
Reinfeld, Schleswig-Holstein, irgendwo zwischen Rapsfeldern und Kuhweiden, das allerletzte Fleckchen Erde, an dem man 1990 jemals eine Band vermuten würde, die RUSH, KING CRIMSON und SLAYER in einen Fleischwolf wirft und dann aus purer Boshaftigkeit noch ein Akkordeon dazugibt. Und genau dort, mitten im Nichts, entsteht einer der bizarrsten und kompromisslosesten Underground-Schätze, die die deutsche Metal-Szene je hervorgebracht hat. RAGNARÖK, später PRKLZ.
1990 nimmt das Trio sein erstes großes Demo auf, schlicht ´The Tape´ getauft, unter der Aufsicht von niemand geringerem als Kai Hansen, dem Kopf hinter HELLOWEEN und GAMMA RAY persönlich. Zwölf Songs, fast fünfundsiebzig Minuten, Albumlänge auf einer einzigen Kassette, damals eine absolute Kampfansage. Die Kritiken in der Fachpresse überschlugen sich vor Begeisterung, die Band spielte lokal vor bis zu tausend kreischenden Zuschauern, und Schlagzeuger Tammo Vollmers legte hier ganz nebenbei den Grundstein für seine spätere Karriere als Drum-Tech bei GAMMA RAY.
1992 folgt ein zweites, kürzeres Demo namens ´Guess For 6’n’7´, sechs Songs, gut vierunddreißig Minuten, deutlich rarer als sein Vorgänger und bis heute eines der begehrtesten, am schwersten aufzutreibenden Tape-Trading-Objekte der gesamten Szene.

1993 dann der Namenswechsel, und was für einer. Nicht nur, weil international bereits andere Bands RAGNARÖK hießen, allen voran die norwegischen Black Metaller. Der eigentliche Auslöser, laut zeitgenössischen Berichten, war eine rechtsradikale Gruppierung, die sich denselben Namen angeeignet hatte. Die Band distanzierte sich kompromisslos und ohne jedes Zögern, und aus RAGNARÖK wurde das herrlich bedeutungslose, wunderbar sperrige Kunstwort PRKLZ, sprich „Prickelz“, ein Wort ohne größere Bedeutung, das allerdings Journalisten und Fans bis heute zum verzweifelten Rätseln bringt.
1994 zieht sich das Trio für zwei Wochen in die “Roxanne Studios” nach Leonberg zurück, und was dort entsteht, ist schlichtweg gigantisch, nicht nur das Debütalbum, sondern gleich reichlich Material für ein zweites obendrauf. Angebote von größeren Labels lehnt man reihenweise ab, aus purem Prinzip, man will sich in den herrlich eigenwilligen Stil von niemandem hineinreden lassen. Am Ende bleibt nur das kleine Progrock-Label “Music Is Intelligence”, das der Band zwar die nötige künstlerische Freiheit lässt, aber weder das Geld noch die Vertriebswege besitzt, um ´Deuce´ angemessen in die Welt hinauszutragen. 1995 erscheint das Album trotzdem, zehn Songs, gut zweiundfünfzig Minuten geballte Progressive Metal-Wucht, und bleibt ein Geheimtipp, den nur echte Insider auf dem Schirm hatten.
Was ´Deuce´ so einzigartig macht, lässt sich kaum in eine einzige Schublade pressen, und das ist die Magie an der Sache. Ulrich Salomons Gesang klingt wie eine raue, düstere Mischung aus Mark Knopfler und Post Punk, komplett gegen den opernhaften Klargesang, den DREAM THEATER oder FATES WARNING zur selben Zeit zelebrierten. ´The Man Of The Crowd´ galoppiert los wie geradliniger Speed Metal, das Titelstück ´Deuce´ walzt mit stampfenden Chunka-Chunka-Riffs im Stil von METALLICA oder SEPULTURA durch atemberaubend vertrackte Taktwechsel, und mittendrin, auf dem stillen ´The Old Vampire´, packt Bassist Dieter Reinhold doch tatsächlich ein Akkordeon aus, ein Instrument, das im Progressive Metal der Neunziger schlicht ein absolutes Tabu war. Das monumentale, über acht Minuten lange ´On The Beach´ beschließt das Album schließlich mit jazzigen Passagen, harten Thrash-Ausbrüchen und einem gigantischen, dramatischen Finale.
Ein komplettes zweites Album ist da längst im Kasten, doch “Music Is Intelligence” (u. a. ASGARD, BLACK JESTER, IVANHOE, MAYFAIR) gerät in finanzielle Schieflage. Das Album verschwindet in der Schublade, die Band, zutiefst frustriert von einer Industrie, die ihr eigenwilliges Talent einfach nicht zu vermarkten wusste, löst sich 1997 auf. Was bleibt, ist ein glühender Kultstatus im Untergrund und ein klaffendes Loch in der Diskografie, das Sammler seit fast dreißig langen Jahren umtreibt.
Fünfunddreißig Jahre nach ´The Tape´ hebt das Label “GoldenCore Records” diesen Schatz endlich vollständig. Und die Ankündigung dazu ist eine echte Sensation, denn dieses verschollene zweite Album, das seit fast drei Jahrzehnten als Gerücht durch die Szene geistert, ist tatsächlich mit dabei, komplett, offiziell bestätigt von Band und Label selbst.
Für echte Tape-Trader wird es dabei richtig spannend, denn wer die alten Kassetten noch im Schrank stehen hat, kann jetzt Song für Song nachvollziehen, was hier tatsächlich drinsteckt. Die erste CD enthält ´Deuce´ komplett und unangetastet in der Originalreihenfolge, plus sechs Bonustracks. Fünf davon, ´The Promise Chapter V´ und ´Chapter VI´, dazu ´Tortured Clown´, ´Blood On The Bricks´ und ´Bed´, gehören zu diesem verschollenen zweiten Album. Der sechste Bonustrack, ´Wherever´, stammt dagegen vom raren zweiten Demo ´Guess For 6’n’7´ aus dem Jahr 1992.
Die zweite CD liefert dann fast das komplette, gottgleiche ´The Tape´-Demo von 1990, eröffnet passend mit dem Intro-Stück ´Ragnarok´, gefolgt von ´Springlike´ bis hin zu ´Autumn Cannibalism´. Zwei weitere Songs des Originaldemos, ´On The Beach´ und ´Tip Toe´, fehlen hier nicht etwa, sie stecken bereits in ihrer überarbeiteten Studioversion auf CD1, als fester Bestandteil von ´Deuce´. Dazu gesellen sich drei weitere Songs aus dem verschollenen Album, ´The Promise Chapter VII´ und die herrlich schräg betitelten ´Willows´ und ´Yellow Duck Eats Black Bat´. Mitten drin versteckt sich noch ´Dolly ‘gainst Dark´, wieder von ´Guess For 6’n’7´, und mit ´I Want You (She’s So Heavy)´ sogar eine BEATLES-Coverversion im typisch vertrackten PRKLZ-Gewand. Trotz allem schaffen es zwei Songs nicht auf die neue Doppel-CD, ´After The Promise´ von ´The Tape´ und ´The Tormenting Question Of An Afterlife´ von ´Guess For 6’n’7´ bleiben weiterhin nur auf den Original-Tapes zu finden.
Diese Veröffentlichung ist eine überfällige, längst verdiente Wiedergutmachung an eine Band, die vor dreißig Jahren einfach zur falschen Zeit am falschen, viel zu kleinen Label hing. Endlich, nach Jahrzehnten des Wartens, des Hoffens, des verzweifelten Suchens nach Bootlegs auf Tape-Trading-Börsen, bekommt das fast vollständige Erbe von RAGNARÖK und PRKLZ den Platz im Rampenlicht, den es immer verdient hat. Wer wissen will, wie es klingt, wenn drei kompromisslose Nerds aus der schleswig-holsteinischen Provinz RUSH, KING CRIMSON, METALLICA und ein Akkordeon ganz ohne Angst vor Blamage zusammenwerfen, ach Unsinn, wer wissen will, wie die einzigartigen RAGNARÖK beziehungsweise PRKLZ klingen, der hält hier gerade den ultimativen Nachweis in den Händen. Verschollen war gestern. Willkommen zurück, PRKLZ.
Kult.



