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GEORGE BENSON – Breezin’

1976/2026 (Analogue Productions) - Stil: Smooth Jazz

Es ist einer dieser warmen Abende Mitte der Siebzigerjahre. Vor den Clubs stehen glänzende Limousinen, aus geöffneten Fenstern dringt der Duft von Zigarren und frisch gemahlenem Kaffee. Hinter der Bar klirren Gläser, gedämpftes Licht legt einen goldenen Schleier über den Raum. Männer tragen schmale Anzüge, Frauen elegante Kleider. Niemand spricht laut. Alle warten auf diesen Moment. Dann erklingt diese Gitarre. Keine Hektik. Kein Wettlauf um die meisten Töne. Stattdessen ein Klang, der den Raum mit einer fast schwerelosen Selbstverständlichkeit erfüllt. – So beginnt 1976 ein Album, das den Jazz veränderte, ohne ihn jemals zu verraten: ´Breezin’´.

George Benson gelang etwas, das zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte. Er brachte die Sprache des Jazz in Wohnzimmer, Autoradios und HiFi-Anlagen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Puristen diskutierten darüber, Millionen Hörer verliebten sich in diese Musik. Heute gilt ´Breezin’´ als Schlüsselwerk des Smooth Jazz und als eines der erfolgreichsten Jazzalben überhaupt. Platz eins der Billboard Pop-, Jazz- und R&B-Charts, mehrfach mit Platin ausgezeichnet und gekrönt mit mehreren Grammy Awards. Hinter diesem Erfolg steht jedoch weit mehr als eine glückliche Veröffentlichung. Es ist das Zusammentreffen außergewöhnlicher Musiker, eines visionären Produzenten und eines Künstlers, der genau im richtigen Moment den Mut hatte, einen neuen Weg einzuschlagen.

Als ´Breezin’´ erschien, hatte George Benson bereits fast anderthalb Jahrzehnte als einer der angesehensten Gitarristen des modernen Jazz hinter sich. Seine Karriere begann Anfang der Sechzigerjahre in Pittsburgh, zunächst als Sänger und Gitarrist, ehe er sich rasch einen Ruf als Solist mit außergewöhnlicher Technik erarbeitete. Aufnahmen für “Prestige”, “Columbia” und später “CTI Records” zeigten einen Musiker, der Hard Bop, Soul Jazz und die damals aufkommende Fusion gleichermaßen beherrschte.

Den entscheidenden Schritt ermöglichte der Wechsel zu “Warner Bros. Records”. Produzent Tommy LiPuma erkannte früh, dass in Benson weit mehr steckte als ein virtuoser Jazzgitarrist. Er hörte einen Musiker, der Melodien mit derselben Selbstverständlichkeit spielen konnte, mit der andere sie sangen.

Die Aufnahmen fanden 1976 in den “Capitol Studios” in Los Angeles statt. Vieles, was später legendär wurde, entstand erstaunlich spontan. Statt unzählige Takes aufzunehmen, vertraute Produzent Tommy LiPuma auf den ersten Impuls. Viele Passagen der Platte stammen tatsächlich aus den ersten vollständigen Durchläufen.

Bis zu diesem Zeitpunkt galt George Benson vor allem als Gitarrist. Zwar wusste sein engeres Umfeld, dass er hervorragend singen konnte, im Studio hatte er diese Seite jedoch kaum gezeigt. LiPuma schlug vor, Leon Russells Ballade ´This Masquerade´ mit Gesang aufzunehmen. Und George Benson stellte sich ans Mikrofon. Der erste komplette Durchgang überzeugte alle Anwesenden. Seine Stimme klang natürlich, warm und vollkommen unverkrampft. Es gab keinen Grund, nachzubessern. Genau diese Aufnahme blieb auf dem Album und entwickelte sich wenige Monate später zu einem Welthit.

Selbst der charakteristische Gitarrenton entstand beinahe zufällig. Benson spielte erstmals eine neue Gibson Johnny Smith und kombinierte sie mit einem Polytone-Verstärker, den er gerade zum Testen erhalten hatte. Zusammen ergaben beide Komponenten jenen weichen, runden Klang, der später zum Markenzeichen einer ganzen Stilrichtung werden sollte.

Ein Album wie ´Breezin’´ lebt allerdings auch entscheidend von seiner Besetzung. Jeder Musiker trägt dabei zum Gesamtbild bei: George Benson übernimmt natürlich Gitarre und Gesang. Jorge Dalto steuert akustisches Klavier und Clavinet bei. Ronnie Foster bringt Fender Rhodes, Minimoog und elektrische Klangfarben ein. Phil Upchurch übernimmt Rhythmusgitarre und auf mehreren Titeln den Bass. Stanley Banks ergänzt auf den übrigen Titeln einen federnden, präzisen Bass, während Harvey Mason am Schlagzeug mit außergewöhnlicher Feinfühligkeit arbeitet. Ralph MacDonald fügt mit seiner Percussion noch dezente Farben hinzu. Und über allem schweben die Arrangements von Claus Ogerman. Seine Orchesterarbeit gehört zu den elegantesten ihrer Zeit.

Von zentraler Bedeutung sind jedoch die Kompositionen und schon die ersten Sekunden von ´Breezin’´ wirken wie das Öffnen eines Fensters an einem sonnigen Frühlingsmorgen. Bobby Womacks Komposition erhält durch George Benson eine völlig neue Identität. Phil Upchurch legt einen federnden Rhythmus darunter, Harvey Mason hält den Puls locker und souverän, während Claus Ogermans Streicher den Hintergrund in warme Farben tauchen. George Benson spielt darüber Melodien, die mühelos fließen. Alles atmet Ruhe und Gelassenheit. Hier wird deutlich, weshalb dieses Stück bis heute als Inbegriff des Smooth Jazz gilt.

Mit ´This Masquerade´ verändert sich die Stimmung. In Leon Russells Ballade klingt George Bensons Stimme intim, beinahe verletzlich. Besonders beeindruckend bleibt sein charakteristisches Mitsingen der Gitarrenlinien, das später zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen wurde. Die Aufnahme besitzt bis heute eine zeitlose Eleganz.

´Six To Four´ öffnet anschließend das Fenster Richtung Jazz Fusion. Phil Upchurch liefert eine Komposition voller Energie und rhythmischer Raffinesse. George Benson erinnert mit seinem schnellen, präzisen Solospiel daran, warum er bereits vor ´Breezin’´ zu den angesehensten Jazzgitarristen seiner Generation gehörte. Wer hier genau hinhört, entdeckt Anklänge an den elektrischen Jazz jener Jahre, wie ihn WEATHER REPORT oder RETURN TO FOREVER auf ganz andere Weise entwickelten.

Die zweite Hälfte beginnt mit ´Affirmation´. José Felicianos Komposition verbindet lateinamerikanische Rhythmen mit melodischem Modern Jazz. Claus Ogermans orchestrale Arrangements verleihen dem Stück eine fast filmische Weite. George Benson entwickelt dazu sein Solo Schritt für Schritt. Jede Phrase baut auf der vorherigen auf und führt die Musik organisch weiter.

Mit ´So This Is Love?´ folgt George Bensons einzige Eigenkomposition des Albums. Ronnie Fosters warmes Fender Rhodes bestimmt das Klangbild. Das Ergebnis erinnert an die nächtliche Atmosphäre der frühen Quiet-Storm-Radiosendungen, die Ende der Siebzigerjahre immer populärer wurden. Hier steht keine Virtuosität im Mittelpunkt, sondern Stimmung, Timing und Klangfarbe.

Den Abschluss bildet ´Lady´ aus der Feder von Ronnie Foster. Claus Ogermans Streicher treten noch einmal stärker hervor und verleihen dem Finale einen eleganten, beinahe orchestralen Charakter. George Benson spielt zurückhaltend, konzentriert sich auf Melodie und Ausdruck. Das Album endet so ruhig, wie es begonnen hat – mit dem Gefühl, eine überraschende Erkundung erlebt zu haben, die weit über sechs Jazzstücke hinausgeht.

1976 befand sich der Jazz an einem Wendepunkt. Der Bebop hatte seine großen Jahre hinter sich, Jazz-Rock-Fusion wurde immer komplexer, während Funk und Disco die Clubs dominierten. Viele Jazzmusiker standen vor der Frage, ob sie sich dem Zeitgeist anpassen oder ihrem bisherigen Weg treu bleiben sollten.

George Benson fand einen dritten Weg. Er reduzierte den Jazz nicht auf leichte Unterhaltung. Er machte ihn zugänglich, ohne seine musikalische Substanz aufzugeben. Darin liegt bis heute die außergewöhnliche Bedeutung von ´Breezin’´. Das Album gilt als eines der Werke, die den Smooth Jazz entscheidend geprägt haben. Gleichzeitig blieb George Benson stets ein Improvisator mit tiefen Wurzeln im Hard Bop.

Diese Verbindung erklärt den bis heute anhaltenden Erfolg. Wer das Album als Jazz hört, entdeckt feine Harmonien, elegante Improvisationen und ein hervorragend eingespieltes Ensemble. Wer es als Soul- oder Popalbum auflegt, findet eingängige Melodien und einen natürlichen Groove. Beides funktioniert gleichermaßen überzeugend.

Dementsprechend brachte diese Aufnahme George Benson den endgültigen Durchbruch als Sänger und bescherte ihm den Grammy für Record of the Year. Für einen Künstler, der bis dahin vor allem als Gitarrenvirtuose bekannt war, stellte das einen historischen Moment dar.

Fast fünf Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung erhält ´Breezin’´ eine Neuauflage, die sich klar an anspruchsvolle Vinylhörer richtet. “Analogue Productions” veröffentlicht das Album als Teil der “Acoustic Sounds 40 Series”, einer Jubiläumsreihe mit vierzig ausgewählten Klassikern aus verschiedenen Genres.

Für diese Ausgabe griff Matthew Lutthans bei “The Mastering Lab” auf die originalen analogen Masterbänder zurück. Geschnitten wurde mit 45 Umdrehungen pro Minute auf zwei 180g-LPs. Gepresst wurde die Edition bei “Quality Record Pressings”, deren Produktionen seit Jahren zu den hochwertigsten Vinylpressungen weltweit zählen.

Auch die Verarbeitung überzeugt. Das schwere Stoughton-Tip-on-Gatefold gehört zu den besten Verpackungen, die heute im Vinylbereich erhältlich sind. Für viele Sammler dürfte diese Ausgabe künftig die Referenzpressung von ´Breezin’´ darstellen.

George Benson gelang 1976 ein Kunststück, das bis heute außergewöhnlich geblieben ist. Er verband die improvisatorische Freiheit des Jazz mit der Eleganz von Soul, der Wärme des R&B und der Eingängigkeit großer Popmelodien. Dabei verlor er nie den Respekt vor seinen musikalischen Wurzeln. Jede Note seiner Gitarre erzählt von den Jahren im Hard Bop, jede Gesangszeile wirkt ehrlich und ohne jede Pose. Tommy LiPuma schuf gemeinsam mit Toningenieur Al Schmitt eine Produktion, die bis heute als Musterbeispiel für analogen Studiosound gilt. Und das Album selbst klingt nie nach einem Kompromiss zwischen Jazz und Pop. Es klingt nach George Benson.

Dass diese Platte heute als Meilenstein des Smooth Jazz gilt, überrascht kaum. Ebenso wenig ihr kommerzieller Erfolg mit Platz eins der Billboard-Pop-, Jazz- und R&B-Charts sowie mehreren Grammy-Auszeichnungen. Kaum ein Album hat so viele Menschen erstmals mit Jazz in Berührung gebracht. Für unzählige Hörer begann die Reise in dieses Genre genau mit ´Breezin’´. Und fast fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung besitzt ´Breezin’´ noch immer dieselbe Wirkung wie 1976.

Die Musik wirkt entspannt, offen und voller Wärme. George Bensons Gitarre scheint jede Hektik des Alltags für einen Moment auszublenden. Man legt die Nadel auf die Platte, hört die ersten Takte des Titelstücks und plötzlich fühlt sich die Welt für vierzig Minuten ein wenig leichter an.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/GeorgeBenson

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