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THE STROKES – Reality Awaits

2026 (RCA Records/Sony Music) - Stil: Dystopischer Art-Wave

Platte frisch auf den Teller, Nadel in die Rille, Verstärker auf Anschlag. Wenn aus den Boxen das erste Knistern entweicht und die Bässe unerbittlich in die Magengrube fahren, gibt es kein Zurück mehr.

Manche Veröffentlichungen schlagen ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wirbeln Staub auf und spalten die Fangemeinde in zwei unversöhnliche Lager. Genau an diesem Punkt stehen diese jetzt im Sommer 2026. THE STROKES haben es wieder getan. Sechs Jahre nach ihrem Meisterwerk ´The New Abnormal´ serviert uns die Fünferbande aus New York mit ´Reality Awaits´ ihr mittlerweile siebtes Studioalbum. Veröffentlicht über “RCA Records”, gelingt den Musikern um Frontmann Julian Casablancas eine Scheibe, die gewaltig am Thron des bisherigen Schaffens rüttelt und den klassischen Garagenrock-Sound der Frühphase mit voller Absicht an die Wand fährt.

Um zu begreifen, warum dieses Werk, neben den Temperaturen im Sommer 2026, die Gemüter so extrem erhitzt, muss man den Blick zurückwerfen als THE STROKES zur Jahrtausendwende die Bühne betraten. Sie retteten mit ihren rotzigen Riffs und ihrer Lederjacken-Attitüde im Alleingang die Ehre der handgemachten Gitarrenmusik. Sie waren die unbestrittenen Könige der Szene, die Blaupause für eine ganze Generation von Nachfolgebands wie THE LIBERTINES oder ARCTIC MONKEYS. Doch die Zeiten, in denen zwei schrubbende E-Gitarren für das absolute Glück reichten, sind endgültig vorbei. Die Band hat sich gehäutet. Wo früher rotzige Ungestümtheit regierte, rotieren heute schwebende Soundlandschaften, dichte Synthesizer-Teppiche und eine düstere, melancholische New Wave-Atmosphäre. Wer also bloß auf eine Kopie von ´Is This It´ oder ´The New Abnormal´ gehofft hat, wird gnadenlos vor den Kopf gestoßen.

Klanglich beschreiten THE STROKES diesmal Pfade, die eher an epische Grenzgänger wie RADIOHEAD zu ihrer ´Kid A´-Phase oder die späten Experimente von THE CLASH erinnern. Die Produktion ist ein absoluter Kracher für Audiophile. Verantwortlich dafür zeigt sich einmal mehr die Produzentenlegende Rick Rubin, der das Quintett für die Aufnahmen in die schweißtreibende Dschungelprovinz Guanacaste nach Costa Rica verfrachtet hat. Rick Rubin hat den Bandsound extrem skelettiert. Anstatt die Boxen mit einer Wand aus schrammelnden Verstärkern zuzudröhnen, regieren minimalistische Rhythmen und breite Synthies. Der größte Streitpunkt dürfte allerdings der Gesang von Julian Casablancas sein. Der Sänger jagt seine Stimme oft und konsequent durch mächtige Auto-Tune-Schichten und Vocoder-Effekte. Ästhetisch erinnert diese Stimmverfremdung an legendäre Momente der Popgeschichte, irgendwo zwischen Cher zu ihren Hochzeiten Ende der Neunziger, DAFT PUNK und T-PAIN. Julian Casablancas nutzt das Modulationsgerät dabei als eigenständiges, kühles Instrument für den digitalen Albtraum.

Der Opener bricht dementsprechend brutal mit allen Sehnsüchten der Alt-Fans. ´Psycho Shit´ zieht sich über fünf Minuten lang hypnotisch und düster aus den Lautsprechern. Ein bedrohlicher Basslauf von Nikolai Fraiture drückt mächtig, während die bald einsetzende verfremdete Stimme den Hörer direkt in eine vernebelte Sound-Achterbahn entführt. Die Kritik an moderner Kriegsführung, Imperialismus und Völkermord entlädt sich im dröhnenden Abschluss. Es folgt das fulminante ´Dine N’Dash´, ein treibender Synth-Pop-Garant mit schrammelder Punk-Attitüde, bei dem Julian Casablancas den Konsumwahn der modernen Gesellschaft anprangert.

Für Traditionsbewusste hält das Album mit ´Lonely In The Future´ das wohl zugänglichste Highlight bereit. Hier blitzt das alte Feuer der Anfangstage auf. Die Gitarristen Albert Hammond Jr. und Nick Valensi werfen sich gewohnt präzise die zweistimmigen Picking-Bälle zu, während Schlagzeuger Fabrizio Moretti die Band mit gewohntem, lässigem Groove nach vorne treibt und Julian Casablancas in aller Überheblichkeit gegen die derzeitige Musikindustrie schiesst. Den nächsten Siedepunkt der emotionalen Achterbahn stellt die über sechsminütige Ballade ´Falling Out Of Love´ dar, die auf nostalgischen 80er-Jahre-Synthesizern dahin schwebt. Das sich anschließende ´Going To Babble On´ bebt zwischen Nostalgie und moderner Härte, zieht den Vergleich mit Babylon und prangert das aktuelle, korrupte System an.

Komplett im Bereich des Bizarren wildert die Band bei ´Liar’s Remorse´. Die Nummer verzichtet komplett auf ein Schlagzeug oder irgendwelche Percussions. Getragen von einem einsamen, kühlen Synthesizer-Impuls singt Julian Casablancas mit radikalem Vocoder-Effekt und einem fiktiven karibischen Akzent über die Herrschaft von Künstlicher Intelligenz. Wer es etwas beschwingter mag, greift zum ohrwurmtauglichen ´Going Shopping´, wo klassische Twang-Gitarren auf tanzbare Beats treffen und die eigene Vergänglichkeit besungen wird. Im Finale ´Tyrants Of The Mellow Moon´ brechen dann alle Dämme: Ein Gitarrensolo schraubt sich in den Nachthimmel, bevor die Scheibe in einer stimmungsvollen Spoken-Word-Passage über den Verfall von Ruhm und Ehre langsam verhallt.

Daher lesen sich auch die Geschichten rund um die Entstehung im Studio wie ein abgedrehtes Skript aus der Blütezeit des Rock ’n’ Roll. Rick Rubin verdonnerte die Truppe jeden Morgen vor den eigentlichen Aufnahmen dazu, eine Stunde lang vollkommen frei im Dschungel zu improvisieren. Abends saßen Julian Casablancas und Rick Rubin barfuß im Sand am Pazifik-Strand, lauschten dem Rohmaterial über Boxen am Swimmingpool und tüftelten wie besessene Sound-Freaks an den verrücktesten Klangideen. Für den Song ´The Fruits Of Conquest´ bediente man sich gar am verlangsamten Rhythmus-Gerüst des 80er-Hits ´Everything She Wants´ der Pop-Gruppe WHAM!, um darauf ein verstörendes Post Punk-Monster zu errichten.

In der heutigen Musiklandschaft wirkt dieses Werk wie ein erfrischender Befreiungsschlag. THE STROKES haben ein Album aufgenommen, das Hingabe und echte Aufmerksamkeit fordert. Die Erstpressung auf Vinyl kommt im Gatefold-Sleeve daher, geziert von dem melancholischen Foto-Kunstwerk von Johann Rashid im Stile von Richard Prince. Der Sound auf der schwarzen Rille ist unheimlich warm. Wenn man das Licht im Raum dimmt und die dunklen Bässe durch das Zimmer wogen, entfaltet die Scheibe ihre volle, hypnotische Anziehungskraft.

Aufgrund dieser feinen Balance, durch die die Tracks so nahtlos ineinandergreifen, vergisst man die Zeit und hört die Platte komplett in einem Rutsch durch. Rick Rubin hat es geschafft, aus diesen scheinbar chaotischen Elementen einen völlig eigenen, hypnotischen Sog zu bauen. Manchmal blitzt unter all den Synthesizern und Filtern plötzlich für ein paar Sekunden dieses typische, bittersüße STROKES-Gefühl durch – und schon wird man emotional wieder direkt ins Jahr 2001 oder 2020 zurückgeworfen. Man steht mit einem Fuß in der Zukunft, wird aber genau in den richtigen Momenten von der eigenen Bandgeschichte eingeholt.

´Reality Awaits´ ist ein mutiges, sperriges und faszinierendes Spätwerk einer Giganten-Band, die lieber ihre eigene Erfolgsformel zertrümmert, anstatt auf der Stelle zu treten. Wer den Mut hat, die Scheibe drei bis vier Mal auf den Plattenteller zu legen und den Effekt auf dem Gesang als eigenständiges Kunstmittel zu akzeptieren, wird mit einem eigensinnigen Experiment belohnt. Ein absolut würdiges Kapitel in der Diskografie dieser Ausnahmemusiker – wie ein Sommer-Album bei offener Garage im schwülen New York City.

Gegenwärtig 8,5 Punkte.

https://www.facebook.com/thestrokes

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