
KENNY BARRON, RAY DRUMMOND & BEN RILEY – So Many Lovely Things: Live in Brecon
2026 (Elemental Music) - Stil: Jazz
Manchmal verschwinden die wertvollsten Aufnahmen nicht in den Archiven großer Plattenfirmen, sondern in privaten Sammlungen. Dort liegen sie jahrzehntelang unbeachtet zwischen Tourunterlagen, Konzertprogrammen und vergessenen Tonbändern, bis jemand erkennt, was tatsächlich darauf konserviert wurde. Bei ´So Many Lovely Things: Live In Brecon´ dauerte diese Wiederentdeckung fast drei Jahrzehnte. Erst 2026 öffnet sich das Archiv des spanischen Konzertveranstalters Jordi Suñol und gibt einen Konzertabend frei, der Kenny Barron, Ray Drummond und Ben Riley in einer jener seltenen Sternstunden dokumentiert, in denen sich Technik, Erfahrung und Intuition vollkommen die Waage halten.
Aufgenommen wurde das Konzert am 12. August 1995 beim “Brecon Jazz Festival” im walisischen “Brycheiniog Theatre”. Es war ein Abend während einer Europatournee des Trios, das damals längst zu den feinsten Pianoformationen des modernen Jazz gehörte. Kenny Barron hatte sich bereits als einer der elegantesten Pianisten seiner Generation etabliert. Ray Drummond galt als einer der gefragtesten Bassisten der amerikanischen Szene. Und Ben Riley brachte nicht nur Jahrzehnte an Erfahrung mit, sondern auch das Erbe seiner Jahre an der Seite von Thelonious Monk.
Die besondere Qualität dieses Mitschnitts liegt jedoch nicht in den berühmten Namen. Sie liegt in der außergewöhnlichen Chemie zwischen den Musikern. Barron sprach später selbst von einer der harmonischsten Besetzungen seiner gesamten Karriere. Keine Egos, keine Konkurrenz, kein hörbares Kräftemessen. Stattdessen drei Musiker, die einander vertrauen und jede musikalische Idee gemeinsam weiterentwickeln.
Für die Veröffentlichung wurden die Originalbänder von Marc Doutrepont restauriert und neu abgemischt. Matthew Lutthans übernahm das Mastering im renommierten „The Mastering Lab“, während Zev Feldman und Jordi Suñol als Produzenten die historische Aufarbeitung begleiteten. Herausgekommen ist eine Scheibe von bemerkenswerter klanglicher und musikalischer Qualität.
Bereits mit ´Oh, Look At Me Now´ wird deutlich, weshalb dieses Konzert so besonders ist. Aus dem bekannten Standard entwickelt das Trio eine über elf Minuten lange Erzählung voller Leichtigkeit und Spielfreude. Barron stellt die Melodie zunächst vor, bevor er beginnt, sie umzubauen und in immer neue Richtungen zu führen. Was als vertrauter Swing-Standard beginnt, entwickelt sich zu einer offenen Plattform für spontane Kommunikation.
Mit ´Up Jumped Spring´ folgt eine der schönsten Kompositionen Freddie Hubbards. Barron nähert sich dem Stück mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Seine Phrasierung wirkt nahezu schwerelos, jede Phrase scheint sorgfältig gesetzt und doch vollkommen natürlich zu entstehen. ´Shuffle Boil´ bringt anschließend einen deutlichen Stimmungswechsel. Die Thelonious Monk-Komposition lebt von rhythmischen Ecken und harmonischen Überraschungen. Hier zahlt sich Ben Rileys jahrzehntelange Erfahrung mit Monks Musik unmittelbar aus. Das Trio bewahrt den eigensinnigen Charakter der Vorlage. Die Musik bleibt unverkennbar Monk, spricht aber zugleich die Sprache dieses Trios.
´Time Was´ eröffnet die zweite Hälfte der ersten Vinyl-Scheibe mit einer frei schwebenden Einleitung. Barron nimmt sich Zeit, die Melodie vorsichtig zu entwickeln, bevor das Trio gemeinsam in den eigentlichen Puls findet. Die Musik darf atmen, darf sich entfalten, darf ihren eigenen Weg finden. Mit ´Silent Rain´ betritt Barron anschließend eigenes kompositorisches Terrain. Die Ballade gehört zu den schönsten Eigenkompositionen seines Repertoires und erhält hier eine besonders intime Interpretation. Die Aufnahme zeigt exemplarisch, wie viel Ausdruckskraft in kontrollierter Zurückhaltung liegen kann.
´Ask Me Now´ führt erneut zu Thelonious Monk zurück. Das Trio verzichtet auf jede Form virtuoser Selbstdarstellung und konzentriert sich stattdessen vollständig auf die emotionale Substanz der Komposition. Die Musiker scheinen einander förmlich vorauszuahnen. Selten klingt musikalische Kommunikation so selbstverständlich.
Auf der dritten LP-Seite eröffnet ´Nikara’s Song´ den zweiten Konzertabschnitt. Die Komposition, ursprünglich Barrons Enkelin gewidmet, bringt neue rhythmische Energie in das Programm. Während die Studioversion von zusätzlichen Instrumenten lebt, konzentriert sich die Brecon-Fassung vollständig auf die Kraft des Trios. Das Ergebnis wirkt lebendiger und erstaunlich frisch. ´The Surrey With The Fringe On Top´ gehört zu jenen Standards, die im Jazz unzählige Male interpretiert wurden. Dennoch gelingt es Barron, dem Stück neue Facetten abzugewinnen. Seine rechte Hand entwickelt atemberaubende Linien, während Drummond und Riley darunter einen Swing erzeugen, der gleichzeitig entspannt und hochkonzentriert wirkt.
Mit ´The Very Thought Of You´ kehrt die Musik noch einmal in ruhigere Regionen zurück. Barron zeigt hier seine außergewöhnliche Fähigkeit, Balladen ohne Sentimentalität zu spielen. Den Abschluss bildet schließlich ´Canadian Sunset´. Das Trio verabschiedet sich energiegeladen. Der bekannte Standard entwickelt sich zu einem lebendigen Finale voller Spielfreude. Noch einmal wird deutlich, wie eng die drei Musiker miteinander verbunden sind.
Auch klanglich überzeugt diese Veröffentlichung auf ganzer Linie. Nichts klingt steril oder künstlich geglättet. Stattdessen bleibt die Atmosphäre des Konzertabends vollständig erhalten. Das Publikum ist präsent, ohne störend zu wirken. Die Instrumente besitzen Körper und Raum.
Die auf 180g-Vinyl gepresste Doppel-LP präsentiert sich darüber hinaus in einer hochwertigen Gatefold-Ausgabe. Das umfangreiche Begleitmaterial mit den Linernotes von Ted Panken liefert wertvolle Hintergründe zur Entstehung des Konzerts und zur Geschichte des Trios. Wie bei den besten Veröffentlichungen von “Elemental Music” verbindet sich hier vorbildliche Archivarbeit mit audiophilem Anspruch.
Am Ende bleibt weit mehr als eine historische Entdeckung. ´So Many Lovely Things: Live In Brecon´ dokumentiert drei Musiker auf einem außergewöhnlichen kreativen Niveau und ein Konzert in zeitloser Qualität. Es erinnert daran, dass die größten Momente des Jazz oft aus dem Mut entstehen, gemeinsam ins Ungewisse aufzubrechen. Drei Jahrzehnte lang lag dieses Konzert im Verborgenen. Nun scheint es so, als hätte es genau auf diesen Moment gewartet.
(9 Punkte)



