
MIRROR OF MY SOUL – October Is Rising
2026 (Majestic Mountain Records) - Stil: Melancholischer Gothic-Folk
Es gibt Alben, in die man hineingerät wie in einen kalten Herbstmorgen, wenn Nebelschwaden über feuchte Wiesen ziehen, kahle Äste im Wind knarren und jeder Schritt Erinnerungen freilegt, die längst vergessen schienen. Genau diese Stimmung umgibt ´October Is Rising´, das Debüt von MIRROR OF MY SOUL.
Hinter diesem Namen verbirgt sich der schwedische Musiker Patrik Andersson Winberg, den viele von DUN RINGILL, THE ORDER OF ISRAFEL oder DOOMDOGS kennen. Wer jedoch eine weitere Doom- oder Heavy Rock-Platte erwartet, wird bereits nach wenigen Minuten überrascht. Dieses Album ist ein radikal ehrliches Solo-Debüt. Fünf Jahre lang ließ Patrik Andersson Winberg die Songs wachsen, ohne sich von stilistischen Grenzen oder Erwartungen einschränken zu lassen. Das Ergebnis besitzt eine Ehrlichkeit, die heute selten geworden ist.
Der eröffnende Titel ´The One Who Sings The Songs´ setzt auf sanfte Gitarren, viel Raum zwischen den einzelnen Noten und eine beinahe zerbrechliche Atmosphäre. Hier geht es nicht um große Gesten oder spektakuläre Arrangements. Jeder Ton und jede Zeile trägt Gewicht. Mit dem Titelsong ´October Is Rising´ ziehen dunkle Gitarrenflächen, dezente Keyboardfarben und eine melancholische Eleganz auf, die stellenweise an FIELDS OF THE NEPHILIM erinnern. Die markante Stimme von Terry Slesser trägt den Song mit jener Gelassenheit eines Musikers, der seit Jahrzehnten Geschichten erzählt und jede Silbe mit Leben füllt.
Patrik Andersson Winberg zieht den Hörer beinahe unmerklich immer tiefer in seine Welt. ´Carry Your Soul´ lässt Folk, Gothic Rock und klassisches Songwriting zu einer melancholischen Ballade verschmelzen. ´A Good Day To Die´ entwickelt eine bedrückende Intensität, die an die großen Momente von NICK CAVE erinnert. Dunkle Harmonien treffen auf eindringliche Gesangslinien und erzeugen eine Atmosphäre zwischen Hoffnung und Resignation. ´Mina Fotavtryck´ ist hingegen der einzig schwedisch gesungene Titel des Albums. Die eigene Muttersprache verleiht den Zeilen eine emotionale Tiefe, die sich kaum übersetzen lässt.
Rhythmisch etwas beweglicher, mit leicht psychedelischem Einschlag, setzt ´Lost In The Red Wine´ einen willkommenen Kontrast innerhalb des ansonsten eher ruhigen Flusses. ´Coyote´ erinnert stellenweise an düsteren Americana-Folk, irgendwo zwischen JOHNNY CASH und den stilleren Momenten von NICK CAVE. ´Tree On That Hill´ offenbart erst nach mehreren Durchgängen seine eigentliche Qualität. Die Melodie wächst langsam, beinahe unmerklich, bis sie sich dauerhaft festsetzt. ´The Letter´ lebt von seiner erzählerischen Kraft, ´Dancing Slowly On The Porch´ lässt vor dem inneren Auge Bilder verlassener Holzhäuser, herbstlicher Landschaften und langsam fallender Blätter entstehen, während ´The Painter´ nochmal Melancholie, Hoffnung, Erinnerung und leise Zuversicht aufgreift.
Großen Anteil an der besonderen Atmosphäre besitzen auch die zahlreichen Gastmusiker: Pete Campbell am Schlagzeug, Patric Grammann an den Gitarren und Per Wiberg an den Keyboards. Dazu kommen zahlreiche Sängerinnen und Sänger, darunter Richard Reynolds, Andy Campbell, Damon Collum, Philip Lindgren, Niklas Sjöberg und Terry Slesser, die jedem Lied einen eigenen Charakter verleihen.
Genau an dieser Stelle offenbart sich allerdings auch die einzige kleine Schwäche des Albums. Durch die ständig wechselnden Stimmen fehlt stellenweise eine eindeutige gesangliche Identität. Jeder Interpret liefert eine überzeugende Leistung, dennoch wirkt ´October Is Rising´ dadurch eher wie eine Sammlung eng verwandter Geschichten als das Werk eines einzelnen Erzählers. Dieser Eindruck schmälert die Qualität der einzelnen Songs kaum, verhindert jedoch, dass das Album als geschlossenes Ganzes die allerhöchsten Stufen erklimmt.
Patrik Andersson Winberg hat mit MIRROR OF MY SOUL kein weiteres Rockalbum aufgenommen. Er hat ein sehr persönliches Tagebuch vertont. ´October Is Rising´ lebt von leisen Zwischentönen und von der Bereitschaft, Emotionen ohne Schutzschild zuzulassen. Wer große Refrains, eingängige Hits oder spektakuläre Gitarrengewitter erwartet, dürfte sich schwerer tun. Wer dagegen Musik als Reise begreift, entdeckt hier eines der stillen und lieblichsten Debüts des Jahres. Wie ein Herbstwald, dessen Farben sich mit jedem Sonnenstrahl verändern, offenbart auch ´October Is Rising´ immer neue Details.
(8,5 Punkte)



