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LINDA RONSTADT – Simple Dreams

1977/2026 (Elektra Records / Asylum Records) - Stil: Rock / Country Rock / Folk

September 1977. Nach neunundzwanzig Wochen ununterbrochener Herrschaft stürzt ein Album den unangefochtenen König der amerikanischen Charts vom Thron, Fleetwood Macs ´Rumours´. Der Thronräuber heißt ´Simple Dreams´, und die Frau dahinter, Linda Ronstadt, sitzt fünf Wochen lang selbst ganz oben. Im selben Atemzug verdrängt sie sogar Elvis Presley von der Spitze der Country-Charts, wo er seit seinem Tod im August ungeschlagen thronte. Ein einziges Album, zwei Legenden entmachtet.

1977 ist das Jahr, in dem der Punk alles verändern soll. Die SEX PISTOLS provozieren mit ´God Save The Queen´ ganz Großbritannien, und die amerikanische Musikpresse prophezeit bereits das Ende des sanften kalifornischen Country-Rock. Linda Ronstadt antwortet auf ihre eigene Art, nicht mit Ignoranz, sondern mit Attitüde. Ihre Version von Warren Zevons ´Poor Poor Pitiful Me´ singt sie so rotzig und aggressiv, dass selbst Hardliner aufhorchen, und ihr Cover von Buddy Hollys ´It’s So Easy´ treibt so druckvoll nach vorne, dass es sich mitten zwischen den Punk-Hits in den Charts behauptet. Am Ende gewinnt Linda Ronstadt dieses stille Duell klar, während der Punk im amerikanischen Mainstream-Radio noch jahrelang Außenseiter bleibt.

Musikalisch markiert ´Simple Dreams´ einen stillen, aber bedeutsamen Bruch. Zum ersten Mal seit ´Don’t Cry Now´ fehlt Andrew Gold in der Besetzung, der über Jahre den Sound ihrer Alben mitgeprägt hatte. An seine Stelle rückt eine neue Kernbesetzung aus der Laurel-Canyon-Elite, Waddy Wachtel an der Gitarre, Dan Dugmore an der Pedal-Steel, Kenny Edwards am Bass. Das Ergebnis klingt rauer, erdiger, rockiger als alles, was sie zuvor aufgenommen hatte.

´It’s So Easy´ eröffnet die Platte wie eine Explosion, ein treibender Basslauf, Waddy Wachtels schneidende E-Gitarre, Linda Ronstadts Gesang bleibt darin messerscharf und sauber, ohne im dichten Gitarren-Mix unterzugehen. ´Carmelita´, Warren Zevons melancholische Ballade über Drogensucht in Los Angeles, bekommt durch ein warmes Akkordeon eine fast mediterrane, bittersüße Schönheit. ´Simple Man, Simple Dream´, geschrieben von J.D. Souther, der damit zum dritten Mal in dieser Albumquadrologie seine Handschrift hinterlässt, trägt die typische West-Coast-Melancholie, für die er berühmt wurde.

´Sorrow Lives Here´ reduziert alles auf das Wesentliche, nur Linda Ronstadt und ein akustischer Flügel, ein extrem intimer, trauriger Moment. ´I Never Will Marry´ beschließt Seite eins als traditionelles Bluegrass-Duett mit Dolly Parton, nur Akustikgitarren und eine Dobro von Mike Auldridge, zwei Ausnahmestimmen, die sich perfekt ergänzen.

´Blue Bayou´ baut sich auf Seite zwei von zarter Marimba und sanftem E-Piano zu einem epischen Refrain auf, und wenn Linda Ronstadt die hohen, kraftvollen Töne am Ende trifft, wird klar, warum ihr dieser Song eine Grammy-Nominierung für die Aufnahme des Jahres einbrachte. ´Poor Poor Pitiful Me´, wieder Warren Zevon, mit ordentlich Ironie und Punk-Attitüde gesungen, wird zum nächsten Top-40-Hit. ´Maybe I’m Right´, geschrieben von Waddy Wachtel selbst, feiert noch einmal ihre tiefen Country-Wurzeln, die Pedal-Steel jammert wunderbar dazu.

Dann ´Tumbling Dice´, der ROLLING STONES-Klassiker, den Linda Ronstadt mit dreckigem, erdigem Groove und einem furiosen Gitarrensolo von Waddy Wachtel zu ihrer eigenen Version macht. Zum Schluss ´Old Paint´, ein traditioneller amerikanischer Folksong, der das Album organisch und erdig ausklingen lässt.

Hinter ´Tumbling Dice´ steckt eine der schönsten Geschichten des Albums. Linda Ronstadt liebte den Groove, verstand aber Mick Jaggers vernuscheltes Original nicht vollständig. Der Zufall wollte es, dass die ROLLING STONES zur selben Zeit in Los Angeles waren, und Mick Jagger setzte sich kurzerhand hin und schrieb ihr den Text Zeile für Zeile auf, samt spontanem Gesangscoaching. Später holte er sie bei einem Stones-Konzert höchstpersönlich für ein Duett auf die Bühne.

Auch das berühmte Cover-Foto entstand fast aus Versehen. Fotograf John Kosh hatte ein teures Studio gemietet, doch Linda Ronstadt kam todmüde direkt von einer Tournee, ohne jede Lust auf ein langes Shooting. John Kosh improvisierte, schnappte sich alte Theaterkostüme, stellte einen Spiegel in eine dunkle Ecke und drückte einfach ab, während sie sich kurz frisch machte. Aus dem eigentlichen Testschuss wurde das finale Cover, und es brachte ihm eine Grammy-Nominierung für das beste Album-Artwork ein.

Was ´Simple Dreams´ am Ende so besonders macht, sind auch die Zahlen. Fünf Wochen an der Spitze der Charts, über dreieinhalb Millionen verkaufte Exemplare allein in den USA binnen eines Jahres, ein Rekord für eine Solokünstlerin, übertroffen nur von Carole Kings ´Tapestry´. Als erste Künstlerin überhaupt, und als erster Act seit den BEATLES, hatte Linda Ronstadt gleichzeitig zwei Songs in den Top Five, ´Blue Bayou´ in den Country-Charts und ´It’s So Easy´ im Pop-Segment.

Nach der exklusiven ´Asylum Years´-Box erscheint ´Simple Dreams´ 2026 auch einzeln, u.a. auf sattem Sea-Blue-Vinyl, geschnitten von Chris Bellman direkt von den analogen Original-Bändern.

Der Schnitt kommt laut und lebendig daher, mit knackigem, druckvollem Bass, genau richtig für Rocknummern wie ´It’s So Easy´. Auch die leisen Momente kommen nicht zu kurz, bei ´Sorrow Lives Here´ bleibt der Hintergrund absolut still, man hört jedes Abklingen der Klaviersaiten und jede kleine Atempause in ihrer Stimme. Wer die Platte gegen das Licht hält, findet in der Auslaufrille ganz innen die eingeritzten Initialen CB, das Echtheitssiegel dieses Schnitts.

´Simple Dreams´ ist der Moment, in dem Linda Ronstadt nicht mehr nur Kaliforniens beste Stimme war, sondern für einen Sommer lang die größte Stimme Amerikas überhaupt. Von den vier Alben dieser Reihe ist es das lauteste, das selbstbewussteste, das Album einer Künstlerin, die endgültig wusste, wer sie ist. Fast fünfzig Jahre später, im neuen Chris Bellman-Schnitt, klingt dieser Triumph noch immer so echt wie 1977.

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