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LINDA RONSTADT – Hasten Down The Wind

1976/2026 (Elektra Records / Asylum Records) - Stil: Rock/Country Rock

März 1976, Sound Factory, Hollywood. Linda Ronstadt steht auf dem absoluten Zenit ihrer Karriere, zwei Millionenalben in Folge im Rücken, und trotzdem wagt sie mit ihrem siebten Album etwas, das viele an ihrer Stelle nie riskiert hätten. Sie stellt sich selbst in den Hintergrund und macht Platz für Songwriter, die noch niemand kennt.

Bei „Asylum Records“, dem Label von David Geffen, das schon Jackson Browne, Tom Waits und Joni Mitchell beherbergte, hätte sich Linda Ronstadt mühelos auf ihrer eigenen Erfolgsformel ausruhen können. Stattdessen hört sie sich durch Demotapes einer völlig unbekannten jungen Songwriterin namens Karla Bonoff und ist so überzeugt, dass gleich drei ihrer Stücke aufs Album wandern. Dazu kommt Warren Zevon, damals pleite und kurz vor der Aufgabe, und ein Song, den Ry Cooder von einem fast fünfzig Jahre alten Gospel-Blues-Stück des schwarzen Wanderpredigers Washington Phillips ausgegraben hatte. ´Hasten Down The Wind´ ist ein Album über Entdeckungen, nicht über Wiederholung.

´Lose Again´ eröffnet die Platte ohne langes Vorspiel, kaum mehr als eine sanfte Akustikgitarre trägt Linda Ronstadts Stimme, bevor das Arrangement zu einer der gewaltigsten Power-Balladen der Saison anschwillt, geschrieben von eben jener Karla Bonoff. ´The Tattler´ ist dieses erwähnte Cover eines Covers, Ry Cooders Bearbeitung eines Washington-Phillips-Originals, gekleidet in warmen West-Coast-Folk-Rock. ´If He’s Ever Near´, wieder von Karla Bonoff, hält die Stimmung harmonisch und getragen.

Dann ´That’ll Be The Day´, und hier wird es interessant. Buddy Holly hatte die Titelzeile 1956 aus einem John-Wayne-Western geklaut, zwanzig Jahre später schließt sich der Kreis, als die in Arizona aufgewachsene Linda Ronstadt den Song mit einem schweren, fast an LED ZEPPELIN erinnernden Riff neu erfindet. Andrew Gold und Waddy Wachtel spielen ihr Gitarrensolo exakt synchron ein, Note für Note doppelt getrackt, und machen daraus einen der größten Rock-Hits ihrer Karriere.

Mit ´Lo Siento Mi Vida´ folgt der erste spanischsprachige Song ihrer Karriere, den sie gemeinsam mit ihrem Vater Gilbert Ronstadt textete, weil ihr eigenes Spanisch noch nicht für die richtigen poetischen Worte reichte. Statt auf Mariachi setzt die Band auf Dan Dugmores weinende Pedal-Steel-Gitarre, ein kalifornisches Gewand für ein zutiefst mexikanisches Herz. Seite eins schließt mit dem Titelsong ´Hasten Down The Wind´ von Warren Zevon, ein melancholisches Duett, bei dem im Hintergrund niemand Geringeres als Don Henley mitsingt.

Seite zwei eröffnet mit ´Rivers Of Babylon´, Jahre bevor BONEY M. daraus einen Disco-Welthit machte. Linda Ronstadt schneidet den Reggae-Rhythmus komplett heraus und lässt nur dreistimmigen Satzgesang stehen, fast spirituell, fast Gospel. ´Give One Heart´ überrascht danach mit einem leichtfüßigen Reggae-Pop-Ausflug. ´Try Me Again´, neben ´Lo Siento Mi Vida´ der zweite Song, den sie selbst mitschrieb, klingt verletzlich und intim wie ein Geständnis.

´Crazy´ zu covern galt in Nashville 1976 fast als Sakrileg, aber Linda Ronstadt drosselt das Tempo noch weiter als Patsy Cline, zieht die Phrasierung in die Länge und macht aus dem Schlager eine rauchige, nächtliche Bar-Ballade. ´Down So Low´ ist gesanglich vielleicht die stärkste Leistung der ganzen Platte, mit Gospel-Chor im Rücken singt sie sich buchstäblich die Seele aus dem Leib, so kräftezehrend, dass sie den Song schon nach wenigen Live-Auftritten wieder von der Setlist strich, weil ihr regelmäßig die Tränen über das Gesicht liefen.

Den Schlusspunkt setzt ´Someone To Lay Down Beside Me´, wieder von Karla Bonoff. Es ist die bittersüße Chronik einer lähmenden urbanen Einsamkeit – die Geschichte einer Frau, die sich nach echter Zuneigung sehnt und sich auf flüchtige One-Night-Stands einlässt. Textlich fast schon zu heikel fürs konservative Radio von 1976, gerät es durch das dramatische Klavier-Finale von Andrew Gold jedoch musikalisch noch einmal zu einem absoluten Höhepunkt.

Das Cover-Foto von Ethan Russell, Linda Ronstadt am Strand, roter Top, weiße Shorts, der Blick über die Schulter zurückgeworfen, zählt bis heute zu den ikonischsten Plattenhüllen der Siebziger. Und während man ihr 1976 in Kritikerkreisen noch manchmal vorwarf, nur eine von Peter Asher gelenkte Interpretin zu sein, holte sie sich für eben dieses Album 1977 ihren zweiten von insgesamt dreizehn Grammys, als Best Pop Vocal Performance Female.

Heute gilt ´Hasten Down The Wind´ als das lange im Schatten seiner drei Geschwisteralben stehende Bindeglied ihrer goldenen Asylum-Jahre, ein Album, das mehr über ihr Gespür für großartige Songs verrät als über jede reine Stimm-Akrobatik.

Was diese Platte für Warren Zevon bedeutete, lässt sich kaum ausmalen. Als er erfuhr, dass Linda Ronstadt seinen Song covern und sogar zum Titelstück ihres neuen Albums machen würde, sprang er der Legende nach mitten beim Abendessen auf den Tisch, riss sich das Hemd auf und rieb sich ein Stück Schmorbraten über die Brust. Die Tantiemen retteten ihn finanziell und gaben ihm die nötige kreative Freiheit und das Budget, um kurz darauf mit ´Excitable Boy´ das ikonischste Album seiner eigenen Karriere im Studio aufzunehmen.

Fünfzig Jahre nach seiner Entstehung schließt sich damit ein Kreis. Der von Chris Bellman analog geschnittene Master erschien zunächst nur gebündelt in der exklusiven Vier-LP-Box ´The Asylum Years 1973-1977´, zusammen mit ´Don’t Cry Now´, ´Prisoner In Disguise´ und ´Simple Dreams´. Jetzt, im Rahmen der ´Spirit Of ’76´-Reihe von „Rhino Records“, gibt es diesen Schnitt endlich auch einzeln. Chris Bellman arbeitet bei Bernie Grundman Mastering in Los Angeles, und es hat fast etwas Poetisches, dass ausgerechnet Bernie Grundman schon 1976 die allererste Pressung dieses Albums selbst mastern durfte, jetzt schließt sein eigener Schüler diesen Kreis mit einem reinen AAA-Schnitt direkt von den Original-Bändern. Das Gatefold-Jacket, gepresst in Deutschland für maximale Laufruhe, macht die streng limitierte Indie-Retail-Exklusivität zu einem der begehrtesten Sammlerstücke des Jahres.

´Hasten Down The Wind´ ist kein Album, das nach schnellem Ruhm schreit, es ist eines, das seinen Ruhm mit anderen teilt. Linda Ronstadt hätte 1976 einfach den sicheren Weg gehen können. Stattdessen öffnete sie die Tür für Karla Bonoff, rettete Warren Zevon vor dem Aufgeben und sang zum ersten Mal in der Sprache ihres Vaters. Fünfzig Jahre später, im neuen Chris Bellman-Schnitt, klingt dieser Mut lauter als je zuvor.

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