For Me´ das mechanische Leben des Flügels regelrecht frei. Man kann das physische Nachschwingen der Saiten im hölzernen Korpus beim Ausklingen der Akkorde geradezu fühlen. Die unbändige Grobdynamik macht in ´Keep It Moving´ haargenau erlebbar, wie Jimmy Cobb das Basis-Trio nach vorne peitscht und mit welcher Raffinesse die Bläser Akzente setzen. Dank der Pressung von “Analogue Productions” bleibt in ´Old Clothes´ das Zusammenspiel von Paul Chambers’ gezupftem Bass und Jimmy Cobbs Snare-Drum so messerscharf voneinander getrennt, dass eine perfekte räumliche Ortung beider Instrumente gelingt.
Selbstverständlich wurden die beiden 180g-LPs bei “Quality Record Pressings” gefertigt und laufen dementsprechend außergewöhnlich ruhig. Die höhere Drehzahl verteilt die Musik auf vier Plattenseiten, wodurch Verzerrungen zum Plattenende praktisch verschwinden und die Dynamik deutlich gewinnt. Auch die Ausstattung erfüllt höchste Ansprüche. Das stabile Stoughton-Tip-on-Gatefold mit matter Oberfläche orientiert sich an klassischen US-Jazzproduktionen der späten Fünfzigerjahre und vermittelt genau jene Wertigkeit, die ein Album dieses Ranges verdient.
Wer ´Kelly Blue´ in seiner klanglich wohl besten Form erleben möchte, findet in dieser “Analogue Productions”-Ausgabe eine Referenzpressung, die eindrucksvoll demonstriert, weshalb audiophile Vinyl-Ausgaben einen legendären Ruf genießen. Wer bereits eine frühe, originale “Riverside”-Ausgabe besitzt, muss selbstverständlich nicht ersetzen, was längst hervorragend klingt.
Mehr als sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat ´Kelly Blue´ nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt. Dieses Album swingt mit einer Dynamik und Natürlichkeit, die zeitlos bleibt. Es erzählt vom Blues, vom Leben und von der Kunst, mit wenigen Tönen mehr zu sagen als andere mit tausend. Deshalb gehört Wynton Kellys Meisterwerk bis heute in jede ernsthafte Jazzsammlung.
(Klassiker)



