
Schon der erste Blick auf dieses grellorange Demo-Tape erzählt eine Geschichte aus einer anderen Zeit. 1978 standen CIRITH UNGOL noch ganz am Anfang, irgendwo zwischen schwerem Hard Rock, psychedelischem Garagenlärm und den ersten dunklen Vorahnungen dessen, was wenige Jahre später als Epic Doom Metal Kultstatus erreichen sollte. Die Band vervielfältigte die Kassetten damals eigenhändig, schleppte sie zu Labels und Konzertveranstaltern in Kalifornien und hoffte auf Aufmerksamkeit. Erfolgreich war das zunächst kaum. Jahrzehnte später wirkt genau dieses Tape wie ein verlorenes Bindeglied zwischen den letzten Tagen des wilden Siebzigerjahre-Hardrock und der Geburt des US Metal-Underground.
Wichtig dabei: Hier geht es ausschließlich um ´The Orange Album´ von CIRITH UNGOL aus dem Jahr 1978 und nicht um Frank Oceans ´channel ORANGE´, das Pop/New-Wave-Album ´The Orange Album´ von STEFY oder das Hip-Hop-Release ´orange´ von 01099. Dieses Tape ist eine rohe Heavy Metal-Rarität aus Ventura, Kalifornien.
Die Aufnahmen entstanden im Sommer 1978 im provisorischen “Liquid Flames Studio A&B”. Hinter dem groß klingenden Namen verbarg sich im Grunde der Proberaum der Band samt angrenzendem Flur, in dem die Vierspurmaschine stand. Robert Garven, Greg Lindstrom und Roadie Tim Baker schoben Regler, klebten Mikrofone irgendwo zwischen Verstärkern und Schlagzeugständern fest und kämpften gegen kalifornische Sommerhitze, übersteuerte Gitarrenboxen und chronischen Platzmangel auf dem Tape. Genau diese improvisierte Härte macht den Reiz der Aufnahmen aus. Das klingt nie geschniegelt oder steril-remastered-glatt, sondern wie eine hungrige Band, die ihre Songs mit maximaler Lautstärke gegen die Wände feuert.
Genau deshalb besitzt dieses Tape einen fast schon historischen Reiz. Man hört CIRITH UNGOL beim Suchen, Probieren und Eskalieren. Noch keine feste Identität, noch keine endgültige Richtung, dafür ein wildes Gemisch aus BLACK SABBATH, THIN LIZZY, frühem US Hardrock, Proto-Doom und psychedelischen Jam-Ausbrüchen.

´Show You All´ eröffnet das Tape mit rauem Tempo und aggressivem Straßenrock. Robert Garven klingt herrlich ungehobelt, während Jerry Fogle messerscharfe Twin-Guitar-Läufe darüberlegt. ´High Speed Love´ zieht anschließend deutlich melodischer los. Tim Bakers Stimme wirkt hier noch weniger dämonisch als später, besitzt aber bereits diesen leicht hysterischen Unterton, der perfekt zu den hektischen Gitarren passt. Im Mittelteil driftet der Song plötzlich in einen verträumten Acid-Rock-Ausflug ab, ehe das Riff wieder voll einschlägt.
´Neck Romancer´ zeigt erstmals die dunklere Seite der Band. Schweres Midtempo, schleppende Gitarrenfiguren und ein okkulter Instrumentalcharakter erinnern an frühe BLACK SABBATH-Jams. ´Use Me´ arbeitet mit einem tiefen Bassfundament und einem fast funkigen Rock-Vibe, bevor das Stück gegen Ende plötzlich beschleunigt und Jerry Fogle ein wildes Solo entfesselt.
Der eigentliche Höhepunkt des Albums heißt allerdings ´Bite Of The Worm´. Hier taucht erstmals jener epische Schatten auf, der später zum Markenzeichen von CIRITH UNGOL werden sollte. Greg Lindstrom singt mit tiefer, beschwörender Stimme über schleppenden Riffs, während Jerry Fogle eines seiner stärksten Soli der gesamten Frühphase spielt. Man hört förmlich, wie sich die Band langsam vom Hard Rock Richtung Doom und Fantasy Metal bewegt.
Das kurze Instrumental ´Witchdance´ funktioniert wie ein unheimliches Zwischenstück mit wild zirpenden Gitarren. Danach wird es mit ´King Tut Uncommon´ herrlich schräg. Orientalische Skalen, progressive Wechsel und psychedelische Ideen schieben den Song weit weg vom simplen Hard Rock-Schema.
´We Know You’re Out There´ gehört zu den auffälligsten Songs des gesamten Tapes. Neal Beattie singt hier tatsächlich seinen einzigen vollständigen Lead-Part auf dem Album und bringt genau die richtige Mischung aus rotzigem Rock-Sänger und melodischem Sci-Fi-Erzähler mit. Die Nummer wirkt wie ein verloren gegangenes US-Underground-Radio-Stück zwischen UFO-Paranoia und Garagenmetal.
Das lange Instrumental ´Witsucker´ wird schließlich zur großen Jerry Fogle-Show. Bluesige Soli, fuzzige Riffs, psychedelische Gitarrenfahrten und ausufernde Jam-Passagen ziehen den Song tief in die Welt des späten Siebziger-Undergrounds. An dieser Stelle hört man besonders deutlich, warum Jerry Fogle später zum verehrten Kult-Gitarristen wurde.
Historisch spannend bleiben vor allem die frühen Fassungen von ´Atom Smasher´ und ´Route 666´. ´Atom Smasher´ liegt hier noch als langsameres Instrumental vor, weit entfernt vom aggressiven Speed Metal-Monster der späteren Studioversion auf ´King Of The Dead´. ´Route 666´ wiederum erscheint in seiner Urform als dreckiger Biker-Rocker mit Greg Lindstrom am Mikrofon. Erst 2021 nahm die Band den Song für die EP ´Half Past Human´ offiziell neu auf.

Die Geschichte hinter diesem Tape ist allerdings ebenso spannend wie die Musik selbst. Nach der frustrierenden Suche nach Label-Unterstützung finanzierte die Band später ihr Debüt ´Frost And Fire´ eigenständig. Tim Baker wurde endgültig Frontmann, Greg Lindstrom und Jerry Fogle schärften den Sound immer weiter und CIRITH UNGOL entwickelten sich Schritt für Schritt zu einer der eigenwilligsten Metal-Bands Amerikas. Dass Jerry Fogle den späteren Kultstatus der Gruppe nie mehr erleben konnte, verleiht diesen frühen Aufnahmen heute eine zusätzliche Tragik.
Die 2026er Vinyl-Ausgabe auf orangefarbenem Vinyl wirkt deshalb längst überfällig. Zum ersten Mal erscheint ´The Orange Album´ offiziell als LP und genau dieses Format passt perfekt zu dieser Musik. Bart Gabriels Mastering holt erstaunlich viel Wärme und Dynamik aus den alten Vierspur-Aufnahmen heraus. Die Gitarren knistern, die Becken scheppern, die Bassläufe drücken herrlich analog aus den Boxen und die gesamte Aufnahme besitzt genau jene ungezähmte Energie, die moderne Retro-Produktionen meist nur imitieren.
Für CIRITH UNGOL-Fans ist diese Veröffentlichung weit mehr als ein archäologischer Griff in die Vergangenheit. ´The Orange Album´ zeigt eine legendäre Band in ihrem chaotischsten, kreativsten und ehrlichsten Zustand – lange bevor aus Garagenlärm epischer Kult wurde.
Ohne festen Frontmann teilten sich Musiker, Roadies und Gäste die Lead-Vocals, was der gesamten Tracklist eine unberechenbare Dynamik verleiht. Gleichzeitig fangen die Songs exakt jenen Moment ein, in dem psychedelischer, bluesiger Hard Rock der Siebzigerjahre langsam in die düsteren und härteren Bahnen des frühen Heavy Metal übergeht. Trotz der primitiven Vierspur-Aufnahmen blitzt das songwriterische und gitarrentechnische Genie von Jerry Fogle in nahezu jeder Minute auf. Seine wilden Soli, die schweren Riffs und diese ungeschliffene Energie machen ´The Orange Album´ bis heute zu einem Pflichtkauf für Liebhaber klassischen Underground-Metal.
Für CIRITH UNGOL-Die-Hards und Archäologen des Old-School-Metal bleibt dieses restaurierte Zeitdokument ein kleiner heiliger Gral — der Moment, in dem der epische Geist der Band bereits tief in einer Garage von Ventura zu lodern begann. Die Aufnahmen von 1978 markieren zugleich die eigentliche Geburtsstunde eines Heavy Metal-Mythos und wirken heute wie die wilde Ursuppe, aus der eine der eigenwilligsten Kultbands des US Metal hervorging.
https://www.facebook.com/cirithungolofficial



