
THE J. GEILS BAND – Live Full House
1972/2026 (Rhino Records/Atlantic) - Stil: High-Energy Rock’n’Roll
Es gibt diese Nächte, die nicht einfach enden. Nächte, die noch Tage später in den Ohren pfeifen. Der Geruch von verschüttetem Bier hängt in der Jacke, irgendwo klebt noch der Staub eines klebrigen Ballroom-Bodens an den Stiefeln, und selbst am nächsten Morgen hämmert der Puls noch exakt im Takt der Snare von Stephen Jo Bladd. Genau so fühlt sich ´„Live“ Full House´ von THE J. GEILS BAND an. Nicht wie ein gewöhnliches Album, sondern wie eine Explosion, die 1972 im “Cinderella Ballroom” in Detroit gezündet wurde und bis heute nachhallt.
Denn was hier aus den Boxen brüllt, hat mit geschniegelt poliertem Arena-Rock rein gar nichts zu tun. Das ist schmutziger amerikanischer Rhythm & Blues, gespielt mit der Wildheit einer Straßenschlägerei und der Präzision einer eingespielten Gang. Während Anfang der Siebziger überall Prog-Bands ihre Songs auf zwanzig Minuten aufblähten und Gitarristen sich in endlosen Solo-Eskapaden verloren, kamen THE J. GEILS BAND mit der denkbar einfachsten Botschaft um die Ecke: laut, schnell und keine Gefangenen. Und verdammt noch mal – genau deshalb funktioniert dieses Album heute noch so unfassbar gut.
Damals galten THE J. GEILS BAND ohnehin als Amerikas dreckigste Antwort auf die frühen ROLLING STONES. Während in England die letzten Ausläufer des britischen Bluesbooms tobten, verwandelten Peter Wolf und seine Mannschaft jede Bühne in einen dampfenden R&B-Kessel kurz vor der Kernschmelze. Detroit wurde dabei schnell zur zweiten Heimat der Band. Nicht Boston. Nicht New York. Detroit. Diese Stadt verstand ihre Mischung aus Soul, Blues und entfesseltem Rock’n’Roll intuitiv. Daher klingt ´„Live“ Full House´ auch nicht wie ein gewöhnlicher Konzertmitschnitt, sondern wie ein Zeugnis völliger Eskalation zwischen Band und Publikum.

Schon der Opener ´First I Look At The Purse´ macht klar, dass hier keine Zeit verschwendet wird. Kaum zählt Stephen Jo Bladd ein, schiebt Danny Klein seinen Bass wie eine Dampfwalze über die Bühne, während J. Geils messerscharfe Blues-Riffs sägt. Peter Wolf klingt dabei weniger wie ein Sänger als wie ein durchgedrehter Radio-DJ auf Adrenalin und Bourbon. Diese Mischung aus rotzigem Soul, Garage-Rock und nackter Bühnenenergie entwickelt sofort einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Überhaupt lebt dieses Album von seinem gnadenlosen Tempo. ´Homework´ rast wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug durch den “Ballroom”, Seth Justmans Hammond-Orgel wirbelt im Hintergrund wie ein Tornado durch die Frequenzen, während Peter Wolf das Publikum immer weiter anheizt. Alles wirkt spontan, fast chaotisch, dennoch greift jedes Zahnrad perfekt ineinander.
Dann kommt ´Whammer Jammer´. Und plötzlich versteht man, warum „Magic Dick“ längst Legendenstatus besitzt. Was Richard Salwitz hier mit seiner Mundharmonika veranstaltet, klingt bis heute vollkommen wahnsinnig. Das ist kein gewöhnliches Blues-Harp-Spiel mehr. Das klingt wie eine komplette Bläsersektion auf Speed. Atemlos, aggressiv, technisch unfassbar und gleichzeitig voller roher Straße. Man hört förmlich, wie das Publikum im “Cinderella Ballroom” komplett durchdreht. Jahrzehnte später gilt dieses Stück immer noch als ultimative Reifeprüfung für Mundharmonika-Spieler.
Ein tiefer emotionaler Höhepunkt eröffnet Seite zwei. ´Serves You Right To Suffer´ taucht den ganzen Saal in eine dunkle, verschwitzte Blues-Atmosphäre. Fast zehn Minuten lang zelebriert die Band eine hypnotische Spannung, die unter die Haut kriecht. Peter Wolf flüstert, jault und schreit sich durch den Song wie ein Mann kurz vor dem Nervenzusammenbruch, während J. Geils seine Gitarre leiden lässt. In diesem Moment zeigt sich, wie tief THE J. GEILS BAND tatsächlich im klassischen Chicago-Blues verwurzelt waren. Trotz aller Energie und aller Rock’n’Roll-Exzesse blieb dieses Fundament immer spürbar.
Und dann dieses Finale. ´Looking For A Love´ ist keine normale Live-Aufnahme mehr. Das ist ein kontrollierter Zusammenbruch. Stephen Jo Bladd hämmert sein Schlagzeug wie ein Berserker, Danny Klein pumpt den Groove erbarmungslos nach vorne, Seth Justman wirbelt mit der Hammond-Orgel durch die letzten Reserven, während Peter Wolf den Saal endgültig in den Wahnsinn treibt. Wenn Magic Dick mitten im Song noch einmal zu seinem Solo ansetzt, fühlt sich das an, als würde der komplette “Ballroom” abheben.

Nach diesen letzten Minuten versteht man sofort, warum diese Platte später gemeinsam mit ´Live At Leeds´ von THE WHO oder ´At Fillmore East´ der ALLMAN BROTHERS BAND genannt wurde. Nicht wegen Perfektion. Nicht wegen technischer Brillanz. Sondern wegen ihrer ungefilterten Intensität.
Die Entstehungsgeschichte dieses Albums passt zudem perfekt zu seiner kompromisslosen Energie. “Atlantic Records” hielt es 1972 eigentlich für Wahnsinn, bereits als drittes Album überhaupt eine Live-Platte zu veröffentlichen. Doch die ersten Studioalben konnten die explosive Bühnengewalt der Band schlicht nicht einfangen. Also setzte sich die Gruppe durch – und schuf versehentlich eines der wichtigsten Live-Dokumente der Rockgeschichte.
Legendär ist bis heute auch das Cover-Artwork. Die dargestellte Pokerhand ergibt auf den ersten Blick gar kein echtes „Full House“. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man, dass die Herz-Dame dem Betrachter zuzwinkert – ein versteckter Insider-Gag, der sie zur Wild Card macht. Typisch J. GEILS BAND.
Audiophile dürften 2026 endgültig schwach werden. Die neue “Rhino High Fidelity”-Ausgabe ist genau jene Art von Wiederveröffentlichung, von der Vinyl-Sammler jahrzehntelang geträumt haben. Komplett AAA gemastert von Kevin Gray direkt von den originalen Analogbändern, gepresst auf schwerem 180g-Vinyl bei “Optimal Media” in Deutschland und erstmals überhaupt in einem edlen Gatefold-Cover veröffentlicht, klingt ´„Live“ Full House´ heute druckvoller als jemals zuvor.
Vor allem Danny Kleins Bass profitiert massiv vom neuen Mastering. Wo ältere Pressungen oft schrill und aggressiv wirkten, besitzt diese Version plötzlich Raum, Tiefe und brutalen Punch. Peter Wolfs Stimme hängt greifbar mitten im Raum, die Hammond-Orgel knurrt warm aus den Lautsprechern, und Stephen Jo Bladds Snare schlägt mit einer Trockenheit ein, die fast erschreckend direkt wirkt. Manche Puristen vermissen zwar ein kleines Stück der rohen Original-Schärfe, doch insgesamt dürfte diese Ausgabe die definitive Version des Albums darstellen.
Dass “Rhino” trotz aller Hoffnungen erneut auf unveröffentlichte Bonustracks verzichtete, mag Fans schmerzen. Doch vielleicht passt genau das zu diesem Album. ´„Live“ Full House´ war nie für Überfluss gedacht. Keine unnötigen Jams. Keine endlosen Ansagen. Keine aufgeblasenen Extravaganzen. Sondern 35 Minuten Hochspannung ohne Luft zum Atmen. Und vielleicht liegt auch darin seine zeitlose Größe.
Denn dieses Album erinnert an eine Ära, in der Rockmusik noch gefährlich wirkte. Als Bands nicht auf Klicktracks spielten. Als Konzerte nach Rauch, Alkohol und Verstärkerröhren rochen. Als Musik nicht algorithmisch optimiert wurde, sondern direkt aus der Magengrube kam. THE J. GEILS BAND konservierten auf ´„Live“ Full House´ eben diesen Moment für die Ewigkeit. Mehr als fünfzig Jahre später klingt diese Platte deshalb immer noch nicht wie Nostalgie. Sie klingt höchst lebendig.



