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PACO DE LUCÍA – Entre Dos Aguas

1975/2026 (Elemental Music Records) - Stil: Flamenco Nuevo / Rumba

Andalusien in den frühen Siebzigern. Die Luft flimmert über den weißen Häusern von Algeciras, irgendwo zwischen Atlantik und Mittelmeer. Aus offenen Fenstern dringen Stimmen, Palmas und Gitarrenklänge auf die Straßen. Der Flamenco gehört hier zum Alltag wie das Salz zum Meer. Doch ein junger Gitarrist beginnt gerade, die Grenzen dieser jahrhundertealten Musik neu zu erkunden.

Als ´Entre Dos Aguas´ 1975 erscheint, ist PACO DE LUCÍA längst kein Geheimtipp mehr. Innerhalb Spaniens gilt er bereits als Ausnahmetalent, als Virtuose mit einer Technik, die selbst erfahrene Flamencos sprachlos macht. Doch dieses Kompilationsalbum verändert alles. Es wird zum Fenster, durch das die Welt erstmals einen umfassenden Blick auf seine Kunst werfen kann.

Der Schlüssel liegt im Titelsong. ´Entre Dos Aguas´ entstand ursprünglich beinahe zufällig als spontane Studioimprovisation. Was als improvisierter Lückenfüller begann, entwickelte sich zum vielleicht bedeutendsten Instrumentalstück der modernen spanischen Musikgeschichte. Die berühmte Rumba trägt den Hörer auf einer Welle aus Rhythmus, Melodie und mediterraner Lebensfreude durch die Straßen Andalusiens. Der Einsatz von E-Bass und perkussiven Elementen sorgte damals für Diskussionen unter Puristen. Heute wirkt die Aufnahme wie der Startschuss für eine neue Ära.

Doch der wahre Reiz dieses Albums liegt in seiner Gesamtheit. Die Zusammenstellung zeigt PACO DE LUCÍA an einem historischen Wendepunkt. Hier begegnen sich die uralten Wurzeln des Flamenco und die musikalische Neugier eines Künstlers, der weit über die Grenzen seines Genres hinausschaut.

Stücke wie ´Jerezana´ oder ´Fandangos´ tragen noch den tiefen Duft der traditionellen Tablaos in sich. Man hört die Nähe zu den großen Flamenco-Familien Andalusiens, die Strenge des Compás und den Stolz einer jahrhundertealten Kultur. Gleichzeitig öffnen Kompositionen wie ´Malagueña De Lecuona´ oder ´Zarda De Monty´ bereits neue Horizonte. Die Einflüsse klassischer Musik treten hervor, harmonische Farben erweitern das vertraute Vokabular des Flamenco.

Gerade darin ähnelt PACO DE LUCÍA den großen Erneuerern des Jazz. So wie MILES DAVIS den Bebop hinter sich ließ oder JOHN COLTRANE neue spirituelle Räume erschloss, suchte auch PACO DE LUCÍA nach neuen Wegen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Seine Musik bewahrt stets die Seele Andalusiens, blickt dabei aber weit über den Horizont hinaus.

Besonders beeindruckend bleibt seine Gitarrentechnik. Die rasenden Picados, die perlenden Arpeggien und die explosiven Rasgueados dienen niemals bloßer Virtuosität. Jede Note erzählt eine Geschichte. Wo andere Gitarristen beeindrucken wollen, erschafft PACO DE LUCÍA Atmosphäre.

Vielleicht erklärt genau das den bis heute ungebrochenen Klassikerstatus von ´Entre Dos Aguas´. Diese Platte dokumentiert den Moment einer künstlerischen Transformation. Der traditionelle Flamenco beginnt sich zu öffnen, Jazz, lateinamerikanische Rhythmen und moderne Klangfarben treten vorsichtig ein. Aus dieser Bewegung entsteht später das, was die Welt als Flamenco Nuevo kennenlernt.

Mehr als fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung wirkt die Musik erstaunlich zeitlos. Die Melodien haben nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Die Energie der Aufnahmen besitzt weiterhin jene unmittelbare Frische, die große Kunst von bloßer Nostalgie unterscheidet.

(Klassiker)

Die Neuauflage von 2026 durch “Elemental Music” behandelt diesen Meilenstein erfreulich respektvoll. Besonders wichtig ist die Rückkehr zur originalen Trackliste der ersten LP von 1975. Viele spätere Editionen veränderten die Zusammenstellung erheblich. Die neue Ausgabe präsentiert das Album wieder in jener Form, mit der Generationen spanischer Hörer PACO DE LUCÍA erstmals entdeckten.

Auch klanglich hinterlässt die Pressung einen ausgezeichneten Eindruck. Das 180g-Vinyl läuft angenehm ruhig und bietet den akustischen Instrumenten viel Raum zur Entfaltung.

Natürlich handelt es sich hier nicht um eine moderne audiophile Studioaufnahme im Stil aktueller Analogue-Productions-Veröffentlichungen. Die historischen Produktionsbedingungen der frühen Siebziger setzen natürliche Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen präsentiert sich die Neuauflage jedoch bemerkenswert ausgewogen und musikalisch.

Für Sammler, Flamenco-Liebhaber und Freunde großer Gitarrenmusik ist diese Wiederveröffentlichung deshalb weit mehr als bloße Nostalgie. Sie erinnert an jenen Moment, als ein junger Andalusier die Tore des Flamenco weit öffnete und eine Musik in die Welt hinaustrug, die bis heute nichts von ihrer Magie verloren hat.

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