
THE PRETTY RECKLESS – Dear God
2026 (Fearless Records / Goin' Down) - Stil: Rock
Man blickt unwillkürlich erst zurück. Dieses Cover des Vorgängers ´Death By Rock And Roll´ hat sich schlicht ins Gedächtnis gebrannt: Taylor Momsen, völlig nackt auf einer moosbedeckten, von herbstlichen Blättern gesäumten Steinplatte liegend – ein meisterhaft inszeniertes, symbolisches Grabmal voller düsterer Ästhetik, Verlockung und Trotz gegen den Abgrund. Ein visuelles Ausrufezeichen nach all den Schicksalsschlägen, dem Verlust von Kato Khandwala und Chris Cornell. Jetzt, fünf geschlagene Jahre später, liegt ´Dear God´ auf dem Plattenteller. Und wer glaubte, THE PRETTY RECKLESS hätten ihr Pulver mit dem Vorgänger verschossen, bekommt den Kopf gewaschen.
Der Einstieg nutzt überraschend ein Akustik-Fragment namens ´Life Evermore Pt. 2´. Einsame Saiten, Taylor Momsens raue, von unzähligen Tour-Nächten gezeichnete Stimme. Man steckt mitten im unvollendeten Film, bevor überhaupt der erste Akkord richtig ausklingt. Direkt im Anschluss rammt ´For I Am Death´ den Stiefel in die Fressleiste. Der Track zerrt tiefgestimmten 90er-Seattle-Sound durch den Dreck. Man spürt in jeder Faser, was die Monate im Vorprogramm der Titanen AC/DC angerichtet haben. Die Truppe hat den Stadion-Vibe aufgesaugt wie einen schwammigen Kneipen-Tresen. ´When I Wake Up´ prescht hinterher, stampft, rotzt und schreit nach 80.000 erhobenen Fäusten im Rhythmus.
Die Scheibe ist eine emotionale Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel. Ben Phillips schüttelt Riffs aus dem Ärmel, die schmutzigen Blues mit brutaler Härte vereinen. ´Love Me´ klingt, als hätte man das Herz auf einer Rasierklinge seziert. Danach startet ´Dragonfire´ schleppend, akustisch, schraubt die Spannung unerbittlich hoch und geht mit fliegenden Fahnen ohne Atempause direkt über in das monumentale Epos ´Dear God´. Über sechs Minuten gießt Taylor Momsen hier ihre Verzweiflung über den Hörer aus. Das ist kein glatter Pop-Rock, das ist ein verzweifelter Hilfeschrei gen Himmel, gekrönt von einem Gitarrensolo, bei dem Ben Phillips die Saiten buchstäblich zum Weinen bringt.
Musikalisch sprengt das Quartett aus New York alle Ketten. Neben Jamie Perkins am Schlagzeug und Mark Damon am Bass lassen die Herrschaften die Sau raus. ´About You´ rotzt den puren Punk-Spirit durch die Boxen, blitzschnell und dreckig. ´Spell On You´ beschwört verhexte Gothic-Vibes herauf, während ´Rollercoaster Of Life´ einen derart unverschämten Funk-Bass serviert, dass die RED HOT CHILI PEPPERS neidisch werden könnten. Mit ´Eye Of The Storm´ geht es staubig durch die Wüste des amerikanischen Südens, bevor das melancholische ´Devil In Disguise (Michelle’s Song)´ nur mit Akustikgitarre den Tränenkanal aktiviert. Vor dem Vorhang zerrt ´Dark Days´ noch als zähflüssiger Doom-Grunge an den Nerven, ehe ´Life Evermore Pt. 1´ mit majestätischen Streichern den Sack zumacht und den Kreis der Platte schließt.
Man spürt die Leidenschaft in den Rillen. Während der Aufnahmen griff Taylor Momsen zwischen den Gesangs-Sessions im Studio sogar exzessiv zur Häkelnadel, um die eigenen Nerven irgendwie vor dem Kollaps zu bewahren. Diese Mischung aus absoluter Rohheit, handwerklicher Perfektion und menschlichen Momenten gibt dem Album seine unvergleichliche Magie.
Für Sammler ist die Scheibe ohnehin ein Fest. “Fearless Records” hat dem Material als Doppel-LP ordentlich Auslauf gegönnt, was dem Bassfundament eine unverschämte Tiefe verleiht. Neben der fantastischen “Poltergeist”- oder der düsteren “Translucent Black Ice”-Variante existieren ultrareine Testpressungen als “White Label” für die ganz Verrückten. Wenn der Nadelarm am Ende in die Auslaufrille klackt, bleibt jedoch nur ein Gedanke: THE PRETTY RECKLESS haben vielleicht nicht ihr größtes Hit-Feuerwerk abgeliefert, aber ihr bis dato ehrlichstes und tiefstes Album. Ein verdammt starkes Stück Rock’n’Roll.
(8,5 Punkte)



