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JACOBS DREAM – Jacobs Dream

2000/2026 (Floga Records) - Stil: US Metal

Ein Röhrenfernseher flackert im Dunkeln. Dieses alte, warme Glimmen, bevor sich aus dem Rauschen ein Bild schält, das einen tiefer hineinzieht, als einem lieb ist. So ungefähr fühlt sich der erste Durchlauf von JACOBS DREAMs Debütalbum ´Jacobs Dream´ auch heute noch an, über ein Vierteljahrhundert nachdem es zum ersten Mal aus den Boxen wummerte.

Die Geschichte beginnt, wie so viele große amerikanische Metal-Geschichten, in der Provinz. Columbus, Ohio, 1994. Eine Handvoll junger Musiker nennt sich IRON ANGEL und übt in Kellern und Garagen, bis die Finger bluten. Drei Jahre wird geschraubt und verworfen und neu zusammengesetzt, bevor jemand merkt, dass es bereits eine Band mit diesem Namen gibt. Also wird die Gruppe umgetauft. JACOBS DREAM, ein Name, der nach der biblischen Himmelsleiter klingt.

1996 erscheint das erste Demo. Über 3.000 verkaufte Exemplare in Eigenregie sind für eine unbekannte Band aus dem Mittleren Westen eine kleine Sensation. Kein Wunder bei solchen Göttergaben wie ´The Jewel´. Doch der eigentliche Zündfunke kommt aus Europa. Ein Song wird auf einer Sampler-Reihe platziert und plötzlich klingeln in den USA die Telefone gleich mehrerer Label. Am Ende sichern sich “Metal Blade Records” das Rennen, und im Januar 2000 liegt das selbstbetitelte Debüt in den Plattenläden.

Produziert hat es Rick May persönlich, der für diese Aufnahmen auch gleich selbst hinter den Drums sitzt, während Gary Holtzman, ursprünglich der Mann am Schlagzeug der Band, für diese Platte zur Gitarre wechselt. James Evans bearbeitet den Bass, John Berry steuert Gitarre und Synthesizer bei, und am Mikrofon steht David Taylor, eine Stimme, die irgendwo zwischen den Wolken ihr eigenes Terrain absteckt, hoch und druckvoll. Diese Stimme trägt die ganze Platte.

Mit dieser Besetzung zieht die Band durch Europa, als Support für ARMORED SAINT und BRAINSTORM, und wer JACOBS DREAM damals auf kleinen Bühnen erlebt hat, schwärmt heute noch davon. Die Verwandtschaft zu STEEL PROPHET, IRON MAIDEN und SACRED WARRIOR ist unüberhörbar, doch die Band formt daraus etwas Eigenes, etwas, das trotz seiner biblischen, oft theologisch grundierten Texte niemals predigt, sondern erzählt.

Mit dem Opener ´Kinescope´ setzt die Band sofort ein Ausrufezeichen. Ein mächtiges Keyboard-Riff ebnet den Weg für die erste große Hymne des Albums, während David Taylor mühelos in schwindelerregende Höhen aufsteigt. Verschlungene Gitarrenharmonien prägen anschließend ´Funambulism´, wo John Berry und Gary Holtzman ihre Melodielinien kunstvoll umeinander kreisen lassen. Deutlich härter fällt ´Scape Goat´ aus. Druckvolles Riffing trifft auf einen Gesang, der bisweilen wie aus einer anderen Welt klingt. Inhaltlich setzt sich der Song mit den Folgen des Massakers an der Columbine High School auseinander und prangert die Neigung an, vorschnell Sündenböcke zu suchen, statt die eigentlichen Ursachen zu hinterfragen.

Düster und beinahe gespenstisch präsentiert sich ´Mad House Of Cain´. Zwischen akustischen Passagen und schleichender Atmosphäre entsteht ein faszinierendes Klangbild rund um die biblische Figur Kain. Ohne Unterbrechung schließt sich ´Tale Of Fears´ an, getragen von melodischen Zwillingsgitarren. ´Crusade´ entwickelt sich anschließend zu einem epischen, marschartigen Brocken. Was zunächst wie eine heroische Huldigung der Kreuzzüge wirkt, entpuppt sich mit jeder Zeile mehr als scharfe Kritik an religiösem Fanatismus und Machtmissbrauch.

Rein instrumental demonstriert ´Black Watch´ eindrucksvoll das technische Niveau der Band. Dunkle Riffs, treibende Dynamik und das Gastsolo von Rob Johnson (MAGNITUDE 9) machen den Titel zu einem der musikalischen Höhepunkte. Danach sorgt die Ballade ´Love & Sorrow´ mit ihrer melancholischen Stimmung für einen Moment des Innehaltens, ehe ´The Gathering´ den Blick wieder nach oben richtet und David Taylor seine enorme stimmliche Bandbreite eindrucksvoll ausspielt.

´Never Surrender´ trägt das Zeug zur Live-Hymne in sich. Der Refrain lädt förmlich dazu ein, von Tausenden Kehlen mitgesungen zu werden. Den regulären Abschluss bildet ´The Bleeding Tree´, das noch einmal sämtliche progressiven Stärken der Band bündelt und mit der Symbolik eines geopferten Löwen einen beinahe sakralen Schlusspunkt setzt. Als Zugabe folgt ´Violent Truth´, ein kraftvoller Bonus-Track über Straßengewalt, Sucht und Ausbeutung, der das Album mit der nötigen Härte verabschiedet.

Diese Platte erfreut sich bei Kennern seit ihrer Veröffentlichung großer Beliebtheit. Denn in diesem rauen, ungeschönten Klang irgendwo zwischen Kellerstudio und großer Bühne steckt jene Magie, die alte Metal Scheiben von heutigen Hochglanzprodukten unterscheidet. Zwischen den Zeilen mancher Songs schimmert der Glaube der Band durch, doch niemand muss diesen Glauben teilen, um sich von Zeilen über Sündenböcke, Kreuzzüge oder verlorene Liebe berühren zu lassen.

Wer in den Neunzigern mit STEEL PROPHET groß geworden ist, frühe FATES WARNING, frühe QUEENSRŸCHE oder CRIMSON GLORY verehrt, findet hier viele vertraute Fingerabdrücke wieder, ohne dass JACOBS DREAM je zur bloßen Kopie verkommen. Diese Band hatte ihre eigene Handschrift, und das macht dieses Debüt bis heute zu einem Fund, den sich Kenner wie ein Geheimzeichen zuflüstern. Der Fernseher flackert noch immer. Das Bild ist längst scharf. Und es lohnt sich, noch einmal hinzusehen.

https://www.facebook.com/OfficialJacobsDream

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