
DOLLY PARTON, LINDA RONSTADT & EMMYLOU HARRIS – Trio
1987/2026 (Warner Bros. Records / Analogue Productions) – Stil: Country, Bluegrass, Appalachian Folk
Good Lord, man muss sich das Jahr 1987 vergegenwärtigen, um zu begreifen, was diese Platte angerichtet hat. Nashville klebte damals am Drumcomputer wie eine Fliege am Honig, Geigen wurden in Synthesizerwatte gepackt, und auf den großen Radiostationen klang Country zunehmend wie die Werbepause eines Einkaufszentrums. In diese gepolsterte Welt marschierten drei Frauen, deren Namen allein schon Stadien füllten, und hatten nichts weiter im Gepäck als Mandolinen, Zithern und eine Handvoll Lieder, die zum Teil älter waren als ihre Großmütter.
Zehn Jahre lang geisterte dieses Projekt durch die Branche wie ein Versprechen, das niemand einlösen konnte. Bereits Mitte der Siebziger hatten DOLLY PARTON, LINDA RONSTADT und EMMYLOU HARRIS gemeinsam Bänder bespielt, doch übervolle Kalender und drei konkurrierende Plattenfirmen erstickten das Vorhaben jedes Mal im Keim. Was überlebte, wanderte auf Soloalben, so etwa ´Mr. Sandman´ und das Titelstück auf EMMYLOU HARRIS’ ´Evangeline´, und diese Brosamen machten die Sehnsucht nach dem ganzen Laib bloß größer. 1986 gelang endlich der Neuanfang, mit George Massenburg an den Reglern, einem Klangtüftler, der LINDA RONSTADTs Platten seit Jahren betreute und Mikrofone so behutsam platzierte, als würde er Vogeleier in ein Nest legen. Schon das Cover, auf dem die drei in altmodischer Garderobe posieren, als wären sie einer vergilbten Fotografie entstiegen, stellt klar, dass hier keine Rücksicht auf Trends genommen wird.
Der Vorhang hebt sich mit ´The Pain Of Loving You´, einem flotten Stück, das DOLLY PARTON einst mit Porter Wagoner schrieb. Albert Lee lässt sein Akustiksolo als kurzen Sommerregen auf ein Blechdach prasseln, während Steve Fishells Pedal Steel dahinter weinerlich glitzert. ´Making Plans´ aus der Feder von Johnny Russell und Voni Morrison bremst sanft ab und erzählt davon, wie man sich innerlich bereits auf die Leere einrichtet, die ein geliebter Mensch hinterlassen wird. Mark O’Connors Fiddle rankt sich dabei als zarter Efeu um die Harmonien.
Mit ´To Know Him Is To Love Him´ holen sich die drei einen Hit, den Phil Spector 1958 mit seiner eigenen Band THE TEDDY BEARS landete. EMMYLOU HARRIS singt die Führung, Ry Cooders Tremologitarre streut flackerndes Mondlicht über einen nächtlichen See, und dass diese Version bis an die Spitze der Country-Charts segelte, überrascht niemanden, der sie einmal gehört hat. ´Hobo’s Meditation´ von Jimmie Rodgers überlässt LINDA RONSTADT den Vortritt, und sie singt die Gedanken eines Landstreichers, der sich fragt, ob es im Himmel wohl Güterwaggons gibt, in denen man sich verstecken kann, und ob dort Bremser und Polizisten Feierabend haben. Herb Pedersens Banjo und Steve Fishells Dobro tuckern dazu gemächlich über die Schienen.
´Wildflowers´ stammt allein von DOLLY PARTON und erzählt von einer Blume, die sich lieber dem Wind anvertraut, als in einem Beet zu verkümmern. David Lindleys Autoharp perlt wie Quellwasser zwischen Kieseln, und man spürt in jeder Zeile, wie viel Autobiografie in dieser kleinen Ballade steckt. ´Telling Me Lies´ von Linda Thompson und Betsy Cook wird zum schmerzhaftesten Moment der Platte, eine Abrechnung mit einem Menschen, der lügt, obwohl beide längst die Wahrheit kennen. LINDA RONSTADT öffnet hier die Schleusen ihrer mächtigen Stimme, Bill Paynes Klavier tupft die Akzente, und David Campbells Streicherarrangement türmt sich zur Gewitterfront am Horizont.
Jean Ritchies ´My Dear Companion´ führt zurück in die Hügel. EMMYLOU HARRIS greift selbst zur Gitarre, Mark O’Connor spielt die Leadgitarre, und der Abschiedsschmerz über einen treulosen Gefährten klingt, als hätte man ihn in einer Blockhütte bei Kerzenschein auf Band gebannt. ´Those Memories Of You´ von Alan O’Bryant schlägt danach einen ganz anderen Takt an. Hier wird Bluegrass gespielt, DOLLY PARTON jagt mit hellem Übermut über die Melodie, während Albert Lee und Mark O’Connor einander Läufe zuwerfen wie Jongleure ihre Keulen.
Kate McGarrigles ´I’ve Had Enough´ verlegt die Szenerie in einen Salon. Klarinette, Flöte, Celli und Viola umgeben LINDA RONSTADT mit einer Eleganz, die fast europäisch anmutet. ´Rosewood Casket´ ist ein Erbstück im wahrsten Sinne, denn DOLLY PARTONs Mutter Avie Lee Parton hat das traditionelle Lied arrangiert. Auf dem Sterbebett äußert eine junge Frau ihren letzten Wunsch, denn die Briefe ihres Liebsten sollen sie bis in den Sarg begleiten. David Lindley zupft dazu das Dulcimer, Mark O’Connor die Mandoline, und das Ganze trägt den Geruch von feuchter Erde und Holzrauch. Zum Abschluss erklingt ´Farther Along´, ein Gospelstandard, den John Starling und EMMYLOU HARRIS arrangierten. Bill Paynes Harmonium und Hammondorgel legen einen Teppich aus, über dem die drei Stimmen emporsteigen wie Lerchen über einem Stoppelfeld. Hallelujah, Ladies.
Völlig makellos ist ´Trio´ deshalb noch lange nicht. Die tadellose Studiopolitur verrät an manchen Stellen das Jahrzehnt, in dem die Platte entstand, und gerade die zweite Hälfte lehnt sich so sehr in Balladen und Wehklagen hinein, dass einem ein weiteres schnelles Stück wie Sauerstoff vorgekommen wäre. Doch wer diesen Klang einmal im Ohr hat, verzeiht solche Details sofort. DOLLY PARTONS Stimme funkelt wie Bergkristall im Sonnenlicht, LINDA RONSTADT liefert die Wärme eines Kaminfeuers, und EMMYLOU HARRIS schwebt darüber wie Abendnebel über einem Fluss. Fünf Wochen thronte das Album auf Rang eins der Countryalben-Charts, schaffte es bis auf Platz sechs der Billboard 200, brachte vier Hitsingles hervor und verkaufte sich weltweit rund vier Millionen Mal. Es gab einen Grammy, eine Nominierung als Album des Jahres, dazu die ACM-Trophäe für das beste Album und den CMA-Award als Vocal Event of the Year. Zwölf Jahre später folgte ´Trio II´, 2016 bündelte ´The Complete Trio Collection´ beide Alben samt Outtakes aus den Sessions, und seit Dezember 2020 steht das Debüt in der Grammy Hall of Fame.
„Analogue Productions“ veröffentlichen ´Trio´ als Teil der “Acoustic Sounds 40 Series”, mit der das Mutterhaus „Acoustic Sounds“ sein vierzigjähriges Bestehen feiert. Gemastert hat Matthew Luthans bei “The Mastering Lab”, jener Adresse, unter der schon Doug Sax 1987 das Original betreut hatte, heute allerdings in Salina, Kansas, beheimatet. Als Quelle dienten die analogen Originalbänder. Die elf Songs verteilen sich auf zwei 180g schwere Scheiben mit 45 Umdrehungen, gepresst bei “Quality Record Pressings”. Die höhere Drehzahl schenkt der Rille mehr Raum, was einer derart stimmenlastigen Aufnahme besonders zugutekommt, denn feine Atemgeräusche und das Ineinanderfließen der Harmonien verlangen nach Auflösung. Drei Songs pro Seite machen das Umdrehen zur Zeremonie, und die letzte Seite gehört allein ´Rosewood Casket´ und ´Farther Along´, ein würdiger Abgang. Das schwere Klappcover von “Stoughton Printing” mit aufkaschiertem Druck verleiht dem Paket den Charme einer Sammlerausgabe aus der Hochzeit des Vinyls.
Wenn die Nadel nach ´Farther Along´ in die Auslaufrille gleitet, bleibt die Frage, wie viel Gewicht dieses Album in der Musikgeschichte trägt. Drei Sängerinnen, von denen jede für sich längst Geschichte geschrieben hatte, stellten ihre Solokarrieren hintenan und begegneten sich auf Augenhöhe, ohne dass eine Stimme die anderen in den Schatten drängte. Mitten in einer Zeit, in der Nashville auf Hochglanz setzte, verhalfen sie einem Repertoire aus Traditionals, Gospel und handverlesenen Fremdkompositionen zu Platinstatus und zeigten, dass Musik mit Wurzeln in den Appalachen ein großes Publikum erreichen kann. Jede Rootsband, die heute dreistimmig vor ein Mikrofon tritt, steht in ihrer Schuld.
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(Fotografie: Robert Blakeman / Design & Art-Direction: Kosh & Ron Larson /
© 1987, 2026 Warner Bros. Records / Analogue Productions)
und audiophiles 180g-Doppel-Vinyl (45 RPM)
der 2026er Analogue Productions-Edition
von Dolly Parton, Linda Ronstadt & Emmylou Harris – Trio
(© 2026 Analogue Productions / Warner Bros. Records)



