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THOMAS MILLER’S LAZARUS EFFECT – Thomas Miller’s Lazarus Effect

2026 (Sensory Records / Alive) - Stil: Progressive Metal

Die ersten Scheiben von SYMPHONY X hatte es hierzulande anfangs nur als Japan-Import gegeben, wenn man Glück hatte, und als ich ´The Divine Wings Of Tragedy´ dann endlich in den Händen hielt, habe ich die CD heimgetragen wie einen Schatz. Eingelegt, und dann saß ich da. Stundenlang. Neoklassische Läufe, Keyboards wie aus einer Kathedrale, Songs, die sich anfühlten wie alte Sagen. Und darunter, oft übersehen, ein Bassist, der nie bloß mitspielte. Thomas Miller.

Der Mann war von Anfang an dabei. Geboren in Los Angeles, begann er seine musikalische Laufbahn im Zentrum von New Jersey und spielte sich in Cover- und Eigenbands durch den Prog der Siebziger und Achtziger. 1986 lernte er Michael Romeo kennen, und 1994 gründeten die beiden SYMPHONY X. Fünf Jahre lang war Miller dabei, vom Debüt über ´The Damnation Game´ bis ´Twilight In Olympus´, und wer glaubt, er habe nur brav die Grundtöne gezupft, sollte mal ins Kleingedruckte schauen. Auf ´The Divine Wings Of Tragedy´ hat er den Großteil der Songs mitgeschrieben und mehrere Texte verfasst, auf ´Twilight In Olympus´ ebenso. Die Band tourte durch Japan und Europa, und dann war er plötzlich weg. Persönliche Gründe. Danach wurde es still.

Ganz aufgehört hat er nie. Geschrieben, aufgenommen, gefeilt, irgendwo abseits der großen Bühnen. 2017 lief ihm Howard “Hollywood How” Portney über den Weg, ein Sänger, der schon mit diversen Bands und Labels gearbeitet hatte, darunter “Megaforce Records”. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, und aus dieser Zusammenarbeit wurde nach und nach LAZARUS EFFECT. Der Name ist natürlich kein Zufall. Lazarus, der Tote, der wieder aufsteht. Das Cover legt da noch eine Schippe drauf, denn eine Hand bricht dort aus rissigem, glühendem Boden und reckt eine Gitarre in einen brennenden Himmel, ein Blitz schlägt ein, und irgendwo im Hintergrund galoppiert ein dunkles Pferd. Subtil ist das nicht. Aber wir reden hier ja auch über Prog Metal aus den Neunzigern.

Jetzt kommt der Teil, bei dem einem echt das Herz aufgeht. Miller hat sich seine alten Kumpels geholt. Michael Romeo greift zur Gitarre, Michael Pinnella steuert seine Keyboards bei, und gemischt und gemastert hat Eric Rachel, der Mann, der die ersten sechs SYMPHONY X Alben produziert hat. Das sind drei Fünftel der alten Besetzung, dazu ihr Produzent. Wer da nicht nervös wird, hat die Neunziger verschlafen. Erscheinen darf das Ganze bei “Sensory Records”, deren Chef Ken Golden Miller noch aus dessen Zeit bei SYMPHONY X kennt. Auch so ein Kreis, der sich schließt.

Doch jegliche Nervosität war unbegründet. Die Songs kommen mit derselben Wucht daher wie bei SYMPHONY X in ihren besten Tagen, nur ein klein wenig geerdeter, vielleicht einen Tick mehr auf den Punkt. Was sofort auffällt, ist der Bass. Miller holt ihn nicht nur nach vorn, er lässt ihn stellenweise so tief grollen, dass im Wohnzimmer die Gläser im Schrank klirren. Man merkt, wer hier die Fäden zieht. Und How Portney hätte damals ebenso gut bei SYMPHONY X am Mikro stehen können, so selbstverständlich fügt sich seine Stimme in diesen Sound. Wo Chöre auftauchen, türmen sie sich allerdings nicht zu jenem opulenten Bombast nach Art von QUEEN auf, mit dem die frühen SYMPHONY X gern auftrumpften. Sie bleiben schlichter und klingen ganz nach LAZARUS EFFECT.

Den Anfang macht ´Dark Horse´, und wer beim Cover auf das Pferd im Hintergrund geachtet hat, weiß, woher der Wind weht. Ein dunkles Pferd, ein Außenseiter, mit dem keiner mehr gerechnet hat. Passender kann ein Comeback kaum beginnen. ´Fear No Evil´ klingt schon im Titel nach dem dreiundzwanzigsten Psalm, nach dem finsteren Tal, durch das man ohne Furcht geht, und musikalisch weht dabei ein orientalischer Hauch durch die Melodien, als hätte sich der Psalm auf den Weg in die Wüste gemacht. ´All The King’s Horses´ wiederum stammt aus dem alten englischen Kinderreim um Humpty Dumpty, den alle Pferde und Männer des Königs nicht mehr zusammensetzen konnten. Was zerbrochen ist, bleibt zerbrochen, so heißt es da. Miller sieht das offenbar anders, und mit über sieben Minuten nimmt er sich auch reichlich Zeit, das zu beweisen.

Bei ´Closer To The Sun´ musste ich schmunzeln. Wer der Sonne zu nahe kommt, landet in der griechischen Sage bekanntlich als Ikarus im Meer, und Ikarus floh mit seinem Vater Dädalus ausgerechnet aus Kreta, wo Dädalus das Labyrinth von Knossos gebaut hatte. Zu diesem Palast kehren wir später noch zurück. Denn erst folgt mit ´Aria Etude´ ein anderthalbminütiges Bonusstück, dessen Titel schon verrät, dass hier die klassische Schule das Zepter schwingt. ´When Darkness Falls´ ist mit knapp vier Minuten der kompakteste richtige Song der Platte und setzt sich ebenso wie das anschließende ´Culmination´ als kleiner Ohrwurm im Kopf fest, bevor es auf die Zielgerade geht.

Zum Schluss, endlich, ´Sailing To Utopia´. Dreizehn Minuten, fünf Teile, so wie wir das früher geliebt haben, mit einer Gänsehaut schon beim Lesen der Tracklist. Die Reise beginnt mit ´In The Palace Of Knossos´, im Palast des Minos auf Kreta, wo der Sage nach der Minotaurus im Labyrinth hauste, führt über ´Thunder’s Majesty´, ´Judging The Darkness´ und ´’Neath The Heel Of Mayhem´ und endet mit ´Return´. Rückkehr. Wer hätte es gedacht.

Man könnte jetzt nörgeln, dass hier einer nach über einem Vierteljahrhundert einfach dort weitermacht, wo er aufgehört hat. Doch ich nörgle nicht. Knapp 50 Minuten lang nimmt jemand diesen Sound noch einmal richtig ernst, mit Mythen, Pathos, klassischen Läufen und einer Mannschaft, die weiß, was sie tut. Das Comeback des Jahres für alle, die ihre SYMPHONY X Importe bis heute nicht hergeben würden.

(8,5 Punkte)


Cover-Artwork: „Thomas Miller’s Lazarus Effect“
von Thomas Miller’s Lazarus Effect
(Cover-Illustration & Artwork-Design: Rodrigo A. Gudiña /
© 2026 Sensory Records / The Laser’s Edge)

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