
THE GATHERING – Nighttime Birds
1997/2026 (Psychonaut Records) - Stil: Rock/Gothic Metal
Hagen, Februar 1997. Draußen liegt der deutsche Winter grau und nass über dem Sauerland. Drinnen, im “Woodhouse Studio”, brütet eine niederländische Band über neun Songs, die zum letzten Mal in ihrer Karriere kompromisslos Metal sein sollen. Ahnen tun sie das selbst kaum. Sie wissen nur, sie müssen liefern, und zwar schnell.
Mitte der Neunziger tobt in Europa ein stiller Wettstreit um die Zukunft des Gothic Metal. PARADISE LOST hatten mit ´Draconian Times´ gerade die Blaupause für den melancholischen, radiotauglichen Sound geliefert. TIAMAT experimentierten sich aus dem Death Metal heraus in dunkle, romantische Klanglandschaften. THEATRE OF TRAGEDY aus Norwegen bauten mit Growls und Engelsstimme ihr eigenes Konzept aus rauer und sanfter Seite. Mittendrin THE GATHERING, die trotzdem ihren eigenen Weg suchten. Mit Anneke van Giersbergen an vorderster Front, einer Sängerin, deren Stimme zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht pendelte wie kaum eine andere ihrer Generation, klang die Band nie wie eine Kopie. Immer wie ein eigenes Kapitel.
Nach dem Durchbruch von ´Mandylion´ blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Das Label setzte die Band unter Druck, die Fans warteten, und im Hintergrund brodelten längst ganz andere Ideen. Trotzdem kein Nachfolgealbum von der Stange. Die Gitarrenwände von René Rutten und Jelmer Wiersma bleiben mächtig, Hans Ruttens Schlagzeug treibt mit trockenem Punch durch jeden Song, aber Frank Boeijens Keyboards, früher oft die tragende Melodie-Instanz, ziehen sich zurück. Was am Ende bleibt, ist eine Band, die Metal noch einmal in seiner vollen Wucht zelebriert, kurz bevor sie ihn für immer hinter sich lässt.

´On Most Surfaces´ eröffnet mit einem markanten, fast orientalisch gefärbten Leadriff. Sofort türmen sich tonnenschwere Gitarrenwände auf, gegen die Anneke van Giersbergens kristallklarer Gesang wie ein Lichtstrahl durch Nebel schneidet. ´Confusion´ setzt auf einen präsenten, nachdenklichen Basslauf von Hugo Prinsen Geerligs, bevor sich der Song in schwere, emotionale Riffs steigert. Dicht und fließend zugleich.
Mit ´The May Song´ bricht die Band bewusst aus der reinen Metal-Formel aus. Ein kurzer, dreiteiliger Song mit deutlichen Anleihen beim Psychedelic Rock der Siebziger, der von leisen zu kraftvollen Momenten wandert, ohne je hektisch zu wirken. ´The Earth Is My Witness´ schlägt die stärkste Brücke zurück zu ´Mandylion´, fast beschwörend, während Anneke textlich auf surreale Weise um Mutterschaft und Schöpfung kreist.
´New Moon, Different Day´ lässt sich auf der zweiten Seite Zeit. Viel Zeit. Die Riffs wirken monumental, fast schwerfällig, während die Keyboards im Hintergrund eine sakrale Aura aufbauen. Dann ändert sich mit ´Third Chance´ die Stimmung, hymnischer Gothic Rock mit Stadion-Format, der einzige echte Uptempo-Ausreißer des Albums. Kuriose Vorgeschichte übrigens, der Song wurde schon 1994 geschrieben, eine der allerersten Demos mit der frisch verpflichteten Anneke van Giersbergen, aussortiert für ´Mandylion´ und erst drei Jahre später neu arrangiert.
´Kevin’s Telescope´ klingt, als würde ein ganzes Sinfonieorchester im Hintergrund spielen. Dabei war es allein Frank Boeijens meisterhaftes Gespür für Synthesizer-Texturen. Das Titelstück selbst, mit über sieben Minuten der längste Song des Albums, ist eine klirrend kalte, winterliche Klanglandschaft zwischen Doom-Schwere und strahlenden Gesangsmelodien. Kaum ein anderer Moment in Annekes Karriere kommt daran heran. Und dann, zum Schluss, ´Shrink´. Keine verzerrte Gitarre mehr. Kein Schlagzeug. Nur Frank Boeijen am Klavier und eine Stimme, die sich völlig entblößt. Ein Vorgeschmack darauf, wie intim diese Band noch werden sollte.
Aufgenommen wurde zwischen Februar und März 1997 im “Woodhouse Studio”, produziert von Siggi Bemm gemeinsam mit der Band. Was viele Fans bis heute nicht wissen, während der Sessions hörte die Band privat längst ganz andere Musik als das, was am Ende auf der Platte landete. Zwei Coverversionen aus dieser Zeit, ´When The Sun Hits´ von SLOWDIVE und ein Stück von DEAD CAN DANCE, verraten, wohin die Reise wirklich ging. Tief hinein in Shoegaze und Wave, lange bevor die Band diese Einflüsse offiziell zuließ.
Im Juni 1997 erschien ´Nighttime Birds´ über “Century Media”. Platz zwölf in den Niederlanden, Platz achtzig in Deutschland, dazu Gold in der Heimat. Die Fachpresse feierte das Album damals fast einhellig mit Bestnoten, auch wenn ihm in Teilen der Szene der Ruf einer sicheren Nummer anhaftete. Zu nah am übermächtigen ´Mandylion´ gebaut, um wirklich als eigenständiger Wurf zu gelten, fanden manche.
1998 verließ Gitarrist Jelmer Wiersma die Band, offenbar schlicht, weil er die Lust am Gitarrespielen verloren hatte. Für THE GATHERING wurde das zum Startschuss, sich von der klassischen Zwei-Gitarren-Metal-Struktur zu lösen, ein erster Schritt auf dem Weg zum Post Rock und Trip-Hop, den die Band wenig später mit ´How To Measure A Planet?´ radikal einschlug. Fast dreißig Jahre später gilt ´Nighttime Birds´ heute als das perfekte Bindeglied zwischen dem rohen Doom Metal der Frühphase und dem avantgardistischen Klang der späteren Jahre. Ein Album, das seinen eigenen Schatten aus 1997 längst überwunden hat.
Über das bandeigene Label “Psychonaut Records” erscheint ´Nighttime Birds´ seit 2019 bis heute in immer neuen Farbvarianten. 2026 unter anderem als “Blueberry”-farbenes Vinyl mit blauem Schwirl-Effekt. Klanglich bewegt sich das Vinyl-Remaster auf hohem Niveau. Obwohl Analog-Puristen dabei die raue Wucht der originalen CD-Abmischung im oberen Mittenbereich vermissen könnten, schmälert der nachvollziehbare Einwand die Qualität der Neupressung kaum. Wer die Sammler-Optik und den warmen, aufgeräumten Klang sucht, ist mit den aktuellen Pressungen bestens bedient. Wer den vollen Neunziger-Punch will, greift weiterhin zur alten CD.
´Nighttime Birds´ war nie dazu gedacht, ein Klassiker zu werden. Es war ein Album unter Zeitdruck, geboren aus dem Schatten eines übermächtigen Vorgängers. Und das macht seine zeitverzögerte Karriere so besonders. Fast dreißig Jahre später hört man hier eine junge, hungrige Band auf dem letzten Höhepunkt ihrer metallischen Kraft, kurz bevor sie sich für immer in unbekanntes Terrain aufmachte. Wer wissen will, wie Gothic Metal klingen kann, wenn er nicht auf Kitsch setzt, sondern auf echte Emotion, findet hier eine der ehrlichsten Antworten des Genres.



