PlattenkritikenPressfrisch

ELLA FITZGERALD – Sings The Rodgers And Hart Song Book

1956/2026 (Verve Records/UMe) - Stil: Jazz/Pop

Ella Fitzgerald hatte bereits mit ´Ella Fitzgerald Sings The Cole Porter Song Book´ bewiesen, dass das “Great American Songbook” weit mehr sein konnte als gepflegte Unterhaltung für Cocktailbars und Radiostationen. Doch erst ´Ella Fitzgerald Sings The Rodgers And Hart Song Book´ brachte 1956 jene Mischung aus Eleganz, Melancholie und Swing hervor, die diese Serie endgültig in eine andere Liga katapultierte.

Norman Granz erkannte früh, dass Ella Fitzgeralds Stimme genau die richtige Balance für die Musik von Richard Rodgers und Lorenz Hart besaß. Rodgers schrieb Melodien mit ungemeiner Präzision, Hart konterte mit Texten voller Sehnsucht, Sarkasmus und verletzter Romantik. Ella Fitzgerald verband beides mit einer Selbstverständlichkeit, die bis heute unerreicht bleibt.

Bereits die Entstehungsgeschichte besitzt fast filmische Qualität. Während Frank Sinatra wenige Räume weiter in den “Radio Recorders Studios” an seinen “Capitol”-Alben arbeitete, versammelte Buddy Bregman für Ella Fitzgerald ein Orchester aus den besten Westküsten-Sessionmusikern jener Zeit. Barney Kessel an der Gitarre, Paul Smith am Klavier, Joe Mondragon am Bass und Alvin Stoller am Schlagzeug bildeten das Herzstück dieser Sessions. Dazu kamen Bläsergrößen wie Maynard Ferguson, Pete Candoli oder Bud Shank, die den Arrangements jene Mischung aus Big-Band-Glanz und geschmeidigem Jazz-Flair verliehen, die dieses Album so unverwechselbar macht. Bemerkenswert bleibt, dass Buddy Bregman damals erst Mitte zwanzig war. Viele hielten ihn für zu jung, um ein Projekt dieser Größenordnung aufzuziehen. Die Resultate sprechen bis heute eine andere Sprache.

Norman Granz trieb die Aufnahmen mit jener kompromisslosen Präzision voran, die seine Produktionen berühmt machte. Er bestand darauf, dass Ella Fitzgerald auch die oft gestrichenen Einleitungsverse der Songs sang. Dadurch gewannen Stücke wie ´Bewitched, Bothered And Bewildered´ oder ´Where Or When´ plötzlich erzählerische Tiefe. Gleichzeitig sorgte Norman Granz dafür, dass Ellas Stimme stets im Zentrum blieb. Das Orchester glänzt, swingt und leuchtet in allen Farben, doch der Fokus verliert sich nie.

´Have You Met Miss Jones?´ eröffnet die Reise mit federndem Uptempo-Swing. Direkt darauf gleitet ´You Took Advantage Of Me´ in eine elegante Mischung aus Broadway-Romantik und West-Coast-Jazz, während Barney Kessels Gitarre feine Akzente zwischen Ellas Phrasen setzt. ´The Lady Is A Tramp´ entwickelt sich zum temperamentvollen Höhepunkt der ersten LP-Seite. Die Bläser feuern ihre Salven ab, Alvin Stoller treibt das Tempo mit federndem Schlagzeugspiel voran und Ella Fitzgerald phrasiert mit jener lockeren Selbstsicherheit, die Generationen von Sängerinnen beeinflussen sollte.

Ganz anders wirkt ´Manhattan´. Buddy Bregman hält das Arrangement bewusst zurück und Ella Fitzgerald kostet Lorenz Harts Wortwitz mit hörbarer Freude aus. Man meint tatsächlich, durch ein sommerliches New York der vierziger Jahre zu spazieren. ´I Wish I Were In Love Again´ gehört wiederum zu den technisch beeindruckendsten Momenten der gesamten Songbook-Serie. Lorenz Harts Text springt in halsbrecherischem Tempo zwischen Ironie und Herzschmerz, während Ella Fitzgerald jede Silbe mit unfassbarer Präzision formt. Ihre Brillanz zeigt sich in absoluter Kontrolle bei maximaler Leichtigkeit.

Die Balladen zählen zu den größten Sternstunden des Albums. ´Spring Is Here´ taucht das Orchester in dunklere Farben. Die Streicher wirken weich und melancholisch, während Ellas Stimme fast schwerelos über dem Arrangement schwebt. ´It Never Entered My Mind´ besitzt diese stille Traurigkeit, die Lorenz Harts Texte so einzigartig macht. Ella Fitzgerald singt mit zurückgenommener Intensität und trifft den Kern dieser gebrochenen Romantik ohne jede Übertreibung.

Zwischen den schnellen Swing-Nummern setzt Buddy Bregman immer wieder diese kleinen, elegant gebauten Ruhepunkte, die dem Album seine besondere Tiefe verleihen. ´Blue Moon´ schimmert hier in einem geschmeidigen Midtempo-Gewand voller nächtlicher Großstadtstimmung. Danach wirkt ´Isn’t It Romantic?´ wie ein Blick in ein klassisches Hollywood-Musical der vierziger Jahre. Auch ´Thou Swell´ gehört zu den Momenten, in denen das gesamte Ensemble hörbar Spaß an diesen Songs entwickelt. Schnelles Tempo, federnder Rhythmus und Harts augenzwinkernder Text verschmelzen zu purem Broadway-Swing auf höchstem Niveau.

´My Funny Valentine´ bleibt ein Paradebeispiel dafür, wie man einen oft gesungenen Standard vollkommen selbstverständlich wirken lässt. Keine dramatischen Gesten, keine überladene Sentimentalität. Stattdessen ein ruhiges, balladeskes Arrangement, getragen von warmer Rhythmusarbeit und einer Stimme, die jede Zeile mit natürlicher Eleganz formt. Darin liegt die zeitlose Kraft dieser Aufnahme.

Einen völlig anderen Ton schlägt ´Ten Cents A Dance´ an. Die Geschichte einer erschöpften Taxi-Tänzerin bekommt durch Ellas Interpretation beinahe cineastische Konturen. Danach wirkt ´Johnny One Note´ wie ein Befreiungsschlag. Schnelles Big-Band-Feuerwerk, scharfe Bläsersätze und eine Sängerin, die scheinbar mühelos über allem schwebt.

Zu den schönsten Momenten des Albums zählt ´Where Or When´. Die Streicher flimmern weich im Hintergrund, während Ella Fitzgerald diesen Song über Erinnerung und Déjà-vu mit fast hypnotischer Ruhe singt. Gleich daneben steht ´Little Girl Blue´, vielleicht der melancholischste Titel des gesamten Programms. Lorenz Harts Einsamkeit schwingt in jeder Zeile mit, und Ella Fitzgerald verleiht dem Stück eine fragile Schönheit, ohne jemals sentimental zu wirken.

Dass dieses Album heute als Meilenstein gilt, liegt auch daran, wie perfekt Rodgers’ Kompositionen und Harts Texte zueinanderfinden. Richard Rodgers war der disziplinierte Perfektionist, Lorenz Hart der brillante Außenseiter voller Selbstzweifel und Exzesse. Genau diese Spannung hört man in vielen Songs. Rodgers liefert die elegante Form, Hart die gebrochenen Gefühle darunter. Ella Fitzgerald verbindet beides mit unglaublicher Souveränität.

1999 wurde das Album zurecht in die “Grammy Hall Of Fame” aufgenommen. Der Einfluss dieser Aufnahmen reicht bis heute weit über den Jazz hinaus. Für viele Sängerinnen und Sänger wurden Ellas Versionen zur endgültigen Referenz. Ihre Phrasierung in ´The Lady Is A Tramp´, ihr Timing in ´Manhattan´ oder die melancholische Ruhe von ´Bewitched, Bothered And Bewildered´ gehören längst zum Fundament amerikanischer Gesangskunst.

Die 2026 erschienene Ausgabe der “Verve Acoustic Sounds”-Series setzt diesem Klassiker nun endlich die audiophile Präsentation auf, die er verdient. Ryan K. Smith masterte komplett analog von den Originalbändern bei “Sterling Sound”, gepresst wurde bei “Quality Record Pressings” auf schwerem 180g-Vinyl.

Schon nach wenigen Takten fällt auf, wie präsent Ellas Stimme wirkt. Warm, körperhaft und unmittelbar steht sie zwischen den Lautsprechern, während die Bläser glänzen und die Rhythmusgruppe wunderbar geschmeidig arbeitet. Besonders über eine gute Röhrenkette entfaltet diese Pressung enorme Tiefe. Die Trompeten behalten ihren goldenen Schimmer ohne jede Härte, das Schlagzeug besitzt seidige Feinzeichnung und die leisen Passagen von ´Where Or When´ oder ´Little Girl Blue´ entwickeln eine intime Ruhe, die modernen Digitalversionen oft fehlt.

Selbst die Verpackung überzeugt auf ganzer Linie. Das schwere Stoughton-Tip-On-Gatefold reproduziert das klassische Artwork mit luxuriöser Haptik, genau so, wie man es sich bei einem Album dieser Bedeutung wünscht. Diese Veröffentlichung fühlt sich nicht wie ein gewöhnlicher Reissue an. Sie wirkt wie eine längst überfällige Rückkehr eines Albums, das den amerikanischen Standard-Jazz entscheidend geprägt hat.

´Ella Fitzgerald Sings The Rodgers And Hart Song Book´ bleibt eine jener seltenen Aufnahmen, bei denen musikalische Klasse, emotionale Tiefe und technische Perfektion vollkommen selbstverständlich zusammenfinden. Mehr als siebzig Jahre später klingt dieses Doppelalbum noch immer elegant, lebendig und erstaunlich modern. Eben deswegen gehört es zu den großen Werken des Vocal Jazz.

Standardwerk, Klassiker, Meisterwerk – alles in einem. Ein audiophiles Erlebnis für die Ewigkeit.

https://www.facebook.com/EllaFitzgerald

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"