
DRIVEWAY CEILING – Death Of The Walden Newspaper Co.
2023/2026 (Independent Project Records) - Stil: Psychedelic Pop / Surf Pop / Indie Rock / Garage Rock
Fünfzig Jahre lang habe ich für Mr. Walden Buchstaben gesetzt, zuerst in Blei und später am Bildschirm. Heute Nacht laufen die Maschinen der Walden Newspaper Co. zum letzten Mal. Cherryfield schläft längst. Auf dem alten Plattenspieler neben dem Papierlager dreht sich eine Scheibe, die mir vier junge Burschen dagelassen haben. Der Chef hatte verfügt, dass der Musikteil bis zur allerletzten Ausgabe erscheint, also schreibe ich die Besprechung eben selbst.
Man muss wissen, wie es um ihn stand. Winston Wilfred Walden kaufte den “Cherryfield Observer” mit 24 Jahren und baute daraus ein Zeitungsreich, das sich die halbe Ostküste hinunterzog. Seine Wutausbrüche waren berüchtigt, und seine Schlagzeilen waren immer lauter als die Nachricht darunter. Wir in der Setzerei durften sie ausbaden, in fetter Grotesk und so groß wie möglich. Eines Tages kam er wie ausgewechselt aus seinem Büro. Vier Zauberer von Rhythmus und Melodie hätten ihn besucht, erzählte er, und von nun an bekomme das Blatt eine Musikseite, auf der nur unabhängige Künstler vorkommen. Wir haben gelacht. Danach stieg die Auflage um 24 Prozent, und keiner lachte mehr.
Die vier Zauberer heißen DRIVEWAY CEILING. Sie stammen aus Trumbull in Connecticut und haben sich noch auf der Schulbank zusammengetan. Heute studieren sie verstreut über das halbe Land und schicken sich ihre Einfälle hin und her, wie wir früher die Fahnen zum Korrektor. Liam Mottolese singt, spielt Gitarre und Klavier und hat die meisten Texte geschrieben. Colin Walsh singt ebenfalls, greift zu Gitarre, Saxophon und Tasten, hat die Aufnahmen produziert und die Collagen fürs Cover geklebt. Rylan Brittain sitzt am Schlagzeug und hat sich um die Technik gekümmert, Declan Bohner spielt Bass und auf einem Stück sogar Oboe. Aufgenommen haben die vier in einem Haus irgendwo in Pennsylvania, mit einem Batman-Handtuch auf der Snare. Das war mir sofort sympathisch, denn ich putze meine Walzen seit jeher mit abgelegten Unterhemden. Ende 2023 erschien das Ganze still im Internet, ohne Papier und ohne Druckerschwärze.
Dass es nun doch gedruckt vorliegt, verdanken sie Bruce Licher. Er hat “Independent Project Records” 1980 gegründet und führt das Label heute gemeinsam mit Jeffrey Clark, von Bishop in Kalifornien aus, und seine Hüllen genießen unter Leuten meines Fachs einen hervorragenden Ruf, weil er noch weiß, wie man an einer Handpresse arbeitet. Jedoch ausgerechnet eines dieser Computerprogramme, die einem vorschlagen, was man als Nächstes hören soll, hat ihn auf die Band gebracht. Ich traue solchen Maschinen nicht, aber diesmal hat eine von ihnen ordentliche Arbeit geleistet.

Den Chef habe ich übrigens sofort erkannt, als ich die Hülle in die Hand nahm, auf der eine Gestalt aus Zeitungspapier mit ausgebreiteten Armen auf einer Parkwiese steht. Geschnitten ist sie aus seinem eigenen Nachruf. Darin wird er erst als selbstloser Mensch gelobt und kurz darauf als bösartiger Griesgram beschrieben, der mit Vergnügen nichts anzufangen wusste. Zu allem Überfluss fand er die Metaphern von DRIVEWAY CEILING ziemlich wirr. Klappt man die Hülle auseinander, sitzen daneben junge Leute auf Parkbänken und lesen, während eine zweite Papierfigur den Weg hinuntergeht. Gebildete Leser denken beim Namen Walden außerdem an Henry David Thoreau, dessen Buch “Walden” vom einfachen Leben in einer Hütte am gleichnamigen See erzählt. Die Jungs haben das bedacht, denn ´Modern Theroux´ spielt mit dem Klang seines Nachnamens. ´Live Free Or Die´ wiederum ist der Wahlspruch von New Hampshire, wo der Alte sein Haus hat. Die vier kennen ihr Neuengland.
Und was da aus den Lautsprechern kommt, erinnert mich an drei Abschnitte meines Lebens. Da sind die Sechziger, die ich als Junge aus dem Kofferradio kannte, mit Surfgitarren, Garagenlärm und den ersten bunten psychedelischen Klängen. Da sind die Neunziger, als die Lehrlinge in der Setzerei ihre Indie Rock-Kassetten mit schrammelnden Gitarren aus dem College-Radio mitbrachten. Und da sind die Nullerjahre, die letzte Zeit, in der Platten dieser Güte so zahlreich erschienen, bevor alle Musik in den Telefonen verschwand. DRIVEWAY CEILING bringen das alles zusammen, ohne dass es nach Retro riecht.
Die erste Plattenseite lief, während ich die Druckplatten einspannte. ´Sleepy River Dawn´ verbindet die leise Art eines Liedermachers mit einer Brise Surfgitarre. Ich musste an Sufjan Stevens denken, der einst zwei Bundesstaaten jeweils ein ganzes Album widmete, so wie diese Jungs ihrem Neuengland. Das Stück richtet seine Fragen an einen Morgen, der sich partout nicht wecken lässt. ´Yellow Journalism´ nimmt sich mein eigenes Gewerbe vor, die tägliche Jagd nach der nächsten Schlagzeile, als psychedelischer Pop mit jenem verschmitzten Unterton, den man von EELS kennt. Saxophon und ein Gitarrensolo des Gastes Oliver Pierce kommen hinzu, und am Schluss weht die Stimme einer Mutter mit ihrer weinenden Tochter herein, herausgeschnitten aus einem verstaubten Lehrfilm. ´Black Swan´ ist eingängiger Alternative Pop, der aus New York hinaus auf den Highway fährt und über das Unvorhersehbare grübelt. ´Hair In The Drain´ knöpft sich jemanden vor, der zu schnell durchs Leben rast. ´Get A Load Of This Guy´ ist ein gesprochenes Zwischenspiel von keinen anderthalb Minuten. Bierdosen klappern, das Gelage ist in vollem Gange, bis es an der Tür klopft und jemand der feiernden Runde eine gehörige Standpauke hält. Wer das wohl gewesen sein mag. ´Mr. Walden´ ist danach ein beinahe zärtliches Porträt eines Mannes, der jeden Donnerstag druckt und abends zu seinen Zigaretten heimgeht, getragen von mehrstimmigen Chören. An dieser Stelle habe ich die Maschine kurz angehalten.

Seite zwei. ´Modern Theroux´ zielt mit seinem Doo-doo-Chor auf die großen Denker, die vor lauter Denken das Lieben vergessen. ´Impressive Distances´ ist Indie Rock mit Garagenstaub in den Gitarren und lässt sich aus großer Höhe in fremde Arme fallen. ´Beeline´ schimmert leicht psychedelisch. Bohners Oboe gibt dem Stück einen wehmütigen Ton, und darüber singt einer, der seinen inneren Kompass verloren hat. ´Disgust´, wieder mit Oliver Pierce an der Gitarre, zieht schroff und trotzig allein davon. Die 34 Sekunden von ´Leisure Time´ holen noch einmal die Sonne und die Surfgitarren vom Anfang zurück und läuten die Schlussrunde ein. ´Thru The Walls´ ist ein herrlich verschrobener Popsong mit harmonischem Chorgesang über das Alleinsein hinter dünnen Wänden und über Nachbarn, die einander fremd geworden sind. ´Live Free Or Die´ bringt Folk, Pop und Rock unter einen Hut und rätselt, was aus dem Alten einen solchen Menschen gemacht hat. ´Smoking Again´ klingt wie geradewegs aus den Sechzigern herübergeweht und bettelt um nur noch eine Zigarette. Zum Abschluss spielt Colin Walsh in ´Obituary´ anderthalb Minuten Klavier, einen Nachruf ohne ein einziges Wort. Als es still wurde, legte ich den Hebel um.
Was mich als Setzer am meisten freut, liegt der Platte bei. Es sind acht Seiten “Cherryfield Observer” auf echtem Zeitungspapier, mit Artikeln, Leserbriefen, Horoskopen und den Liedtexten, sauber in Spalten gesetzt. Einen Zwiebelfisch habe ich nicht gefunden, und ich habe gesucht. Das eigentliche Geheimnis steckt auf Seite sieben. Dort steht das Tagebuch von Richard Gardner, einem verstorbenen Leser, der sich vom Blatt abgewandt hatte, weil es nur noch Sensationen druckte. In seinen Zeilen verstecken sich fast alle Songtitel, vom verschlafenen Fluss im Morgengrauen über den schwarzen Schwan bei Juvenal bis zu den Haaren im Abfluss, und am Ende wünscht er sich nichts weiter als einen ehrlichen Nachruf. Die Redaktion gibt sich dazu reichlich zugeknöpft. Ich verrate auch nichts.
Das Album erscheint zum ersten Mal physisch, auf schwarzem oder undurchsichtig waldgrünem Vinyl, dazu als Special Edition CD im großen Format, wie es das Label pflegt. Mein Exemplar ist schwarz, wie es sich für Druckerschwärze gehört. Die Hülle schlägt man auf wie eine Mappe. Innen links hängen Orangenscheiben und Trauben zwischen Geäst vor blauem Himmel. Ein Feld trägt die Titelliste in Schreibmaschinenschrift, und daneben steht wieder eine Silhouette, diesmal ausgeschnitten aus einem Bericht über eine neu entdeckte Vogelart, den schwarzen Schwan von Trumbull. Rechts öffnet sich ein Garten mit Beeten und niedrigen Hecken, und im Bogen einer großen Hecke wartet eine weitere Figur, geschnitten aus einem anderen Nachruf. In den vier Ecken stehen die Nachnamen der Musiker. Durch eine Öffnung, die wie ein Pfeil geformt ist, schiebt man Platte und Zeitung in die Tasche dahinter. Mehr kann ein alter Setzer von einer Hülle nicht verlangen. Gut 44 Minuten verteilen sich auf die zwei Plattenseiten, sechs Stücke auf der ersten und neun auf der zweiten. An der Pressung habe ich nichts auszusetzen, und in Sachen Druckqualität bin ich ein pingeliger Mensch.
Morgen früh liegt die letzte Ausgabe vor den Türen von Cherryfield. Auf der Musikseite steht diese Besprechung, und darunter, zum ersten Mal in fünfzig Jahren, mein eigener Name.
(9 Punkte)
https://www.instagram.com/drivewayceiling?igshid=YmMyMTA2M2Y%3D
https://www.independentprojectrecords.com/product-page/driveway-ceiling-death-of-the-walden-newspaper-co-lp-black-vinyl
https://www.facebook.com/IndependentIPR
(Artwork-Konzept & Letterpress-Design: Bruce Licher /
Independent Project Press / © 2026 Independent Project Records)
Bildzitat: Literarische Text-Silhouette des Frontcovers,
das prachtvolle Gatefold-Packaging sowie die
großformatige Zeitungsbeilage „The Cherryfield Observer“ der klassischen,
auf schwerem schwarzen Vinyl gepressten 2026er Erstauflage von Driveway Ceiling –
Death Of The Walden Newspaper Co. (© 2026 Independent Project Records)



