
25 YARD SCREAMER – …And From The Deep, There Is A Light…
2026 (White Knight Records) - Stil: Progressive Rock / Heavy Prog
Weißt du noch, ´Cassandra´? 2007 war das, und plötzlich redeten alle über diese Waliser mit dem merkwürdigen Namen. Ich habe die Band danach nie ganz aus den Augen verloren. Über zwanzig Jahre machen 25 YARD SCREAMER jetzt schon Musik, angefangen 2002, als Bassist Matt Clarke und Schlagzeuger Donal Owen für einen einzigen Auftritt in Bracknell zu Sänger und Gitarrist Nick James stießen. Aus dem einen Abend wurde eine Band, aus der Band eine Diskografie, dazu Auftritte auf Festivals wie dem “Cambridge Rock Festival” oder dem “Winter’s End”. ´Something That Serves To Warn Or Remind´ kam 2013 mit Tom Bennett an den Tasten, auf ´Natural Satellite´ schaute 2019 Rob Reed von MAGENTA vorbei, ´Nemesis´ folgte 2022, und 2023 haben sie ihr Debüt komplett neu eingespielt, als ´The Memory Cheats (The Pictures Within)´. Wer so lange durchhält, ohne dass die breite Masse Notiz davon nimmt, der macht das aus Überzeugung.
Heute ist vom Trio ein Kern aus zwei Leuten übrig. Nick James singt, spielt Gitarre und Keyboards und übernimmt die Programmierung, Matt Clarke hält am Bass die Stellung, komponiert haben die beiden zusammen, getextet hat James allein. Als Gäste sind eine Sängerin und eine Geigerin dabei. Neun Studioalben sind es jetzt, und das neue ist ein großer Wurf. Vier Jahre haben sie daran geschrieben, von 2022 bis 2026, und zur Platte gibt es sogar eine Kurzgeschichte, die die Handlung weitererzählt.
Worum es geht? Um Mutter Erde. Um eine Mutter, die ihre Kinder so lange gewarnt hat, bis ihr nichts mehr bleibt, als zu entscheiden, wen sie rettet. Ein paar wenige, die man in der Geschichte die Wächter nennt, dürfen bleiben. Der Rest wird von uralten Hütern vom Antlitz der Erde gefegt, riesigen Gestalten, die seit Jahrhunderten regungslos in der Brandung und an anderen Orten der Welt auf ihren Einsatz warten. Einer davon steht auf dem Cover, eine gewaltige dunkle Rüstung mit glühenden Augen, durch deren Risse die Lava schimmert, und davor, winzig klein, eine einsame Gestalt mit zwei rot leuchtenden Klingen. Vernon Jones hat das gemalt.
Spannend ist die Herkunft dieser Idee. Nick James wohnt seit fast dreißig Jahren gegenüber einer stillgelegten Zeche, mit verlassenen Gebäuden, alten Gleisen und einer Abraumhalde, die seine Kinder früher den staubigen Berg genannt haben. All das hat sich die Natur inzwischen zurückgeholt, so gründlich, dass man stellenweise nicht mehr erkennt, dass hier je Menschen waren. Dieser Spaziergang, den er fast täglich macht, liefert das Bild, das hinter dem ganzen Album steht. Und kleiner Gag für alte Fans, in der Geschichte tauchen ein Major Owen und ein Staff Sergeant Bennet auf. Ob das Zufall ist? Ich denke nicht.
Musikalisch ist das alles aus einem Guss. Nick James singt mit seinem gewohnt rauen, melancholischen Bariton, ein Erzähler durch und durch, und diese Stimme fügt sich nahtlos in den drohenden Weltuntergang. Carly Tucker hält mit klarem, oft fast schwebendem Gesang dagegen und bringt das Licht in die Finsternis, das der Albumtitel verspricht. Die Gitarren wechseln mühelos zwischen schweren, verschachtelten Riffs, die einem ordentlich auf den Magen drücken, und psychedelisch schwebenden Klangflächen, die eher an Post Rock denken lassen. In den ruhigeren Momenten übernimmt Maria Grigs Violine die Führung und taucht die Musik in eine Tragik, die nach großem Kino klingt.
Den Anfang macht das zwölfminütige ´Mother Tongue´, eingeleitet von eben dieser Geige. Hier spricht die Erde selbst, mit der Stimme von Carly Tucker, einer Folksängerin aus Swansea, mit der James auch bei FOURFOLD spielt. Nach langem Ringen fällt die Entscheidung, und am Ende steht ein Gebet an einen Gott, an den die Mutter nicht glaubt, so wie James selbst keinen Glauben hat. ´When Our Ending Began´ blickt auf den Moment zurück, an dem es zu spät war, ´The Reclamation´ lässt die Erde zuschlagen und rechnet nebenbei mit allen ab, die alte Schriften für bare Münze nehmen, bis sich zeigt, dass dieses Feuer aus Liebe brennt. ´The Silence After Us´ begleitet die Überlebenden bei ihren ersten zaghaften Schritten in ein bescheidenes Leben.
Bei ´My Children Have Memories´ versucht jemand, Kindern nach dem Schlimmsten eine Zukunft zu geben, bis die Erde selbst Trost spendet. ´Deconstruction Of Self´ ist ein surrealer Trip ins eigene Innere, in dem einer die Hand beißt, die ihm etwas reicht, und dabei selbst zu Fall kommt. In ´All Will Follow´ verführt Devon, der Anführer der dunklen Wächter, die Menge mit dem Versprechen, dass alles wieder wird wie früher. ´Time Examines Us´ schließt ganz persönlich, ohne Riesen und Apokalypse, mit einem Menschen, der merkt, wie die Zeit verrinnt, und mehr mit denen lachen will, die ihm am nächsten stehen.
Knapp 71 Minuten ist das alles lang, und man braucht ein paar Durchläufe, bis die Geschichte sitzt. Muss man aber auch nicht alles beim ersten Mal verstehen. 25 YARD SCREAMER haben nach über zwanzig Jahren ein Album gemacht, das wütend ist und zärtlich zugleich, und das am Ende beim Weltuntergang keineswegs stehen bleibt, es landet bei der Frage, was wir mit der Zeit anfangen, die uns bleibt. Wer die Band schon lange begleitet, muss ´…And From The Deep, There Is A Light…´ hören. Wer sie noch nicht kennt, hat jetzt einen verdammt guten Anlass.
(8,5 Punkte)
https://www.facebook.com/25yardscreamer
von 25 Yard Screamer
(Cover-Design & Artwork-Layout: White Knight Records /
© 2026 White Knight Records)



