
LUCID DREAMING – Upon The Barricades
2026 (El Puerto Records) - Stil: Traditioneller Power Metal
Manchmal erinnern Alben daran, dass Heavy Metal schon immer mehr war als schnelle Gitarren und erhobene Fäuste. Er konnte Geschichten erzählen, Mythen erschaffen und historische Ereignisse in Musik verwandeln, die auch Jahrzehnte später noch Gänsehaut auslöst. Genau diesen Geist trägt ´Upon The Barricades´ in sich.
Hinter LUCID DREAMING steht Till Oberboßel, vielen bereits durch ELVENPATH ein Begriff. Nach drei Fantasy-Konzeptalben schlägt er nun einen völlig anderen Weg ein. Statt Drachen, Königen und vergessenen Reichen rückt die deutsche Revolution von 1848 in den Mittelpunkt. Ein mutiger Schritt, der sich als Volltreffer erweist. Denn dieses Album lebt von seiner Leidenschaft für Geschichte ebenso wie von seiner Liebe zum klassischen Heavy Metal.
Wer beim Begriff “Metal Opera” sofort an AVANTASIA denkt, liegt zwar nicht völlig daneben, greift aber zu kurz. ´Upon The Barricades´ setzt deutlich stärker auf Gitarren als auf opulente Keyboard-Wände. Produzent Uwe Lulis verleiht dem Material einen warmen, organischen Klang, der an die großen europäischen Metal-Produktionen der späten Achtziger erinnert. IRON MAIDEN, SAVATAGE, JAG PANZER und natürlich HELLOWEEN blitzen immer wieder als stilistische Wegweiser auf.
´Confederation´ eröffnet die Geschichte mit mächtigen Riffs, hymnischen Melodien und einem Chor aus starken Stimmen. Wenn anschließend ´Black And Red And Gold´ das Tempo anzieht, übernimmt Alex Holzwarth das Kommando. Seine Doublebass treibt den Song unaufhaltsam nach vorne, während die Gitarren klassische Power Metal-Energie versprühen.
Überhaupt lebt dieses Album von seiner enormen Abwechslung. ´The Springtime Of Peoples´ verbindet epische Chöre mit historischem Pathos, ´Tyrant In Disguise´ schlägt deutlich härtere Töne an und erinnert phasenweise an die raue Direktheit alter ACCEPT- oder RUNNING WILD-Momente. Der Titeltrack ´Upon The Barricades´ überrascht dagegen mit viel Atmosphäre, akustischen Zwischentönen und einem Refrain, der lange nachklingt.
Die beeindruckende Liste an Gastsängern verkommt dabei nie zum Selbstzweck. Blaze Bayley, Zak Stevens, Ralf Scheepers, Harry Conklin, Piet Sielck und viele weitere erzählen diese Geschichte gemeinsam, fast wie Schauspieler eines großen Bühnenstücks. Jeder übernimmt seine Rolle mit hörbarer Leidenschaft, wodurch das Album trotz der vielen Stimmen erstaunlich geschlossen wirkt.
Zu den emotionalen Höhepunkten zählt zweifellos ´Farewell (Blum’s Last Letter)´. Harry Conklin trägt den Abschiedsbrief Robert Blums mit großer Würde vor. Der Song verzichtet auf überflüssigen Bombast und entfaltet gerade dadurch seine größte Wirkung. Den Abschluss bildet ´Puppets On Strings´, das den gescheiterten Traum der Revolution noch einmal eindrucksvoll zusammenfasst und das Album mit einem bittersüßen Finale beendet.
Mit ´Upon The Barricades´ ist Till Oberboßel weit mehr gelungen als ein weiteres Konzeptalbum. Es ist eine Liebeserklärung an den klassischen Heavy Metal, an große Melodien und an ein Stück deutscher Geschichte, das selten so packend erzählt wurde. Wer den teutonischen Geist der großen Konzeptwerke der Achtziger vermisst und gleichzeitig ehrlichen, gitarrenbetonten Power Metal schätzt, dürfte hier goldrichtig aufgehoben sein.
(8,5 Punkte)



