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SATOKO FUJII’S BUNKER ULMENWALL ORCHESTRA

2026 (Libra Records) - Stil: Jazz

Manchmal geschieht im Jazz etwas, das sich jeder Planung entzieht. Ein Konzert wird gespielt, die Musiker reisen weiter, die Jahre vergehen. Erinnerungen verblassen. Tonbänder verschwinden in Regalen, Kellern oder Archiven. Die Musik lebt nur noch in den Erzählungen derjenigen weiter, die damals dabei waren. Und dann, viele Jahre später, taucht sie plötzlich wieder auf.

Das ist die Geschichte von ´Satoko Fujii’s Bunker Ulmenwall Orchestra´. Eine Geschichte, die bereits wie eine Jazz-Legende klingt, bevor überhaupt die erste Note erklingt.

November 2014. Bielefeld. Der Bunker Ulmenwall, jener eigentümliche Ort aus Beton und Geschichte, tief verwurzelt in der europäischen Jazzlandschaft. Wo einst Schutz vor Bomben gesucht wurde, entsteht seit Jahrzehnten Musik, die Grenzen überschreitet und Horizonte erweitert. Hier versammelt die japanische Pianistin und Komponistin Satoko Fujii ein einzigartiges Ensemble aus erfahrenen Improvisatoren und jungen Musikern der ostwestfälischen Szene. Vier Konzerte entstehen. Danach verschwindet das Projekt beinahe im Nebel der Zeit. Bis Wolfgang Groß die Aufnahmen zufällig wiederentdeckt. Ein glücklicher Fund. Ein Wunder des Archivs. Ein Geschenk an die Gegenwart.

Zwölf Jahre später erscheint dieses Dokument auf “Libra Records” und wirkt erstaunlicherweise aktueller als ein Großteil jener Musik, die heute unter dem Etikett “Avantgarde” veröffentlicht wird. Denn wahre Improvisationsmusik altert anders. Sie gehört keiner Mode. Sie lebt außerhalb von Trends. Sie wartet.

Schon die ersten Minuten von ´Shiki´ machen deutlich, weshalb Satoko Fujii seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Stimmen des modernen Creative Jazz zählt. Das knapp fünfzigminütige Werk nimmt fast die komplette erste CD ein und entfaltet sich wie ein Roman. Nichts wird überstürzt. Nichts wird erklärt. Die Musik öffnet Türen.

Lucy Liebes Gitarre schwebt zunächst fast körperlos durch den Raum. Einzelne Töne glitzern wie Lichtreflexe auf dunklem Wasser. Dahinter beginnen die Bläser langsam zu atmen. Das Orchester erwacht nicht wie eine Big Band. Es erhebt sich wie ein Organismus. Man fühlt sich an die großen orchestralen Visionen von Carla Bley erinnert. An die frühen Großensembles von Michael Mantler. Manchmal blitzt sogar die spirituelle Weite von Charlie Hadens Liberation Music Orchestra auf. Dann wieder öffnet sich ein Raum, in dem die radikale Freiheit des Globe Unity Orchestra mitschwingt. Und doch klingt diese Musik unverwechselbar nach Satoko Fujii.

Immer wieder verdichtet sich das Geschehen zu massiven Klangblöcken. Die Bläser türmen sich übereinander. Das Basssaxophon von Andreas Kaling beginnt zu grollen wie ein entferntes Gewitter. Die Trompeten von Natsuki Tamura, Benny Meinert und Robin Stüwe reißen plötzlich Schneisen durch das Ensemble. Dann geschieht etwas Magisches. Die Musik fällt in sich zusammen. Ein einzelnes Cello. Ein paar verstreute Klaviertöne. Stille. Diese Dynamik macht ´Shiki´ zu einem Ereignis. Die Komposition atmet. Sie expandiert und kontrahiert wie ein lebender Körper.

Wer die Aufnahme über Kopfhörer hört, erlebt zudem die erstaunliche Akustik des Bunkers. Eigentlich hätte das Projekt an der räumlichen Enge scheitern müssen. Die Musiker saßen wie in einem langen Tunnel hintereinander gestaffelt. Eine geometrische Katastrophe. Auf der Aufnahme verwandelt sich dieser Nachteil in eine Stärke. Der Raum klingt greifbar. Man hört Luft. Man hört Distanz. Man hört die Architektur. Vielleicht entsteht genau daraus jene metallische Dichte, von der Satoko Fujii später selbst begeistert sprach.

Die zweite CD verändert die Perspektive. Das Orchester wird zur Gemeinschaft. Die Bühne gehört nun mehreren Stimmen.

Andreas Kalings ´Yamantaka´ entwickelt aus den tiefen Registern des Basssaxophons einen dunklen, hypnotischen Sog. Der Groove bewegt sich langsam und unerbittlich vorwärts. Fast scheint es, als würde ein vergessenes Ritual beschworen.

Natsuki Tamuras ´Jasper´ zeigt anschließend die anarchische Seite dieses Ensembles. Luftgeräusche, eruptive Klangfetzen und unvorhersehbare Wendungen erinnern an die frühen Jahre des japanischen Free Jazz. Man denkt an Masayuki Takayanagi, an Kaoru Abe, an jene Musiker, die den Jazz einst aus seinen gewohnten Formen sprengten.

Der heimliche Höhepunkt der zweiten CD könnte jedoch Luise Volkmanns ´Antischwarm´ sein. Ein Schlagzeugriff eröffnet das Stück mit beinahe rockiger Entschlossenheit. Das Altsaxophon schneidet durch die Luft wie ein Lichtstrahl. Das Orchester folgt, widerspricht, kommentiert, rebelliert. Hier begegnen sich Kammermusik, Post Rock und europäische Improvisation auf faszinierende Weise. Nichts wirkt konstruiert. Alles wirkt notwendig.

Der Abend endet mit ´Gen Himmel´. Und plötzlich scheint das gesamte Konzert auf diesen Moment zugelaufen zu sein. Elektronische Klangpartikel flattern durch den Raum wie Nachtvögel. Die Schlagzeuger treiben das Ensemble voran. Bläserfanfaren steigen auf. Das Cello zieht lange Linien durch den Klangstrom. Man denkt an die großen orchestralen Finali von Charles Mingus. An die spirituelle Kraft eines Sun Ra. An die monumentalen Klanglandschaften eines George Russell. Doch auch hier bleibt Satoko Fujii ganz sie selbst. Ihre Musik sucht keine Erlösung. Sie sucht Bewegung. Sie sucht Transformation.

Darin liegt die wahre Größe dieses Albums. Es dokumentiert kein fertiges Meisterwerk. Es dokumentiert einen Prozess. Professionelle Musiker treffen auf junge Talente. Komposition trifft auf Improvisation. Struktur trifft auf Risiko. Niemand weiß genau, was in der nächsten Minute passieren wird. Deshalb entsteht jene Spannung, die den großen Jazz seit jeher ausmacht.

Die Wiederentdeckung dieser Aufnahmen könnte leicht als nostalgische Archivgeschichte verkauft werden. Doch das würde ihrem Wert nicht gerecht. ´Satoko Fujii’s Bunker Ulmenwall Orchestra´ ist kein historisches Kuriosum. Es ist lebendige Musik. Musik voller Überraschungen. Musik, die beweist, dass Jazz noch immer einer der letzten Orte ist, an denen Freiheit hörbar werden kann.

´Satoko Fujii’s Bunker Ulmenwall Orchestra´ ist ein überwältigendes Zeugnis improvisierter Orchesterkunst. Verloren geglaubt, wiedergefunden und heute größer als je zuvor.

(9,5 Punkte)

https://www.facebook.com/satokofujiipage


(VÖ: 10.07.2026)

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