
Es gibt Momente in der Geschichte des US-amerikanischen Songwritings, die brennen sich tiefer in die Annalen ein als jeder andere. Wenn der Tonabnehmer in die Rille gleitet, entfaltet sich das Drama einer zerrissenen Seele. Wir blicken zurück auf den 15. September 1971: An diesem Tag erschien das Debütalbum ´Judee Sill´ bei “Asylum Records”. Es war die historische Jungfernfahrt des neuen Labels von David Geffen – und der Beginn eines zeitlosen Mythos.
Judith Lynne Sill war keine gewöhnliche Folk-Sängerin des Laurel Canyon, die gemütlich am Lagerfeuer saß. Ihre Vita liest sich wie ein düsterer Schelmenroman zwischen Abgrund und Erlösung: Raubüberfälle auf Tankstellen, Gefängnisstrafen, schwere Heroinsucht und das Leben in einem ausrangierten Cadillac prägten ihre jungen Jahre. Ein Raubüberfall auf einen Spirituosenladen ging in die Szene-Historie ein, als sie dem verdutzten Verkäufer in der Hektik den legendären Satz „Ok, Mothersticker, this is a fuck up!“ entgegenbrüllte. Doch im Erziehungsheim lernte sie auf der Kirchenorgel die mathematische Präzision von Johann Sebastian Bach lieben – eine Faszination, die ihr gesamtes Werk durchziehen sollte.
Das Album ist die Geburtsstunde eines völlig eigenen Genres, das die Künstlerin treffend als „Country-Gospel-Barock“ taufte. Zusammen mit Produzent Henry Lewy, der schon für JONI MITCHELL den perfekten Sound rauszimmerte, und Gastmusikern wie John Beck und Jim Pons von THE LEAVES erschuf Judee Sill eine musikalische Kathedrale. Die Songs klingen wie eine feinsinnige Symbiose aus der erdig-entspannten Westcoast-Atmosphäre von THE BYRDS oder CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG und der sakralen Strenge barocker Fugen.

Der Opener ´Crayon Angels´ trifft den Hörer völlig unvorbereitet. Eine sanft gezupfte Akustikgitarre eröffnet das Album, bevor schwermütige Oboen einsetzen. Zudem verzichtet ihre glasklare Stimme komplett auf schnödes Vibrato. In ´The Phantom Cowboy´ schlägt das Werk in unter zwei Minuten eine cineastische Brücke zum Western-Gospel, wo Jesus als einsamer Reiter inszeniert wird. Die psychedelischen Schichten von ´The Archetypal Man´ offenbaren ihr Genie für mehrstimmige Overdubs und Bach-inspirierte Summ-Passagen. Das verspielte ´The Lamb Ran Away With The Crown´ wirkt wie ein epischer Renaissancetanz, während das üppig arrangierte ´Lady-O´ in dramatischen Streicherteppichen von Henry Lewy schwelgt.
Das unbestrittene Prunkstück des Albums ist jedoch ´Jesus Was A Cross Maker´. Nach einer schmerzhaften Affäre mit J.D. Souther war Judee Sill am Boden zerstört. Inspiriert von Nikos Kazantzakis’ Roman „Die letzte Versuchung“ verwandelte sie ihren Liebeskummer in ein monumentales Epos. Um das Stück radiotauglich zu machen, übernahm Graham Nash die Regie am Mischpult. Sein treibendes Klavier-Entrée und die bombastisch aufgetürmten Chorgesänge verleihen dem Song die Durchschlagskraft einer echten Hymne.
Auf der zweiten Scheibe geht die Reise mit der progressiven Folk-Saga ´Ridge Rider´ weiter, die dynamisch zwischen flüsternden Strophen und orchestralen Eruptionen wechselt. In ´My Man On Love´ spürt man deutlich den Einfluss von RAY CHARLES, getragen von rhythmischer Phrasierung und bittersüßem Soul-Folk. Das entspannte ´Lopin’ Along Thru The Cosmos´ versprüht kosmische Gelassenheit, ehe der euphorische Piano-Gospel ´Enchanted Sky Machines´ abhebt. Hier verarbeitete sie ihre Theorie, dass die biblische Entrückung durch Ufos vollzogen wird. Das fragile Kammer-Outro ´Abracadabra´ lässt die Hörer schließlich ergriffen in der Stille zurück.

Trotz begeisterter Kritiken und Tourneen im Vorprogramm von CAT STEVENS oder GORDON LIGHTFOOT blieb der kommerzielle Erfolg aus. Als Judee Sill 1979 im Alter von nur 35 Jahren verstarb, erschien nicht einmal ein Nachruf. Erst Jahrzehnte später erlangte das Werk seinen verdienten Kultstatus. Heute berufen sich Bands wie FLEET FOXES, MIDLAKE oder WEYES BLOOD auf diese Pionierarbeit.
Wer das absolute Klangmaximum sucht, greift zur Reissue von “Intervention Records”. Das US-Label hat unter der Ägide von Mastering-Papst Kevin Gray bei “Cohearent Audio” ein audiophiles Wunder vollbracht. Zu 100% rein analog (AAA) direkt von den originalen 1/4-Zoll-Masterbändern geschnitten, entfaltet das Album auf zwei 180g-Scheiben mit 45 RPM eine atemberaubende Dynamik.
Wo frühere Pressungen komprimiert klangen, strahlt Graham Nashs Klavier auf ´Jesus Was A Cross Maker´ nun mit voller Transparenz, wuchtigem Fundament und abgrundtiefer Stille der Rille. Verpackt in einem im Tip-On-Verfahren hergestellten, spiegelglänzenden Gatefold-Cover von Stoughton Printing inklusive Texten, ist diese Edition ein Monument der Analogkultur.
´Judee Sill´ ist keine beiläufige Hintergrundmusik. Es ist das zutiefst bewegende Vermächtnis einer getriebenen Künstlerin, die im Chaos der Welt nach göttlicher Ordnung suchte – und sie für 40 Minuten in Perfektion fand. Ein zeitloses Meisterwerk, das in jede ernsthafte Plattensammlung gehört.



