
Es gibt diese seltenen Momente in der Rockgeschichte, in denen der alte Lack bereits von den Wänden blättert, während am Horizont eine völlig neue Welt sichtbar wird. ´Clouds Taste Metallic´ ist einer dieser Momente.
Als THE FLAMING LIPS 1995 mit diesem Album zurückkehrten, schien die Alternative Rock-Welt fest verteilt. Grunge hatte seine Revolution längst hinter sich, Britpop dominierte die Schlagzeilen, und viele amerikanische Gitarrenbands suchten verzweifelt nach einer neuen Identität. Wayne Coyne, Ronald Jones, Michael Ivins und Steven Drozd gingen einen anderen Weg. Sie bauten ihr eigenes Universum.
Schon der Titel klingt wie eine vergessene Zeile aus einem Science-Fiction-Roman. Wolken schmecken metallisch. Genau so fühlt sich diese Platte an. Vertraut und fremd zugleich. Warm und kalt. Kindlich und zutiefst melancholisch.

Der Auftakt ´The Abandoned Hospital Ship´ entfaltet sich wie der Beginn eines alten Kultfilms, den man irgendwann nachts auf einem verrauschten Fernsehsender entdeckt. Aus zerbrechlichen Akustikklängen wächst langsam ein gewaltiger psychedelischer Sturm. Ronald Jones malt Gitarrenlandschaften, die irgendwo zwischen PINK FLOYD, THE BYRDS und den spacigen Exzessen früher MERCURY REV schweben. Jede Note scheint zu glühen.
Überhaupt ist dieses Album das große Vermächtnis von Ronald Jones. Sein Gitarrenspiel gehört zu den einzigartigsten Klangsignaturen der Neunziger. Wo andere Musiker Riffs schreiben, erschafft Jones ganze Wetterfronten. In ´Psychiatric Explorations Of The Fetus With Needles´ kreischen und sirren seine Gitarren wie Maschinen aus einem bizarren Traum. ´Placebo Headwound´ dagegen besitzt eine fast sonnige Leichtigkeit, hinter der ständig ein Schatten lauert.
Die eigentliche Stärke von ´Clouds Taste Metallic´ liegt jedoch in den Songs. Trotz aller Experimente, trotz aller schrägen Ideen verliert die Band niemals das Gespür für große Melodien. ´This Here Giraffe´ funkelt mit jener verschrobenen Pop-Magie, die später auf ´The Soft Bulletin´ perfektioniert werden sollte. ´Brainville´ marschiert mit unwiderstehlicher Energie nach vorne und erinnert daran, dass THE FLAMING LIPS im Kern immer auch eine fantastische Rockband waren.
Wayne Coyne wirkt dabei wie ein Geschichtenerzähler aus einer anderen Galaxie. Seine Figuren stolpern durch surreale Welten voller Wissenschaftler, Tiere, kosmischer Katastrophen und seltsamer Helden. Was auf dem Papier absurd erscheint, entwickelt innerhalb dieser Songs eine erstaunliche emotionale Kraft.
Besonders eindrucksvoll gelingt das bei ´They Punctured My Yolk´. Der Song schwebt durch eine melancholische Sternennacht voller Sehnsucht und Einsamkeit. Mellotron-Farben, schimmernde Harmonien und eine Atmosphäre, die an die großen Momente von ELO oder den träumerischen Psychedelic Pop der BEACH BOYS erinnert. Hier wird bereits jener cineastische Größenwahn sichtbar, der wenige Jahre später ganze Alben tragen sollte.
Einen weiteren Höhepunkt markiert ´Christmas At The Zoo´. Hinter der skurrilen Geschichte über die Befreiung von Zootieren verbirgt sich eine jener bittersüßen Melodien, die lange nach dem Verklingen im Gedächtnis bleiben. Genau solche Momente machen den besonderen Reiz dieser Platte aus. Unter der bunten Oberfläche schlägt ein überraschend verletzliches Herz.
Und dann kommt ´Bad Days´. Vier Minuten reine Euphorie. Gitarren, Melodien und Klangfarben wirbeln durcheinander wie ein Feuerwerk aus Ideen. Wer verstehen möchte, weshalb THE FLAMING LIPS später zu einer der wichtigsten amerikanischen Rockbands ihrer Generation wurden, findet hier die Antwort.

Die aktuelle “Rhino Reserve”-Ausgabe verleiht diesem Klassiker zusätzliche Strahlkraft. Die von Matthew Lutthans direkt von den analogen Masterbändern geschnittene Neuauflage öffnet den Blick auf zahllose Details, die auf älteren Versionen oft verborgen blieben. Steven Drozds Schlagzeug besitzt mehr Druck, Ronald Jones’ Gitarren schweben plastischer im Raum, und Dave Fridmanns Produktion offenbart ihre ganze analoge Tiefe.
Heute erscheint ´Clouds Taste Metallic´ wie ein verlorenes Bindeglied zwischen zwei Epochen. Die rohe Energie der frühen FLAMING LIPS trifft auf die orchestralen Visionen ihrer späteren Meisterwerke. Ein Album voller verrückter Ideen, schräger Schönheit und jener besonderen Magie, die große Rockplatten über Jahrzehnte hinweg lebendig hält.
Man hört diese Songs heute und verschafft sich sofort wieder die Gewissheit, dass irgendwo hinter dem Horizont noch Wunder warten.
(Kult Klassiker)



