
THE STROKES – Is This It
2001/2012 (Music On Vinyl, RCA, Legacy) - Stil: Indie Rock, Garage Rock Revival, Post Punk Revival
´Is This It´ gehört zu den Platten, die nicht nur eine Karriere definierten und ein Genre veränderten, sondern auch wie ein Blitz in eine erstarrte Musiklandschaft einschlugen.
Als THE STROKES ihr Debüt im Sommer 2001 veröffentlichten, wirkte Rockmusik müde. Nu Metal dominierte die Charts, Post-Grunge hatte seine Ecken und Kanten längst abgeschliffen und Gitarrenbands klangen immer häufiger nach Hochglanzproduktion statt nach verschwitztem Proberaum.
In diesem Moment tauchten fünf junge Männer aus Manhattan auf, geschniegelt und gleichzeitig vollkommen heruntergekommen wirkend, geschniegelt nur im Stil, niemals im Sound. Lederjacken, Converse, schmale Jeans.
Die ersten Auftritte im “Mercury Lounge” und im “Luna Lounge” sprachen sich rasend schnell herum. Als Anfang 2001 die EP ´The Modern Age´ erschien, brach unter den Plattenfirmen eine regelrechte Bieterschlacht aus – ein Ereignis, das es für eine Gitarrenband seit Jahren kaum noch gegeben hatte. Am Ende sicherten sich “RCA Records” den Zuschlag. Schon damals war klar, dass hier etwas Größeres entstand als der nächste Hype aus Manhattan.
Julian Casablancas sang, als würde er seine Geschichten durch ein kaputtes Megafon direkt aus einer verrauchten Kellerbar erzählen. Nick Valensi und Albert Hammond Jr. entwickelten ein Gitarrenspiel, das sich gegenseitig ständig umkreiste, statt sich in den Vordergrund zu drängen. Nikolai Fraiture hielt mit seinem melodischen Bass alles zusammen, während Fabrizio Moretti mit stoischer Präzision genau jene Lücken spielte, die den Songs ihre Luft zum Atmen gaben.
Für die Aufnahmen zu ihrem Debüt arbeitete die Band zunächst mit Produzent Gil Norton zusammen. Das Ergebnis empfanden THE STROKES als steril und viel zu geschniegelt für ihre Vorstellung einer echten Rockplatte. Die Sessions verschwanden im Archiv. Stattdessen kehrte die Band zu Gordon Raphael zurück, der bereits die ´The Modern Age´-EP aufgenommen hatte. In dessen improvisiertem Kellerstudio „Transporterraum“ in Manhattan entstand schließlich jener Sound, der bis heute als Blaupause für zahllose Indie-Bands gilt.

Denn dieser Sound lebt von seinen vermeintlichen Fehlern. Die Gitarren zerren angenehm an den Lautsprechern, die Snare knallt trocken wie ein Baseballschläger gegen eine Mülltonne, Julian Casablancas’ Stimme klingt permanent kurz vor der Übersteuerung. Gerade diese Unperfektion macht ´Is This It´ so unwiderstehlich. Jede Note vermittelt das Gefühl, als würde die Band nur wenige Meter entfernt in einem viel zu kleinen Club spielen.
Schon der Titelsong eröffnet das Album überraschend melancholisch. Statt eines explosiven Auftakts schwebt eine resignierte Frage durch den Raum. Der Basslauf von Nikolai Fraiture trägt den Song, während die Gitarren untypisch leise im Hintergrund bleiben, und Julian Casablancas’ Gesang transportiert perfekt die jugendliche Ernüchterung („Ist es das schon gewesen?“). Danach reiht sich Hit an Hit, ohne dass sich das jemals nach Kalkül anfühlt.
´The Modern Age´ trägt in seinem treibenden Mid-Tempo-Rhythmus den Schweiß der New Yorker Clubs in sich und löst den THE STROKES-Hype aus. Der Song, samt der besten Gitarren-Solo-Passage von Albert Hammond Jr., fängt das rastlose Gefühl des modernen Großstadtlebens perfekt ein.
´Soma´, als direkte Anspielung auf die fiktive Beruhigungsdroge aus Aldous Huxleys Roman “Schöne neue Welt” wirkt kühl und nervös. Die Stakkatogitarren spiegeln dabei die mechanische, chemische Kälte des Songthemas wider. Dagegen versucht ´Barely Legal´, trotz des düster-provokanten Textes über das Erwachsenwerden und sexuelle Tabus, seine melodischen Britpop-Einflüsse charmant zu verstecken.
Mit ´Someday´ gelingt THE STROKES einer der großen Indie-Songs der Nullerjahre. Basierend auf einer klassischen 1960er-Jahre-Pop-Struktur, ist die Komposition nostalgisch, federleicht und doch voller Wehmut. ´Alone, Together´ ist hingegen wohl einer der aggressivsten Tracks, wild und hardrockig mit einem bluesigen Gitarren-Solo.
Dann kommt ´Last Nite´, der Signature-Song der Band. Kaum ein Gitarrenriff hat Anfang der 2000er eine vergleichbare Wirkung entfaltet. Natürlich erinnert die Eröffnung unüberhörbar an Tom Pettys ´American Girl´. Tom Petty nahm es gelassen und zeigte Größe, indem er daraus nie einen Rechtsstreit machte. Vielleicht, weil auch er erkannte, dass THE STROKES daraus etwas Eigenes formten. Der Song wurde mit seinem Hüpf-Rhythmus zur Hymne einer Generation.
Auch ´Hard To Explain´ gehört zu den Momenten, in denen sich die besondere Magie dieser Band offenbart. Hektische Gitarrenlinien, die das schnelle Pulsieren von Synthesizern imitieren, ein fast maschinell wirkendes Schlagzeug und Julian Casablancas am Mikrofon zwischen Gleichgültigkeit und Sehnsucht – mehr New York passte damals kaum auf dreieinhalb Minuten.
Die rotzige, aggressive Hymne ´New York City Cops´ wurde schließlich zum Symbol für die ungestüme Seite der Band. Während der Song international auf ´Is This It´ blieb, musste die US-Ausgabe nach den Anschlägen vom 11. September 2001, wegen der respektlosen Zeile „New York City Cops, sie sind nicht allzu schlau“, darauf verzichten. Dort ersetzte “RCA Records” den Track durch ´When It Started´.
Mit dem sehnsüchtigen und verletzlichen Song ´Trying Your Luck´ sowie dem entfesselten ´Take It Or Leave It´, das sich zu einem absolut chaotischen, kreischenden Finale aufbaut, findet das Album seinen perfekten Schlussakkord.

Der eigentliche Triumph von ´Is This It´ liegt allerdings tiefer. THE STROKES brachten den Rock’n’Roll nicht neu hervor. Sie erinnerten die Musikwelt lediglich daran, wie aufregend einfache Ideen sein können, wenn sie keck und frei gespielt werden. Ohne dieses Album wären Bands wie FRANZ FERDINAND, ARCTIC MONKEYS, THE LIBERTINES oder auch KINGS OF LEON kaum in derselben Form denkbar. Die Garage-Rock-Renaissance bekam durch dieses Debüt ihren entscheidenden Funken.
Dabei altern viele stilprägende Alben irgendwann zu Museumsstücken. ´Is This It´ verweigert sich diesem Schicksal. Die Platte klingt heute fast genauso frisch wie im Sommer 2001. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nie versuchte, modern zu sein.
Selbst das Artwork wurde Teil der Rockgeschichte. Das ursprüngliche Cover – fotografiert von Colin Lane – zeigt die Hand im Lederhandschuh auf dem nackten Rücken beziehungsweise Gesäß seiner damaligen Freundin. Für den US-Markt war das Motiv “RCA Records” allerdings zu provokant. Dort ersetzte man es durch das heute ebenso ikonische Bild einer Teilchenkollision aus der Big European Bubble Chamber. Zwei Cover, ein Album – und beide erzählen bis heute ihre eigene Geschichte.
Unter Sammlern genießt die 2012 erschienene Neuauflage von “Music On Vinyl” einen ausgezeichneten Ruf. Gepresst auf 180g-Vinyl und veröffentlicht unter Lizenz von “RCA Records”, zählt sie für viele Vinylfreunde zu den gelungensten Versionen des Albums.
Der Klang besitzt Druck, Dynamik und eine beeindruckende Ruhe im Hintergrund. Gerade im direkten Vergleich mit einigen älteren US-Pressungen überzeugt die “Music On Vinyl”-Ausgabe durch eine sauberere Fertigung und ein ausgewogeneres Klangbild. Hinzu kommt, dass die internationale Trackliste den Fan-Favoriten ´New York City Cops´ enthält. Wer heute eine hochwertige Vinyl-Ausgabe von ´Is This It´ sucht, landet mit dieser Pressung einen Volltreffer.
´Is This It´ war schon 2001 ein Befreiungsschlag. Heute wirkt die Platte wie eine Zeitkapsel voller Energie, jugendlicher Arroganz und unwiderstehlicher Melodien. THE STROKES machten aus elf scheinbar simplen Songs einen modernen Rockklassiker, der bis heute nichts von seiner elektrisierenden Wirkung verloren hat.
Es riecht nach Sommer in Manhattan, nach verschüttetem Bier auf klebrigen Clubböden und nach durchgemachten Nächten, in denen plötzlich alles möglich schien. Aus diesem Grund bleibt ´Is This It´ eines der wichtigsten Debüts der Rockgeschichte.
10/10 Punkte



