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LINDA RONSTADT – Don’t Cry Now

1973/2026 (Elektra Records / Asylum Records) - Stil: Country Folk/Rock

Laurel Canyon, Herbst 1973. Irgendwo zwischen Malibu und dem Troubadour-Club probt eine Band aus jungen Musikern, die sich gerade erst gefunden hat, während ihre frühere Chefin im Studio um ihr eigenes Album kämpft. Linda Ronstadt hat ihre Begleitband ziehen lassen, Glenn Frey und Don Henley wollten ihr eigenes Ding machen, und aus diesem Abschied wurde die Geburtsstunde der EAGLES. Jetzt, ein Jahr später, sitzt Linda Ronstadt selbst mitten in einem Studiochaos, wie es Kalifornien so schnell nicht wieder sehen wird.

1973 ist Laurel Canyon der Nabel der Welt für alles, was nach California Country-Rock klingt. Die EAGLES proben ihre ersten Songs, JACKSON BROWNE schreibt an seinem eigenen Durchbruch, und mittendrin sitzt Linda Ronstadt, gerade frisch von “Capitol” zu David Geffens brandneuem Label “Asylum Records” gewechselt. Sie ist keine Songwriterin im klassischen Sinn, das war sie nie, aber sie besitzt etwas, das in dieser Szene fast noch seltener ist, ein untrügliches Gespür dafür, welcher Song von wem gerade darauf wartet, von ihrer Stimme veredelt zu werden.

Was im Studio passiert, ist reinstes Beziehungsdrama mit Bandmaschine. Zuerst produziert John Boylan, Lindas Ex-Freund. Dann übernimmt J.D. Souther, ihr aktueller Freund, der auch gleich den Titelsong ´Don’t Cry Now´ beisteuert. Zwischen Zuneigung und kreativem Ringen ziehen sich die Aufnahmen über ein ganzes Jahr, die Kosten explodieren auf für damalige Verhältnisse unfassbare 150.000 Dollar. Erst als der Brite Peter Asher dazustößt, eingeführt über James Taylor, findet das Album seine endgültige Form. Was hier beginnt, wird zu einer der legendärsten Zusammenarbeiten der Popmusik, dreizehn Alben lang.

´I Can Almost See It´ eröffnet die Platte im entspannten Mid-Tempo-Groove des kalifornischen Sounds, getragen von Sneaky Pete Kleinows Pedal-Steel-Gitarre, warm und intim von der ersten Sekunde an. ´Love Has No Pride´ zeigt vielleicht die stärkste Gesangsleistung der ganzen Platte, Country-Traurigkeit trifft auf Soul-Tiefe, und wenn Linda im Refrain alles gibt, bleibt ihre Stimme kristallklar, während die Steel-Gitarre im Hintergrund förmlich weint.

Bei ´Silver Threads And Golden Needles´ liefert sich die Band mit feurigem Fiddle-Spiel von Gib Guilbeau und verzerrter E-Gitarre eine energiegeladene Schlacht, und das Kuriose daran, Linda hatte diesen Song schon 1969 auf ihrem Solo-Debüt aufgenommen, damals als schüchterne, traditionelle Country-Nummer. Erst dieser unbändige, rockige Rhythmus macht daraus den Hit, den heute jeder kennt.

Dann ´Desperado´. Anstelle des staubigen Saloon-Flairs der EAGLES-Originalversion verwandelt Linda den Song in ein episches, zutiefst emotionales Klagelied, getragen von Spooner Oldhams einfühlsamem Klavier und einem großen, von Jim Ed Norman arrangierten Streicher-Ensemble. In den USA hatten die EAGLES den Song nie als Single herausgebracht, im Radio kannte ihn kaum jemand. Erst Lindas Version machte ´Desperado´ zu dem Klassiker, der er heute ist, Don Henley hat das selbst nie bestritten.

Der Titeltrack ´Don’t Cry Now´ besticht durch seine sparsame Instrumentierung und enorme Nähe, Lindas Gesang steht extrem im Vordergrund, gestützt von J.D. Southers eigenen Background-Vocals, stilistisch nah am intimen Songwriting von Jackson Browne oder James Taylor.

Seite zwei eröffnet mit ´Sail Away´, Randy Newmans bitterironischem Song über den Sklavenhandel, hier von Linda in einen Gospel-getriebenen, fast episch aufgeladenen Popsong verwandelt, getragen von einem wuchtigen Klavier und großem Hintergrundchor. ´Colorado´, geschrieben von Rick Roberts von den FLYING BURRITO BROTHERS, ist purer Fernweh-Folk, akustisch, sehnsüchtig, mit einer verletzlichen, fast klagenden Gesangsperformance, in der Lindas Stimme eine Reinheit trägt, die unweigerlich an Joan Baez erinnert, nur mit einem erdigeren, kalifornischeren Einschlag.

Mit ´The Fast One´ liefert J.D. Souther den dritten und letzten seiner drei Songbeiträge zum Album ab, nach dem ruhigen Opener und der intimen Titelnummer diesmal deutlich schneller und treibender, das energetische Gegenstück in seiner kleinen Songtrilogie mitten auf Seite zwei. ´Everybody Loves A Winner´ klingt danach mit spürbarem Blues-Feeling nach Memphis Soul und bricht den reinen Country-Rock-Kosmos des Albums erfrischend auf. Zum Schluss ´I Believe In You´, eine Coverversion von Neil Young, sanfter und harmonischer interpretiert als das oft brüchige Original, getragen von typisch kalifornischen Satzgesängen.

So sehr das Album heute als Klassiker gilt, ihr erstes Gold-Album übrigens, das über ein halbes Jahr in den Billboard-Charts stand und dort auf Platz 45 kletterte, so anstrengend war der Entstehungsprozess für Linda Ronstadt selbst. Jahrelang mochte sie die Platte kaum hören, zu eng verwoben waren die Songs mit dem emotionalen Ringen im Studio. Für sie blieb ´Don’t Cry Now´ lange das Übergangsalbum, bevor sie ein Jahr später mit ´Heart Like A Wheel´ endgültig zum Weltstar wurde.

Über fünfzig Jahre später bekommt genau dieses Album eine zweite Chance auf Perfektion. Als Teil der gefeierten Vinyl-Box ´The Asylum Years 1973-1977´ erscheint ´Don’t Cry Now´ 2026 auch als eigenständige Einzelpressung. Chris Bellman schneidet die Lackfolien bei Bernie Grundman Mastering direkt von den analogen Original-Bändern, ohne digitale Zwischenstufe, gepresst wird bei Optimal Media in Deutschland. Das Ergebnis ist ein Klangbild, das Jahrzehnte an mittelmäßigen CD-Transfers und dumpfen Nachpressungen endlich hinter sich lässt, seidige Höhen, saubere Akustikgitarren, ein absolut stiller Hintergrund. Wer die Platte nur von müden alten Pressungen kennt, hört hier zum ersten Mal wirklich, wie viel Tiefe in dieser Produktion steckt.

´Don’t Cry Now´ ist das Album, auf dem Linda Ronstadt lernte, wer sie als Künstlerin sein wollte, mitten im Chaos aus Liebe, Ehrgeiz und viel zu vielen Produzenten. Es ist nicht ihr poliertestes Werk, aber diese Unfertigkeit macht es bis heute so lebendig. Fünfzig Jahre später, im neuen Chris Bellman-Schnitt, klingt es lebendiger denn je.

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