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REINHARD MEY – Mein Apfelbäumchen

1989/2026 (Odeon/Universal Music) - Stil: Akustischer Liedermacher-Chanson

Leidenschaft braucht keinen Strom. Manchmal reichen eine Akustikgitarre, eine warme Stimme und Worte, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Kraft verloren haben. Wir schreiben das Jahr 2026, und pünktlich zum “Record Store Day” bringt das Traditionslabel “Odeon” einen Meilenstein deutscher Liedkunst zurück auf den Plattenteller. Die Rede ist von REINHARD MEY und seinem Ausnahmewerk ´Mein Apfelbäumchen´. Erstmals 1989 bei “Intercord” erschienen, liegt der Klassiker nun als auf exakt 1.313 Exemplare limitierte Doppel-LP auf blutrotem 180g-Vinyl vor. Die Verteilung der 16 Lieder auf zwei Schallplatten verschafft der Musik hörbar mehr Luft und lässt die feinen Nuancen der Arrangements noch eindrucksvoller zur Geltung kommen.

Als REINHARD MEY ´Mein Apfelbäumchen´ Ende der Achtzigerjahre zusammenstellte, folgte er keinem kommerziellen Kalkül. Die Geburt seiner Tochter Victoria im Jahr 1985 gab den Anstoß zu einer Sammlung von Liedern, die persönlicher kaum hätten ausfallen können. Es sind Beobachtungen eines Vaters, voller Freude, Sorge, Hoffnung und bedingungsloser Liebe. REINHARD MEY verzichtete auf sämtliche Tantiemen des Albums und stellte die Erlöse der “Deutschen Kinderkrebshilfe” zur Verfügung. Bis heute fließt jeder Euro direkt in diese Herzensangelegenheit.

Klanglich profitiert ´Mein Apfelbäumchen´ spürbar von der Aufteilung auf zwei Schallplatten. Wo die dicht belegte Einzel-LP von 1989 ihre Grenzen hatte, entfaltet die Neuauflage mehr Raum für die feinen Zwischentöne. Bereits der Titel greift das Martin Luther zugeschriebene Zitat auf: Selbst wenn morgen die Welt unterginge, würde er heute noch sein Apfelbäumchen pflanzen. Diese Haltung durchzieht das gesamte Album. Gleich der eröffnende Titeltrack berührt mit einer Schlichtheit, die sich jeder Effekthascherei entzieht. Eine sparsam gespielte Akustikgitarre, REINHARD MEYs warme Stimme und ein Text von entwaffnender Ehrlichkeit genügen, um aus einem persönlichen Moment etwas Zeitloses entstehen zu lassen.

Direkt danach nimmt uns ´Die erste Stunde´ mit in den Kreißsaal – ein stiller, intimer Moment voller Demut vor dem neuen Leben. Doch die Ruhe währt nicht lange. In ´Keine ruhige Minute´ verwandelt REINHARD MEY schlaflose Nächte und turbulenten Alltag mit feinem Humor in ein ebenso augenzwinkerndes wie treffsicheres Lied. ´Menschenjunges´ öffnet den Blick auf die andere Seite des Vaterseins. Getragen von behutsamen orchestralen Akzenten wächst aus leisen Tönen ein Lied über Verantwortung, Hoffnung und das Wunder neuen Lebens.

´Mein Apfelbäumchen´ zeigt das Familienleben in all seinen Facetten – voller Glück, Überforderung, Zweifel und unvergesslicher Augenblicke. In ´Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit´ dreht Mey die Perspektive um: Zwischen Nachkriegserinnerungen und vergilbten Fotos wird spürbar, wie die eigenen Wurzeln und Generationen das Fundament für das spätere Elternsein legen. Mit ´Lulu´ bricht das Album urplötzlich aus: Ein heiter-schräges Akustik-Kabinettstückchen über den chaotischen Vierbeiner des Hauses, das dem Hörer kurz vor dem Finale ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert.

Beim Aufklappen des Gatefolds offenbart sich die ganze lyrische Spannweite des Albums: Ob die leise Abrechnung mit der durchgetakteten Arbeitswelt in ´Vaters Nachtlied´, der heitere Slapstick-Morgen in ´Aller guten Dinge sind drei´ oder die philosophische Umkehrung der Erzieherrolle in ´Ich frag’ mich seit ’ner Weile schon´ – Mey trifft stets den Punkt, ohne je abgedroschen zu wirken.

Wie tief Liebe in Entschlossenheit umschlagen kann, zeigt ´Nein, meine Söhne geb’ ich nicht´. Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat dieses eindringliche Antikriegslied nichts von seiner Kraft verloren. Es ist eine kompromisslose Absage an Gewalt und jene, die junge Menschen für ihre Interessen in den Krieg schicken. Im Begleittext der Neuauflage ergänzt REINHARD MEY den Gedanken um einen schlichten, umso eindringlicheren Satz: „– und meine Tochter auch nicht!“ Mehr braucht es nicht.

Die rote Doppel-LP entfaltet ihre Wirkung vor allem in den leisen Momenten. Wenn bei ´Zeugnistag´ die fragile Dramatik einer bedingungslosen Liebe spürbar wird oder bei ´Abends an deinem Bett´ die letzten Gitarrentöne langsam im Raum verhallen, zeigt sich die ganze Stärke dieser Aufnahme. Die Wärme des Vinyls unterstreicht diese intime Atmosphäre. Mit dem bittersüßen ´Kleiner Kamerad´ endet das Album schließlich mit einem dieser Momente, die lange nach dem letzten Ton bleiben. Ein Lied über Nähe, Erinnerung und die Erkenntnis, dass Loslassen irgendwann zum größten Liebesbeweis gehört.

Und über allem steht diese unverwechselbare Stimme. REINHARD MEY singt nie von oben herab, nie mit erhobenem Zeigefinger. Er erzählt. Seine Stimme trägt Lebenserfahrung, Wärme und diese seltene Fähigkeit, große Gefühle mit kleinen Gesten auszudrücken.

Auf dem Cover findet sich die berührende Zeichnung „Das kranke Kind“ von Käthe Kollwitz, während die Rückseite ein ganz persönliches Bild von REINHARD MEY zeigt. Auch die Geschichte hinter dem Apfelbaum, den ihm seine damalige Plattenfirma schenkte und der bis heute in seinem Garten wächst, gehört zu den besonderen Momenten dieses Albums. Diese Verbindung aus Musik, Erinnerung und gelebter Menschlichkeit macht ´Mein Apfelbäumchen´ zu weit mehr als einer Schallplatte.

´Mein Apfelbäumchen´ ist die wahrhaftigste Liedsammlung über Schutz, Liebe und Aufbegehren der deutschen Musiklandschaft. Diese Wiederveröffentlichung bringt einen Klassiker zurück auf den Plattenteller, der in einer gut sortierten Vinyl-Sammlung seinen festen Platz verdient.

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