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MILES DAVIS – Sketches Of Spain

1960/2026 (AudioNautes Recordings) - Stil: Third Stream/Orchestral Jazz

Wenn Nadeln über tiefschwarzes Vinyl gleiten, geht es um weit mehr als um bloße Frequenzen. Es geht um Besessenheit, um das Heraufbeschwören längst verwehter Geister und den verdammt noch mal feinsten Stoff, den die Tonkunst je hervorgebracht hat. Manche Meisterwerke verlangen nach einer Behandlung, die Grenzen sprengt. Was das italienische Edel-Kultlabel “AudioNautes Recordings” mit dieser epochalen Reissue von ´Sketches Of Spain´ abgeliefert hat, verweist selbst Schwergewichte wie “Mobile Fidelity Sound Lab” unbarmherzig auf die Plätze. Während sich die “MoFi UltraDisc” dank digitalem DSD-Zwischenschritt den unschönen Beigeschmack des Kompromisses einfängt, exerzieren “AudioNautes” den absoluten Höchststandard: Ein kompromissloser AAA-Prozess, rein analog direkt von den originalen Dreispur-Masterbändern der “Columbia Records Archives” gezogen.

Das “OneStep”-Verfahren verzichtet auf verlustbehaftete Zwischenmatrizen und presst das Geschehen direkt aus der ersten Lackfolie. Zusammen mit dem famosen Schnitt von Branchen-Koryphäe Scott Hull (Masterdisk) auf mächtiges 200g-High-End-Vinyl entfaltet sich eine Dynamik, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das Signal wurde auf 45 U/min beschleunigt und großzügig auf drei Plattenseiten verteilt, während die vierte Seite blank bleibt. Den Rillen wird extrem viel Raum eingeräumt, was das Nadel-Abtasten zur klanglichen Offenbarung macht. Wenn das Orchester aus dem Nichts heraus brennend aufbraust, verzerrt selbst in der Spitze absolut gar nichts. Man spürt das leise Atmen der Holzbläser, den Staub auf dem Holz der Instrumente und jenes ehrwürdige Bandrauschen der historischen Aufnahmesessions. Es ist die ungeschminkte Wahrheit eines magischen Augenblicks.

Anfang 1960 stand Miles Davis auf dem Gipfel der Musikwelt. Wer nach dem monolithischen Befreiungsschlag ´Kind Of Blue´ glaubte, der Trompeter würde sich auf den erbeuteten Lorbeeren ausruhen, sah sich gewaltig getäuscht. Zusammen mit dem genialen Arrangeur und Dirigenten Gil Evans stürzte sich der Meister in ein hochgefährliches Experiment. Fasziniert von einer Flamenco-Darbietung, die ihm seine Ehefrau Frances Taylor nähergebracht hatte, und inspiriert von traditionellen Feldaufnahmen des Ethnomusikologen Alan Lomax, sog Miles Davis die andalusische Folklore wie einen Schwamm auf.

Gemeinsam mit Gil Evans erschuf er das unumstößliche Referenzwerk der Third Stream-Bewegung. Eine spektakuläre Verschmelzung europäischer Klassik, tiefem spanischem Flamenco und der unbezähmbaren Seele des American Blues. Ohne jeden Zwang zum typischen Swing-Rhythmus entfachte das Duo ein episches Breitwand-Panorama. In den New Yorker “Columbia 30th Street Studios” – einer umgebauten Kirche mit fantastischer Nachhall-Akustik – versammelten Gil Evans, Miles Davis und der erstmals regierende Produzent Teo Macero ein 18-köpfiges Orchester mit Oboen, Fagotten, Waldhörnern, Harfe und mächtigen Blechbläsern. Gil Evans schrieb die Noten für das monumentale Hauptwerk nach Gehör von einer Schallplatte ab, da schlichtweg keine gedruckten Partituren in den USA existierten.

Die Sessions verlangten allen Beteiligten das Letzte ab. Miles Davis kämpfte mit einem neuen, tieferen Mundstück, blutete an den Lippen, verlor schier die Geduld mit den steifen Orchestermusikern und wütete im Studio, als der engagierte Perkussionist die Rhythmen wie eine Schreibmaschine einklopfte. Die Jazz-Haudegen Jimmy Cobb und Elvin Jones mussten an den Drums übernehmen, um das martialische Feuer Andalusiens zu entfachen. Nach dem letzten Take im März 1960 war Miles Davis körperlich wie seelisch komplett ausgelaugt und betrat fast ein ganzes Jahr lang kein Studio mehr.

Doch wer dieses Album auflegt, gestern, heute oder morgen, betritt eine andere Dimension. Dass dieser Raum überhaupt so magisch atmen kann, ist der Kühnheit von Toningenieur Fred Plaut zu verdanken. Statt Nahmikrofone zu nutzen, hängte er alte Telefunken-Röhrenmikrofone hoch oben in das Schiff der umgebauten Kirche auf. MILES DAVIS musste sich auf Zentimeter genau über Markierungen auf dem Holzboden bewegen – ein Schritt zurück, und seine Trompete schwebte im majestätischen Hallraum, ein Schritt vor, und sein Ton schnitt direkt durchs Mark.

Das über 16-minütige Epos ´Concierto De Aranjuez (Adagio)´, im Original aus der Feder von Joaquín Rodrigo, bildet das Kernstück dieser Session. Miles Davis wechselt meisterhaft zwischen Flügelhorn  sowie gedämpfter Trompete und umkreist die melancholische Melodie mit atemberaubenden Nuancen. Gil Evans dehnte die Vorlage dramatisch, strich die Sologitarre, übersetzte die Arpeggios in filigrane Bläserakkorde und fügte einen eigenen Mittelteil ein.

Dann folgt das tänzerische ´Will O’ The Wisp´ aus Manuel de Fallas Ballett ´El Amor Brujo´, bei dem die Holzbläser in einem barocken Kontrapunkt-Kanon miteinander „sprechen“, während Miles Davis mit einer extrem luftigen Phrasierung darüber hinweggleitet, sozusagen klassischer Modern Jazz mit spanischer Spätromantik.  Auf ´The Pan Piper´ imitiert Miles Davis mit archaischer Dringlichkeit die flirrende Melodie eines galizischen Dorfflötisten, eingebettet in hypnotisch schwebende Akkord-Cluster des Modalen Jazz.

´Saeta´ inszeniert ein pures Hörspiel, im programmatischen Jazz bzw. rituellen Flamenco. Das Orchester imitiert eine marschierende Osterprozessionskapelle während der Semana Santa in Sevilla. Plötzlich reißt der Marsch ab, und in der unheimlichen Stille klagt die Trompete wie der schmerzvolle A-cappella-Gesang einer Frau vom Balkon, ehe die Prozession weiterzieht. Den grandiosen Abschluss bildet ´Solea´, im Flamenco-Jazz bzw. Big Band Blues. Über einem wuchtigen Takt von Jimmy Cobb und Elvin Jones brechen die Bläser wie gigantische Meereswellen herein. Dazu entfesselt Miles Davis ein über 12-minütiges Solo, das die Hitze Andalusiens mit der düsteren Urkraft des amerikanischen Blues verbindet.

Dass dieses historische Tondokument überhaupt das Licht der Welt erblickte, grenzt an ein Wunder. „Columbia Records“ sträubten sich anfangs vehement gegen die Veröffentlichung – die Studiokosten für das Orchester waren explodiert und die Spieldauer erschien den Managern viel zu gewagt. Erst als Produzent Teo Macero mit seinem Rücktritt drohte und Miles Davis persönlich in der Teppichetage auf den Tisch schlug, gaben die Verantwortlichen nach. Sie pressten eines der teuersten, aber letztlich glorreichsten Alben der Musikgeschichte.

´Sketches Of Spain´ ist und bleibt ein unsterbliches Meisterwerk der Musikgeschichte. Auch Jahrzehnte später hat es nichts von seiner Faszination verloren. Die “AudioNautes Recordings”-Pressung erweist diesem Meilenstein die ultimative Ehre und versetzt den Hörer direkt ins Studio neben Miles Davis und Gil Evans. Ein rauschhafter, zutiefst emotionaler Trip für die Ewigkeit.

https://www.facebook.com/milesdavis

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