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NINA SIMONE – In Concert

1964/2024 (Verve Records/UMe) - Stil: Jazz, Funk, Soul, Blues

Man betritt die “Carnegie Hall” im Frühjahr 1964 in dem guten Glauben, einen netten Abend mit einer außergewöhnlichen Sängerin zu verbringen. Man verlässt sie als anderer Mensch, oder man verlässt sie gar nicht. Manche, so heißt es, bleiben wie angewurzelt sitzen, selbst als längst wieder das Licht angeht. Am Flügel sitzt eine Frau, die sich weigert, hübsch zu sein, wenn Ehrlichkeit die bessere Wahl ist. ´Nina Simone In Concert´ ist kein Livealbum im landläufigen Sinn. Es ist ein Standgericht mit Klavierbegleitung.

Bevor sie Säle wie diesen füllte, wollte Eunice Kathleen Waymon aus Tryon, North Carolina, etwas viel Konkreteres werden. Sie wollte die erste schwarze Konzertpianistin Amerikas werden. Das „Curtis Institute“ verweigerte ihr jedoch das Stipendium, offiziell aus Gründen, die nie wirklich überzeugten – inoffiziell wusste jeder im Saal, warum. Bei ihrem allerersten klassischen Klavierabend in Tryon, sie war gerade zwölf, wurden ihre Eltern aus der ersten Reihe verdrängt, um Platz für weiße Zuschauer zu schaffen. Das Mädchen am Flügel rührte allerdings keine Taste, bis Mutter und Vater wieder vorne saßen. Ein Detail, das man leicht übersieht, wenn man nur die fertige Legende kennt. Aber dieser Trotz, im Kleinformat geprobt, wurde später zum Markenzeichen der erwachsenen Künstlerin. Jazz-Sängerin wollte sie ohnehin nie genannt werden. Das Wort, sagte sie, sei von weißen Kritikern erfunden worden, um schwarze Genies kleinzuhalten. Ihr eigener Begriff war Black Classical Music. Bach im linken Handgelenk, Gospel im rechten, dazwischen der Blues wie ein Scharnier.

Und dieses Scharnier hört man auf ´Nina Simone In Concert´ in jeder Sekunde knarren. Ihre linke Hand denkt fast mönchisch diszipliniert, während die rechte längst im Blues wildert. Die Stimme selbst kennt keine feste Adresse: mal ein Flüstern, das kaum die ersten Stuhlreihen erreicht, mal ein Schrei, der bis in den dritten Rang trägt. Begleitet wird sie in der “Carnegie Hall” von einem schlanken Trio – Rudy Stevenson an der Gitarre, Lisle Atkinson am Bass, Bobby Hamilton am Schlagzeug.

Eröffnet wird der Abend mit ´I Loves You, Porgy´, der Gershwin-Arie, die sie 1958 berühmt machte, allerdings ohne den Studio-Zierrat der Originalaufnahme. ´Plain Gold Ring´ folgt als schwerer, schleppender Blues, in dem jede Zeile wie ein Stein ins Wasser fällt. Mit ´Pirate Jenny´ betritt die Platte gefährlicheres Terrain: Brecht und Weill, aus der Dreigroschenoper gerissen und in eine drohende, fast geflüsterte Racheballade verwandelt, in der die Küchenmagd zur Stellvertreterin einer ganzen unterdrückten Bevölkerung wird. ´Old Jim Crow´ ist reiner, geradliniger Zorn, das Klavier schlägt wie ein Richterhammer.

´Don’t Smoke In Bed´ gönnt dem Publikum eine kurze Verschnaufpause, melancholisch und zart. Dann ´Go Limp´, ein scheinbar harmloser Folksong über ein Mädchen bei einer Bürgerrechtsdemo. Simone soll mitten im Song den Text vergessen und einfach weiterimprovisiert haben, und der Saal johlte, ohne recht zu ahnen, wie viel Wahrheit in dem Scherz steckte. Und zuletzt, unausweichlich das Lied ´Mississippi Goddam´, getarnt als beschwingter Gassenhauer, tatsächlich eine Kriegserklärung.

Die Entstehungsgeschichte dieses letzten Songs ist selbst schon Legende. Nach dem Bombenanschlag im September 1963 auf eine Kirche in Birmingham, bei dem vier Mädchen starben, soll Simone in ihre Garage gegangen sein, um sich aus Altmetall eine Waffe zu bauen. Ihr Mann fand sie dort, nahm ihr das Werkzeug aus der Hand und sagte ihr sinngemäß, sie verstehe nichts vom Töten – das Einzige, was sie habe, sei die Musik. Innerhalb weniger Stunden saß sie am Klavier, und der Song war fertig.

In der „Carnegie Hall“ funktioniert die Pointe wie eine Falle: Das Publikum lacht zunächst, klatscht mit, hält die Nummer für eine augenzwinkernde Show-Einlage, bis Simone mitten im Stück innehält und trocken feststellt, man habe wohl gedacht, sie mache Witze. Die Anekdote will es, dass in diesem Moment einem ganzen Saal voll feiner Leute das Lachen im Hals stecken blieb.

Diese Kompromisslosigkeit gegenüber dem eigenen Publikum kostete sie Radiospielzeit, Plattenverkäufe, irgendwann fast die ganze kommerzielle Karriere. Es focht sie wenig an. Wie unnachgiebig diese Haltung blieb, zeigte sich noch 1976 beim “Montreux Jazz Festival”: Mitten im todtraurigen Song ´Stars´ stand eine Frau im Publikum auf, um frühzeitig zu gehen. Simone brach ihr Spiel ab, zeigte mit dem Finger quer durch den Saal und befahl: Hey Girl, sit down. Die Frau setzte sich wieder hin, und Simone spielte weiter, als wäre nichts gewesen.

Heute sampeln Lauryn Hill, Kanye West und Lana Del Rey ihre Platten, Hymnen wie ´Feeling Good´ und ´Sinnerman´ gehören längst zum kollektiven Gedächtnis, und 2018 folgte die posthume Aufnahme in die „Rock & Roll Hall of Fame“ – eine Ehrung, die ihr vermutlich ein bitteres Lächeln entlockt hätte, hasste sie doch jede Schublade, die man ihr überstülpen wollte.

2024, sechzig Jahre nach jenen drei Abenden, hat „Verve“ die Platte im Rahmen seiner „Acoustic Sounds Series“ noch einmal neu aufgelegt, kuratiert von Label-Chef Chad Kassem, gemastert von Ryan K. Smith in den „Sterling Sound Studios“ direkt von den analogen Originalbändern, gepresst auf 180g-Vinyl bei „Quality Record Pressings“. Das Ergebnis ist verblüffend: Simones Stimme steht so plastisch im Raum, dass man ihr Atmen zwischen den Zeilen hört, das Knacken im Mikrofon, jede Nuance ihrer Wut. Die Instrumente dahinter tragen unübersehbar die Handschrift von 1964 – Klavier und Schlagzeug klingen im Hintergrund etwas flach, ein wenig zweidimensional, ein Zeugnis der damaligen Saal-Mikrofonierung an der “Carnegie Hall”. Wer jedoch ein ehrliches, ungefiltertes Zeugnis sucht, hält hier vermutlich die bestklingende je gepresste Version dieses Albums in Händen, verpackt in einem schweren Stoughton-Tip-On-Gatefold, das dem historischen Moment ein würdiges Zuhause gibt.

´Nina Simone In Concert´ altert nicht, weil die Wut, die es dokumentiert, leider auch nicht gealtert ist. Es ist ihr unumstrittenes Live-Meisterwerk. Es ist eine Platte, die einen beim Kragen packt, hinsetzt und sagt: Jetzt hör zu.

10 Punkte – ein Live-Album, das sich weigert, harmlos zu sein, und darin seine ganze Größe findet.

https://www.facebook.com/nina.simone

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