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ANTHRAX – Cursum Perficio

2026 (Nuclear Blast Records) – Stil: Heavy Metal

´For All Kings´ hat inzwischen auch schon zehn Jahre auf dem Buckel und so kam man wohl auf die Idee, endlich mal wieder was Neues aufzunehmen. ANTHRAX hatten sich ja bisher nie an eine gewisse Regelmäßigkeit in Sachen Albumveröffentlichungen gehalten. Bleibt also die Frage: Ist ´Cursum Perficio´ die lange Wartezeit wert?

Je nachdem was man erwartet. Klar ist aber umgehend, dass das Album abwechslungsreich, vielseitig ausgefallen ist und der Albumtitel zugleich Fragen aufwirft. ´Cursum Perficio´ ist lateinisch und heisst übersetzt „My journey is over“. Versteckt sich in diesem Albumtitel eine Message, ein Hinweis auf zukünftiges? Man darf gespannt sein.

Trademarks, die die Band über die letzten zwei/drei Alben verfestigt hat, finden sich viele auf dem neuen Album. Gleichzeitig schaut man aber auch auf die eigene musikalische Vergangenheit. Eine schnelle, hackende Nummer wie ´NYC 93´ oder ein enorm brachiales ´Watch It Go´ untermauern diese These und gehören für mich auch zu den deutlich spannenderen Songs. Hoch interessant dagegen ´The Edge Of Perfection´, der mit Abstand variationsreichste Track des Albums zwischen Noise-ähnlichen Attacken, balladesken Passagen und grundsoliden Heavy Metal-Riffs und Rhythmen. Das muss man erst einmal alles in ein paar Minuten zusammen verpacken.

Andererseits haben wir dann Nummern wie ´It´s For The Kids´, ´Target On My Back´ oder ´Everybody´s Got A Plan´ die für ANTHRAX-Verhältnisse schlichte Standardkost darstellen. Sicher, kein schlechtes Niveau, aber durchweg vertrautes und wenig überraschendes und sich an den letzten beiden Alben orientierend.

Über die Gitarrenkünste braucht man sich hier nicht auslassen. Die Wirkung ist wie eine Axt im Kopf. Die Produktion wirkt für meine Begriffe recht harmonisch, sehr ausgeglichen, was bei manchen Songs etwas die Härte verringert. Hier und da hätte man sich schon etwas mehr Aggression und Durchschlagskraft gewünscht. Letztendlich bleibt dennoch zu attestieren, dass ´Cursum Perficio´ kein Überflieger ist, aber solide ANTHRAX-Qualität liefert, die im Szenenvergleich dann doch etwas Überdurchschnittlich ausfällt.

Jetzt bleibt eigentlich nur noch die Frage: Was will man mit dem Albumtitel aussagen? Beziehungsweise ist eine Falschdeutung seitens der Fans gewünscht?

(7,5 Punkte)

Jürgen Tschamler

Pic: Travis Shinn

Zehn Jahre. Eine ganze Dekade lang haben Fans auf dieses Album gewartet, während sich Gerüchte, Absagen und Studio-Geflüster zu einem einzigen, nervenaufreibenden Schwebezustand verdichteten. Als ANTHRAX dann endlich den Titel verkündeten, ´Cursum Perficio´, brach für einen Moment die Panik aus. Denn übersetzt aus dem Lateinischen klingt das nach: “meine Reise ist zu Ende”. Daher lag der Verdacht nah, hier verabschiedet sich die nächste Legende für immer.

Die Wahrheit dahinter ist fast schöner als jede Verschwörungstheorie. Schlagzeuger Charlie Benante stieß auf den Spruch rein zufällig, in einer Dokumentation über Marilyn Monroe, eingraviert auf einer Kachel am Eingang ihres letzten Wohnhauses. Und wer tiefer ins Latein schaut, findet ohnehin eine sanftere Lesart, weniger “meine Reise ist beendet”, eher “ich vollende meinen Kurs” oder “ich halte durch”. Kein Abschied also, sondern eine Feier der schweren, jahrelangen Arbeit, die hinter diesem Album steckt.

Schließlich war der Weg hierher lang und alles andere als geradlinig. Schon 2018 sprach Scott Ian vorsichtig von “ein paar wirklich guten Riffs”, doch zwischen SLAYERs Abschiedstour, endlosem Touralltag und Charlie Benantes Verpflichtungen bei PANTERA verschob sich der Start immer wieder. Als die Band schließlich im “Studio 606” aufschlug, dem Privatstudio von Dave Grohl in Los Angeles, war die schiere Erleichterung, wieder gemeinsam in einem Studio zu stehen, für alle Beteiligten fast eine Wiedergeburt. Diese rohe, hungrige Energie hört man dem fertigen Album in jeder einzelnen Sekunde an.

´Persistence Of Memory´ eröffnet als atmosphärisches Instrumental-Intro, ein doppeltes Zitat, einerseits an Dalís surrealistisches Gemälde mit den schmelzenden Uhren, andererseits eine augenzwinkernde Verbeugung vor dem eigenen 1990er-Meilenstein ´Persistence Of Time´. Der Titel legt sofort das Fundament für das große Thema Älterwerden des Albums. ´The Long Goodbye´ stampft danach los, durch ein wuchtiges Midtempo, bis solistisch etwas Progressivität entfacht wird, Charlie Benante gegen Ende die Double-Bass anwirft und Joey Belladonna mit großen, epischen Melodien alles gibt – textlich eine wehmütige Reflexion über Sterblichkeit einer Band, deren Kernbesetzung längst die 60 überschritten hat.

Dann explodiert ´It’s For The Kids´, ungebändigter Old-School-Thrash mit dem Mosh-Feeling von ´Spreading The Disease´ und ´Among The Living´, dazu ein Refrain, der sofort sitzt. Scott Ians ganz bewusster Liebesbrief an die treue Fangemeinde. Das Musikvideo dazu greift den legendären 1985er-Klassiker ´Madhouse´ auf und spielt erneut in einer Nervenheilanstalt, diesmal mit echten, über Social Media gecasteten Fans in tragenden Rollen. Anschließend nimmt ´Everybody’s Got A Plan´ das Tempo etwas heraus, setzt auf ein stampfendes Riff, markante Gangshouts und stadiontaugliche Hooks, der Titel ein Zitat des Boxers Mike Tyson, textlich eine Abrechnung mit all den Plänen, die das Leben über die vergangenen Jahre zunichtemachten.

´The Edge Of Perfection´ dehnt sich danach auf fast sieben Minuten. Ein zart gezupftes, cleanes Gitarren-Intro kippt unvermittelt in einen furiosen Black Metal-Blastbeat, bevor hymnische “Whoaaa”-Gesänge den Hauptteil einläuten, für einen Wimpernschlag klingt das fast nach COHEED AND CAMBRIA und Konsorten, bevor der Song wieder zurück in eigenes ANTHRAX-Terrain findet. Scott Ian selbst nennt das Stück ohne Umschweife den besten Song, den die Band je geschrieben hat, Charlie Benante stellt ihn in eine Reihe mit Klassikern wie ´Only´.

´Infectious´ bricht komplett mit dem High-Speed-Thrash, schleppend, düster, fast industrial in seinem mechanischen Groove, ein echter Ausreißer, der die dunkle Studioatmosphäre jener Sessionphase widerspiegelt. ´NYC 93´ ist eine liebevolle Zeitkapsel, das Riff mit rotzigem New-York-Hardcore-Vibe, der Titel eine Verbeugung vor dem Umbruchjahr 1993, als die Band mit John Bush am Mikrofon ihren Meilenstein ´Sound Of White Noise´ veröffentlichte.

Das Titelstück ´Cursum Perficio´ selbst vereint über sechs wuchtige Minuten aggressive Thrash-Ausbrüche mit majestätischen Gesangslinien, getragen von einem donnernden Fundament aus Frank Bellos Bass und Charlie Benantes Schlagzeug. ´T.O.M.B.´, kurz für “Target On My Back”, hackt sodann mit messerscharfen Staccato-Riffs durch die zweite Albumhälfte, ein SLAYER-artiges Riff, das schon länger auf Halde lag und erst innerhalb dieses gewaltigen Rhythmusfundamentes seinen richtigen Song fand.

´Watch It Go´ dreht noch einmal massiv auf und ist wohl der kompromissloseste Track der Platte, mit einem packenden Gesangsduell zwischen Joey Belladonnas klaren, hymnischen Linien und Scott Ians wütenden Gangshouts. Dabei brechen nicht nur rasante Momente hervor, sondern auch schleppende. Zum Schluss donnert noch ´My Victory´, finster und schwer, dezent an SLAYER erinnernd, bevor sich der Song in eine lange, schleifende, instrumentale Auflösung verabschiedet.

Auch abseits der Musik steckt viel Herzblut in diesem Album. Das aufwendige Horror-Artwork des Illustrators Mark Stutzman versteckt ein Easter Egg für echte Kenner, der thronende Magier im Zentrum erinnert an den unheimlichen Prediger vom legendären ´Among The Living´-Cover. Zur physischen Ausgabe gesellt sich sogar ein aufklappbares Pop-Up-Element im Cover, dazu eine exklusive Begleit-EP namens ´Meet The Characters´ mit eigenen Hörgeschichten zu fünf der schrägen Figuren auf dem Artwork.

Im direkten Vergleich zum Vorgänger ´For All Kings´ von 2016 wirkt ´Cursum Perficio´ wie ein völlig anderes Tier. Wo das alte Album den sicheren, hymnischen Anthrax-Sound der Gegenwart verwaltete, reißt die neue Platte mutig alte Grenzen ein. Und so gelingt ANTHRAX am Ende ein echtes Kunststück, die Spielfreude und Geschwindigkeit der goldenen Achtziger, den tonnenschweren Groove der John-Bush-Ära der Neunziger sowie die melodische Reife ihrer jüngeren Alben auf einem Werk zu vereinen, das sich zu keinem Zeitpunkt wie ein pflichtbewusstes Spätwerk anfühlt.

Zehn Jahre Wartezeit, ein zerstörter Ur-Entwurf, unzählige Rückschläge, und am Ende steht ein Album, das sich jede einzelne Sekunde dieser Geduld verdient hat. ´Cursum Perficio´ ist kein Abschied, ganz im Gegenteil. ANTHRAX vollenden hier ihren Kurs mit erhobenem Haupt, und wer aufmerksam hinhört, merkt sofort, diese Reise ist alles andere als vorbei.

(8,5 Punkte)

Michael Haifl

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