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THE ROLLING STONES – Foreign Tongues

2026 (Polydor/Capitol) - Stil: Classic Rock, Blues Rock, Rhythm & Blues

Die ROLLING STONES beweisen seit mehr als sechs Jahrzehnten, dass Rock’n’Roll kein Alter kennt. Während andere Legenden längst in Nostalgie erstarren, liefern Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood mit ´Foreign Tongues´ ein Album ab, das weder den Versuch unternimmt, jugendlich zu wirken, noch sich auf vergangene Triumphe verlässt. Stattdessen klingt diese Platte wie das selbstbewusste Werk einer Band, die genau weiß, wer sie ist.

Der Opener ´Rough And Twisted´ ist ein schmutziger Blues-Rocker mit treibender Mundharmonika, schmatzenden Gitarren und diesem herrlich lässigen Groove, den nur THE ROLLING STONES beherrschen. Mick Jagger erzählt seine Geschichte, hier über eine toxische Beziehung, mit gewohnt bissigem Humor, während Keith Richards und Ronnie Wood ihre Gitarrenlinien umeinander flechten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Mit ´In The Stars´ folgt die große Stadionhymne des Albums. Ein eingängiges Stones-Riff, ein Refrain mit Ohrwurmqualität und ein Text über das Älterwerden, ohne sich jemals dem Alter zu ergeben – hat jemand ´Start Me Up´ gesagt? Produzent Andrew Watt versteht es dabei erneut, den klassischen Stones-Sound druckvoll und modern einzufangen, ohne dessen Seele zu glätten. ´Jealous Lover´ schlägt ebenso in diese Kerbe, allerdings deutlich melancholischer. Zwischen hohem Gesang, warmen Gitarren und einer eleganten Midtempo-Dynamik entfaltet sich eine klassische Stones-Ballade, deren verruchte Atmosphäre an die späten Siebziger erinnert.

Funkige Basslinien, trockener Groove und Mick Jaggers spöttischer Gesang ergeben ´Mr. Charm´, einen Song, der eher an ihre experimentelle Phase erinnert und sich mit bissigem Sprechgesang genüsslich über Selbstdarsteller, Reichtum und Eitelkeit lustig macht. Direkt danach schlägt ´Divine Intervention´ eine deutlich rifflastigere Richtung ein. Roher Blues Rock, schneidende Gitarren und die markante Hammond-Orgel von Steve Winwood verpassen dem Stück psychedelische Untertöne.

Der entspannte Honky-Tonk-Rocker ´Ringing Hollow´ blickt mit einer Mischung aus Liebe und Enttäuschung auf Amerika. Keith Richards beschrieb den Song selbst als bittersüßen Liebesbrief an ein Land, das die Band über Jahrzehnte geprägt hat. Musikalisch erinnert das Stück an jene Country-Einflüsse, die THE ROLLING STONES bereits auf ´Exile On Main St.´ und ´Sticky Fingers´ so überzeugend einsetzten.

Mit ´Never Wanna Lose You´ liefern Mick Jagger und seine Mitstreiter die stadiontaugliche Rockballade des Albums. Der hymnische Refrain, Robert “THE CURE” Smiths dezente Synthesizer und die elegante Gitarrenarbeit sorgen für einen klassischen Song ohne allzu viel Kitsch.

Der wohl emotionalste Augenblick wartet allerdings wenig später. ´Hit Me In The Head´ trägt den letzten Studioauftritt des 2021 verstorbenen Charlie Watts in sich. Sein unverwechselbarer Groove bildet das Fundament eines klassischen Rock’n’Roll-Stücks, das eine Verbeugung vor einem der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte ist. Steve Jordan übernimmt auf dem restlichen Album souverän das Schlagzeug, doch in diesen wenigen Minuten scheint Charlie Watts noch einmal mitten im Proberaum zu sitzen.

Mit der überraschenden Interpretation von Amy Winehouses ´You Know I’m No Good´ beweisen THE ROLLING STONES, dass Coverversionen auch nach Jahrzehnten noch ihren Platz haben können. Statt die Vorlage nachzuspielen, verleihen sie dem Song den typisch dreckigen Stones-Anstrich sowie einen warmen Rhythm-and-Blues-Touch, während Mick Jaggers Mundharmonika dem Stück eine völlig neue Identität verschafft.

Anschließend schlägt ´Some Of Us´ ruhigere und geradezu melancholische Töne an. Das Duett zwischen Mick Jagger und Keith Richards wirkt beinahe versöhnlich und erinnert daran, dass diese außergewöhnliche Partnerschaft trotz aller Konflikte bis heute funktioniert. ´Covered In You´ bringt anschließend mit Paul McCartney am Bass einen weiteren prominenten Gast ins Spiel. Seine Präsenz drängt sich allerdings nie auf, sondern fügt sich organisch in den dichten Groove des arena-tauglichen Rhythm-and-Blues ein.

Garage Rock, Punk-Attitüde und eine angenehm raue Live-Atmosphäre verleihen ´Side Effects´ dennoch eine gewisse Massentauglichkeit. Danach übernimmt Keith Richards auf ´Back In Your Life´ das Mikrofon. Seine brüchige Stimme passt perfekt zu diesem entspannten Country-Rocker über verpasste Chancen, Erinnerungen und die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.

Den Abschluss bildet schließlich ´Beautiful Delilah´. Die Hommage an Chuck Berry ist weit mehr als nur eine Coverversion. Gemeinsam mit Chad Smith und Bruno Mars entfacht die Band noch einmal ein akustisches Feuerwerk aus Rock’n’Roll, das direkt zu den musikalischen Anfängen der STONES zurückführt. Nach über sechzig Jahren schließt sich hier auf grandiose Weise ein Kreis.

Andrew Watt setzt auch diesmal auf eine direkte, warme Produktion. Im Vergleich zum Vorgänger ´Hackney Diamonds´ wirkt ´Foreign Tongues´ deutlich erdiger und weniger auf große Radiohymnen ausgerichtet. Die Gitarren stehen stärker im Mittelpunkt und die gesamte Platte vermittelt das Gefühl, einer hervorragend eingespielten Band im selben Raum zuzuhören. Die zahlreichen Gastmusiker – darunter Steve Winwood, Robert Smith, Paul McCartney und Benmont Tench – bereichern einfach nur die Songs.

Dabei liegt die größte Stärke des Albums nicht in spektakulären Experimenten, sondern in seiner Natürlichkeit. ´Foreign Tongues´ versucht nie, mit jüngeren Bands zu konkurrieren. Stattdessen setzen THE ROLLING STONES konsequent auf jene Tugenden, die sie seit den Sechzigern begleiten: starke Songs, unnachahmlichen Groove, trockenen Humor und zwei Gitarristen, deren Zusammenspiel noch immer zum Besten gehört, was der Rock zu bieten hat.

´Foreign Tongues´ ist deshalb ein erstaunlich vitales Spätwerk. Ein Album voller Charakter, das Blues, Rock’n’Roll, Country, Soul und klassischen Rock mühelos miteinander verbindet. Vielleicht nicht mehr so ungestüm wie einst, dafür aber mit einer Gelassenheit und Reife, die nur wenige Bands jemals erreichen. Wer THE ROLLING STONES liebt, bekommt hier keine Abschiedsvorstellung, sondern den eindrucksvollen Beweis, dass große Rockmusik zeitlos bleibt.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/therollingstones

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