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SIMON HANES – Gargantua

2026 (Pyroclastic Records) - Stil: Jazz

Wenn Simon Hanes ein Ensemble konsequent in Dreiergruppen denkt – drei Schlagzeuge, drei E-Bässe, drei Posaunen, drei Hörner, drei Sopranstimmen –, dann ist das kein bloßes Zahlenspiel. ´Gargantua´ stellt dieses Prinzip in den Mittelpunkt und übersetzt die literarische Überdimensionierung von François Rabelais in ein großformatig organisiertes Klanggeschehen.

Die Besetzung spiegelt François Rabelais’ Kontrast zwischen dem Groben und dem Intellektuellen wider, indem sie die wuchtige Dynamik der drei Bässe und Schlagzeuge gegen die sakrale Brillanz der drei Soprane stellt. Simon Hanes versammelt dafür zentrale Figuren der New Yorker Avantgarde-Szene. Musiker wie Trevor Dunn am E-Bass oder Jacob Garchik an der Posaune treffen auf ein Ensemble, das in seiner Besetzung konsequent vervielfacht ist. Die Produktion durch Ron Saint Germain, bekannt für seine Arbeit mit Bad Brains, verleiht der komplexen Struktur eine massive, fast rockartig verdichtete Präsenz, ohne die Feinzeichnung der Kompositionen zu überdecken.

Die Entstehung von ´Gargantua´ verlief über zwei geografische Fixpunkte. In Molde, Norwegen, formte sich die Idee eines übergroßen Ensembles erstmals konkret, später verdichtete sich das Material während einer isolierten Arbeitsphase im Hawai’i Volcanoes National Park. Zwischen nordischer Weite und vulkanischer Unberechenbarkeit entstand ein Spannungsfeld, das sich durch alle zehn Kompositionen zieht.

Bereits der Auftakt ´A Series Of Waves Tremble In A Sea Of Blood´ setzt auf kontrastreiche Schichtungen zwischen Vokalensemble und dicht gesetzten Bläserblöcken. In Stücken wie ´Gigantes´ oder ´Lucifer / Aureum Chaos´ nutzt Simon Hanes das Prinzip des Hocketing, wodurch rhythmische Figuren zwischen den dreifach besetzten Instrumentengruppen aufgeteilt werden und ein bewegliches Wechselspiel entsteht. ´Knockandrow´ greift Anklänge an geistliche Mehrstimmigkeit auf, während ´Lacerated By A Flying Shard´ das Zusammenspiel der Schlagzeug- und Bassgruppen in eine rohe, direkt gesetzte Form führt.

´The Number Of The Beast Is 666´ arbeitet mit einem statisch wirkenden Bläsersatz, der durch wechselnde Metren immer wieder verschoben wird. ´Submit To The Fabulosity´ rückt die Stimme in den Mittelpunkt einer theatralisch zugespitzten Situation, bevor ´Moirai´ das Geschehen auf eine ruhiger geführte, vokal geprägte Struktur reduziert. ´I Am´ setzt einen klar konturierten Ruhepunkt, während ´Hekla 1970´ das Werk mit präzise gesetzten Impulsen und abrupten Wechseln abschließt.

´Gargantua´ wirkt in seiner Gesamtheit wie eine konsequent durchgearbeitete Übersteigerung des Ensemblegedankens. Die Idee der Überfülle bleibt jederzeit strukturell kontrolliert, die Musik hält die Balance zwischen Organisation und kontrollierter Eskalation. Simon Hanes gelingt damit ein Werk, das seine Referenzen vollständig in eine eigenständige musikalische Sprache überführt.

(8,5 Punkte)

https://simonhanes.bandcamp.com/album/gargantua
https://www.instagram.com/tredicibacci/

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