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MERLE HAGGARD AND THE STRANGERS – Mama Tried

1968/2009 (Capitol Records) - Stil: Country

´Mama Tried´ gehört zu jenen Alben, die nach Jahrzehnten nicht wie ein vergilbtes Familienfoto wirken, sondern niemals altern. Sobald Roy Nichols die ersten Gitarrentöne anschlägt und Merle Haggard seine unverwechselbare Stimme erhebt, öffnet sich ein Fenster in das Amerika der späten Sechzigerjahre – zwischen staubigen Highways, Gefängnismauern, Honky-Tonks und den Hoffnungen einfacher Menschen. Diese Platte erzählt keine erfundenen Geschichten. Sie lebt von Erfahrungen, Reue und dem unbeirrbaren Glauben daran, dass Ehrlichkeit die stärkste Währung der Country-Musik bleibt.

1968 befanden sich MERLE HAGGARD AND THE STRANGERS auf dem Höhepunkt ihres kreativen Schaffens. Während Nashville zunehmend auf weichere Produktionen und orchestrale Arrangements setzte, verteidigte Merle Haggard gemeinsam mit THE STRANGERS den rauen Bakersfield Sound mit einer Entschlossenheit, die ihn neben BUCK OWENS zum wichtigsten Gegenpol des Nashville-Sounds machte. Zeitgleich entstanden Werke von JOHNNY CASH, WAYLON JENNINGS oder später WILLIE NELSON, doch Merle Haggards Musik besaß eine Bodenständigkeit, die unmittelbar aus seinem eigenen Leben erwuchs. Seine Zeit im Gefängnis von San Quentin war keine Marketinggeschichte. Sie hatte Narben hinterlassen – und diese Authentizität macht ´Mama Tried´ bis heute so außergewöhnlich.

Die Aufnahmen entstanden mit einer Band, die längst blind miteinander harmonierte. Gitarrist Roy Nichols verlieh jedem Song seinen unverwechselbaren, glasklaren Twang, während Norman Hamlets Pedal Steel jede Zeile mit melancholischen Farben ausmalte. Eddie Burris, Jerry Ward und George French sorgten für ein Rhythmusfundament, das federnd und präzise zugleich wirkte. Hinzu kamen prominente Gäste wie Glen Campbell und James Burton, deren Gitarrenarbeit dem Album zusätzliche Eleganz verlieh. Bonnie Owens steuerte warme Harmoniestimmen bei und spielte zugleich eine entscheidende Rolle hinter den Kulissen. Sie machte Merle Haggard während einer gemeinsamen Tour mit Dolly Parton auf deren Komposition ´In The Good Old Days (When Times Were Bad)´ aufmerksam, lange bevor Dolly Parton selbst den Song veröffentlichte.

Im Mittelpunkt steht selbstverständlich der Titelsong ´Mama Tried´. Kaum ein anderer Country-Song verbindet autobiografische Ehrlichkeit und eingängige Melodie derart meisterhaft. Merle Haggard verarbeitet seine Jugend, seine Gefängnisstrafe und den Schmerz, seiner Mutter Kummer bereitet zu haben. Die berühmte Textzeile über eine lebenslange Haft mag dichterische Freiheit sein, ihre emotionale Wirkung bleibt überwältigend. Roy Nichols eröffnet den Song mit einem Gitarrenlauf, der längst Musikgeschichte geschrieben hat. Der treibende Rhythmus kontrastiert eindrucksvoll mit der Tragik des Textes und macht den Titel zu einer der größten Hymnen des Bakersfield Sounds.

Auch die übrigen Stücke besitzen enormes Gewicht. ´Green, Green Grass Of Home´ entwickelt unter Merle Haggards Stimme eine bedrückende Intensität, während Norman Hamlets Pedal Steel den unausweichlichen Gang des Gefangenen begleitet. JOHNNY CASHs ´Folsom Prison Blues´ erhält eine eigenständige Interpretation voller messerscharfer Gitarren und nordkalifornischer Erdigkeit. ´In The Good Old Days (When Times Were Bad)´ zeichnet das Bild einer armen, aber würdevollen Kindheit und zeigt eindrucksvoll Merle Haggards Gespür für große Songwriter. Mit ´I Could Have Gone Right´ kehrt die Reue zurück, während ´Teach Me to Forget´ und ´You’ll Never Love Me Now´ zu den bewegendsten Herzschmerz-Balladen des Albums zählen. Selbst das augenzwinkernde ´Little Ole Wine Drinker Me´ oder das beschwingte ´Run ‘Em Off´ fügen sich organisch in dieses stimmige Gesamtbild ein.

Klanglich bleibt ´Mama Tried´ ein Musterbeispiel für den Bakersfield Sound. Elektrische Telecaster-Gitarren stehen selbstbewusst im Vordergrund, die Pedal Steel singt beinahe mit menschlicher Stimme. Die Produktion wirkt transparent und frei von überflüssigem Ballast. Jeder Anschlag besitzt Kontur, jede Nuance von Merle Haggards Gesang erreicht den Hörer. Gerade dieser Verzicht auf klangliche Überinszenierung macht das Album bis heute zeitlos.

Der Einfluss von ´Mama Tried´ reicht weit über den klassischen Country hinaus. Der Titelsong wurde von zahllosen Künstlern interpretiert, darunter THE GRATEFUL DEAD, JOAN BAEZ oder Chris Stapleton. ´Mama Tried´ gehört zu den bedeutendsten Country-Veröffentlichungen überhaupt, während der Titelsong längst in der Grammy Hall of Fame und im National Recording Registry der Library of Congress seinen festen Platz gefunden hat. Für viele Musiker bildet diese Platte eine Brücke zwischen traditionellem Country und dem späteren Outlaw-Movement, das Künstler wie WAYLON JENNINGS und WILLIE NELSON entscheidend prägen sollte.

Unter Sammlern genießt besonders die 2009 erschienene 180g-Ausgabe der Reihe “From The Capitol Vaults” von “Capitol Records” einen ausgezeichneten Ruf. Das schwere Vinyl liegt satt auf dem Teller, das originalgetreu reproduzierte Artwork vermittelt den Charme der späten Sechzigerjahre, und die Pressqualität überzeugt gänzlich. Für Liebhaber klassischer Country-Aufnahmen gehört diese Neuauflage zu den empfehlenswertesten Editionen des Albums.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung hat ´Mama Tried´ nichts von seiner Kraft eingebüßt. Dieses Album lebt von Geschichten, die niemals an Glaubwürdigkeit verlieren, von Musikern, deren Zusammenspiel fast telepathisch erscheint, und von einem Sänger, der seine Fehler niemals versteckte. Merle Haggard verwandelte persönliches Scheitern in universelle Kunst. Genau deshalb bleibt ´Mama Tried´ einer der großen Eckpfeiler amerikanischer Musikgeschichte – ein Album voller Menschlichkeit und jener seltenen Ehrlichkeit, die jede Generation aufs Neue berührt.

https://www.facebook.com/merlehaggard

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