
CARLA BLEY – Joyful Noise (Live in Hamburg 1984)
2026 (MIG Music) – Stil: Jazz
Hamburg, März 1984. Der Wind weht kalt über die Elbe, während sich im “Studio 10” des NDR eine jener Nächte zusammenbraut, die erst Jahrzehnte später ihre ganze Bedeutung offenbaren. Drinnen sitzen zehn Musiker, Instrumente auf den Knien, Notenständer vor sich, bereit für eine Reise durch das einzigartige Universum von CARLA BLEY.
Es gibt Komponisten, die Musik schreiben. Und es gibt Carla Bley. Ihre Stücke wirken oft wie kleine Kurzfilme voller Ironie, Melancholie, Überraschungen und absurder Schönheit. Wo andere Jazzmusiker Linien ziehen, baut sie ganze Landschaften. Wo DUKE ELLINGTON Farben mischte und CHARLES MINGUS Geschichten erzählte, erschafft Carla Bley Parallelwelten. Manchmal erinnern ihre Kompositionen an die anarchische Fantasie von FRANK ZAPPA, dann wieder an die orchestrale Eleganz eines GIL EVANS. Doch letztlich klingt niemand wie Carla Bley.
An diesem Abend des NDR Jazzworkshops befindet sich ihre Band auf einem kreativen Höhepunkt. Die Arrangements sind komplex, aber nie verkopft. Die Solisten erhalten Raum zum Atmen. Humor und Ernsthaftigkeit gehen Hand in Hand.
Schon mit dem eröffnenden ´La Paloma´ macht die CARLA BLEY BAND unmissverständlich klar, dass hier keine gewöhnliche Jazzformation auf der Bühne steht. Die bekannte Melodie dient lediglich als Ausgangspunkt für eine Reise durch Bleys eigenwilligen Klangkosmos, in dem Ironie, Eleganz und musikalische Abenteuerlust ständig die Plätze tauschen. Die zehn Musiker agieren mit einer Selbstverständlichkeit miteinander, die nur durch jahrelanges gemeinsames Spielen entstehen kann.
Überhaupt lebt dieser Abend von einer bemerkenswerten Balance zwischen hochkomplexen Arrangements und völliger Spielfreude. Immer wieder entstehen Momente, in denen die Band wirkt, als würde sie gleichzeitig komponieren und improvisieren. Steve Swallows elastischer Bass hält die unterschiedlichsten musikalischen Strömungen zusammen, während Schlagzeuger Victor Lewis dem Ensemble jene federnde Energie verleiht, die den gesamten Auftritt durchzieht.
Zu den Höhepunkten zählt zweifellos ´The Lord Is Listening’ To Ya, Hallelujah!´. Carla Bley taucht das Studio mit ihrer Orgel in warme Gospel-Farben und verwandelt den nüchternen Aufnahmeraum für einige Minuten in eine ausgelassene musikalische Feier. Die Bläser antworten mit mächtigen Chorälen, während Michael Mantlers Trompete wie ein einsamer Erzähler über dem Ensemble schwebt.
Einen weiteren Glanzpunkt setzt die herrlich verschrobene Interpretation von ´Misterioso´. THELONIOUS MONKS Komposition bleibt in all ihrer kantigen Schönheit erhalten, erhält durch Bleys Arrangements jedoch eine zusätzliche Portion Humor, Charme und Überraschungsmomente. In diesen Momenten zeigt sich ihre außergewöhnliche Begabung, Tradition zu respektieren und gleichzeitig spielerisch auf den Kopf zu stellen.
Spätestens in den ausufernden Passagen von ´Joyful Noise´, ´Venus Fly Trap´ oder ´Nu Derection´ erreicht das Konzert jene mitreißende Intensität, die große Live-Aufnahmen von bloßen Konzertdokumenten unterscheidet. Die Musik entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Mal erinnert die orchestrale Wucht an die großen Ensembles von CHARLES MINGUS oder GIL EVANS, dann wieder öffnet sich Raum für feine, fast kammermusikalische Dialoge.
Gerade diese ständigen Perspektivwechsel machen den Reiz dieses Mitschnitts aus. Die Band feiert hörbar jeden Augenblick, verliert dabei jedoch niemals die Kontrolle über die komplexen Strukturen der Musik. So entsteht über nahezu zwei Stunden jenes seltene Gefühl, Zeuge eines außergewöhnlichen Abends zu werden, an dem alles zusammenfand: Inspiration, Virtuosität, Humor und die unverwechselbare musikalische Handschrift von Carla Bley.
Dass dieser Mitschnitt über vier Jahrzehnte nahezu vergessen in den Archiven des NDR schlummerte, erscheint heute kaum vorstellbar. Umso größer ist die Freude, dieses Dokument endlich hören zu dürfen.
´Joyful Noise (Live in Hamburg 1984)´ zeigt Carla Bley auf dem Höhepunkt ihrer schöpferischen Kraft. Es dokumentiert eine Band, die nicht einfach ein Konzert spielt, sondern einen eigenen Kosmos erschafft.
Ein Archivfund. Ein Zeitdokument. Und vor allem: ein Abend voller Magie.
(Klassiker)



