
MILES DAVIS & JOHN COLTRANE – The Final Tour: Copenhagen, March 24, 1960
2018 (Columbia Records / Legacy Recordings) - Stil: Jazz
Kopenhagen, 24. März 1960. Im Tivoli Koncertsal liegt eine eigentümliche Spannung in der Luft. Das Publikum ahnt nicht, dass es an diesem Abend Zeuge eines der bedeutendsten Abschiede der Jazzgeschichte wird. Zwei musikalische Giganten stehen zum letzten Mal gemeinsam auf einer Europa-Tournee auf derselben Bühne. Miles Davis blickt nach vorne. John Coltrane blickt bereits weit über den Horizont hinaus. Diese Anspannung durchzieht ´The Final Tour: Copenhagen, March 24, 1960´ wie ein unsichtbarer Strom.
Nach dem überwältigenden Erfolg von ´Kind Of Blue´ hätte das Quintett eigentlich unaufhaltsam weiterziehen können. Doch John Coltrane hatte mit ´Giant Steps´ längst bewiesen, dass sein Weg ein anderer werden würde. Er wollte seine eigene Musik verfolgen, radikaler denken und Grenzen sprengen. Miles Davis überredete ihn noch zu dieser letzten Europa-Tour. Veranstalter Norman Granz musste sogar finanziell nachhelfen, damit John Coltrane überhaupt mitreiste.
Diese Vorgeschichte bemerkt man in jeder Minute. Das Quintett mit Miles Davis, John Coltrane, Wynton Kelly, Paul Chambers und Jimmy Cobb agiert wie eine Maschine voller Spannung. Jeder kennt den anderen blind, jeder spricht dieselbe musikalische Sprache – und doch entwickeln sich zwei Dialekte, die bald getrennte Wege gehen werden.

Schon nach Norman Granz’ kurzer Ansage explodiert der Saal förmlich. Als der Name John Coltrane fällt, brechen laute Jubelstürme los. Das Publikum spürt, dass hier Außergewöhnliches geschieht. ´So What´ entwickelt sich anschließend zu einem der aufregendsten Live-Momente der gesamten Karriere dieses Quintetts. Wer nur die elegante Studioversion kennt, dürfte überrascht sein. Das Tempo zieht spürbar an, Jimmy Cobb treibt die Band mit federnder Präzision voran und Paul Chambers legt ein tiefes, kraftvolles Fundament. Miles Davis bleibt kühl, konzentriert und nahezu stoisch. Dann übernimmt John Coltrane. Was folgt, gleicht einem Vulkanausbruch. Seine berühmten “Sheets of Sound” schießen in endlosen Kaskaden durch den Konzertsaal. Ton um Ton türmt sich übereinander, neue Ideen entstehen im selben Augenblick. Man hört förmlich, wie John Coltrane die Tür zum Free Jazz bereits einen Spalt weit aufstößt.
Mit ´On Green Dolphin Street´ wird das Spannungsfeld noch greifbarer. Die fast fünfzehn Minuten wirken wie ein musikalischer Dialog zweier Weltanschauungen. Miles Davis erzählt mit wenigen Tönen ganze Geschichten. John Coltrane sucht unermüdlich nach neuen Wegen durch das harmonische Labyrinth. Wynton Kelly glänzt dabei mit einem swingenden Klavierspiel voller Eleganz, während Paul Chambers und Jimmy Cobb das Ensemble mit traumwandlerischer Sicherheit zusammenhalten.
Auch ´All Blues´ trägt kaum noch die entspannte Gelassenheit der legendären Studioaufnahme in sich. Miles Davis formt sein Solo mit unverwechselbarer Ruhe und lyrischer Klasse. Kurz darauf reißt John Coltrane die Atmosphäre auseinander und verwandelt den Blues in eine leidenschaftliche Expedition voller Intensität. Zwei musikalische Philosophien treffen frontal aufeinander – und beide gewinnen.
Den Abschluss bildet das nur wenige Sekunden lange ´The Theme´. Die Radioübertragung endet abrupt, weil die Bandmaschine nach den ersten Takten gestoppt wurde. Aus heutiger Sicht besitzt selbst dieser unvollständige Schluss eine fast symbolische Wirkung. Eine gemeinsame Reise endet mitten im Schritt.

Die offizielle Veröffentlichung von “Columbia Records” und “Legacy Recordings” aus dem Jahr 2018 gehört zu den erfreulichsten Überraschungen der modernen Jazz-Archivarbeit. Jahrzehntelang kursierten minderwertige Bootlegs dieses Konzerts. Für diese Edition griff das Produktionsteam um Steve Berkowitz, Michael Cuscuna und Richard Seidel erstmals auf die originalen Viertelzoll-Masterbänder zurück. Mark Wilder restaurierte das Material mit beeindruckendem Fingerspitzengefühl, ohne der Aufnahme ihre Lebendigkeit zu nehmen.
Die Pressung von MPO überzeugt mit einer angenehm ruhigen Oberfläche, kräftiger Dynamik und erstaunlicher Transparenz. Ashley Kahns informative Liner Notes runden diese Veröffentlichung würdig ab.
´The Final Tour: Copenhagen, March 24, 1960´ besitzt keinen entspannten Fluss wie ein Studioalbum. Dieses Konzert lebt von Spannung, von Gegensätzen und von der elektrisierenden Atmosphäre eines Abschieds, der Musikgeschichte schrieb. Hier begegnen sich zwei Genies auf einem letzten gemeinsamen Weg. Der eine hält an vollendeter Eleganz fest, der andere bricht bereits in unbekannte Welten auf.
Solche Augenblicke lassen sich nicht inszenieren. Sie passieren nur ein einziges Mal. Und sie klingen sechzig Jahre später noch immer so aufregend wie an jenem Abend in Kopenhagen.
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