
BILL CONNORS – Of Mist And Melting
1978/2026 (ECM) - Stil: Jazz
Manchmal genügt ein einziger Ton, um die Welt draußen verstummen zu lassen. Ein Ton, der aus der Stille geboren wird, durch den Raum gleitet und Erinnerungen weckt, von denen man längst glaubte, sie verloren zu haben. Genau dieses seltene Wunder vollbringt Bill Connors auf ´Of Mist And Melting´ – einem Album, das sich weniger wie eine Schallplatte anfühlt als wie eine nächtliche Reise durch Nebel, Licht und Schatten.
Wer Bill Connors noch als elektrischen Wirbelwind von RETURN TO FOREVER in Erinnerung hat, dürfte beim ersten Hören überrascht sein. Der Mann, dessen Gitarre einst Funken schlug und wie ein Sturm durch die Fusion-Landschaft raste, präsentiert sich hier als Suchender, als Geschichtenerzähler, als Poet. Die Verstärker schweigen. Die Akustikgitarre spricht. Und sie spricht mit einer Wärme und Aufrichtigkeit, die unmittelbar ins Herz trifft.
Aufgenommen in den “Talent Studios” von Oslo, eingefangen unter der wachsamen Ästhetik des “ECM”-Klangkosmos, besitzt ´Of Mist And Melting´ jene schwer erklärbare Atmosphäre, die große Jazzaufnahmen von gewöhnlichen Produktionen trennt. Man hört Räume. Man hört Luft. Man hört das Schweigen zwischen den Noten.

Bereits das eröffnende ´Melting´ entfaltet sich wie ein impressionistisches Gemälde. Bill Connors legt zarte harmonische Farben auf die Leinwand, während Jan Garbarek sein Saxophon in den Himmel steigen lässt. Sein Ton erinnert an ferne Horizonte, an einsame Küsten, an das Licht eines nordischen Morgens. Es ist Musik voller Weite und Sehnsucht.
An seiner Seite wirken mit Gary Peacock und Jack DeJohnette zwei Musiker, die längst zu den bedeutendsten Stimmen des modernen Jazz zählen. Gemeinsam und in wechselnden Ensembles formten sie damals das kreative Umfeld von Keith Jarrett und bringen auf dieser Aufnahme eine Eleganz ein, die beinahe schwerelos wirkt. Jeder Ton scheint seinen Platz bereits gekannt zu haben, bevor er gespielt wurde.
Gerade diese Begegnung unterschiedlicher musikalischer Welten macht den Zauber von ´Of Mist And Melting´ aus. Hier trifft amerikanisches Feuer auf skandinavische Kühle. Hier begegnet rhythmische Kraft einer fast spirituellen Gelassenheit. Die Musik fließt wie ein großer Strom, dessen Richtung man spürt, ohne jemals sein Ende sehen zu können.
In ´Face In The Water´ wird diese Kunst zur Vollendung geführt. Die Melodie scheint über der Erde zu schweben. Jan Garbareks Saxophon klingt wie ein einsamer Ruf über stillen Gewässern, während Bill Connors mit sanften Akkorden Reflexionen aus Licht und Schatten entstehen lässt. Selten wurde Melancholie so schön formuliert.
´Aubade´ öffnet schließlich die Tür zu einer anderen Dimension. Die Improvisationen wirken frei und doch vollkommen natürlich. Nichts erscheint konstruiert. Nichts wirkt geplant. Die Musik entfaltet sich wie Wolken am Himmel – langsam, majestätisch und voller Geheimnisse.
Das wahre Wunder dieser Aufnahme liegt allerdings darin, dass sie auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Während zahllose Trends kamen und gingen, blieb ´Of Mist And Melting´ bestehen. Heute gilt das Album als einer der großen Schätze des ECM-Katalogs. Seine Aufnahme in die exklusive “Luminessence”-Reihe bestätigt aktuell lediglich, was Jazzliebhaber längst wussten: Hier entstand etwas Zeitloses.
Man verlässt diese Platte mit dem Gefühl, einen besonderen Ort besucht zu haben. Einen Ort, an dem Hektik keinen Platz besitzt. Einen Ort, an dem Musik wieder zu Poesie wird.
Bill Connors hat mit ´Of Mist And Melting´ kein Album aufgenommen. Er hat einen Traum konserviert.
(Klassiker)



