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ELLE TEA – Travelling

2026 (Fucking Kill Records) - Stil: Heavy Metal

Es gibt jene seltenen Werke, die still vor der Tür stehen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Man legt die Nadel auf die Rille, lehnt sich zurück – und plötzlich öffnet sich ein Tor in eine andere Epoche. Genau dieses Kunststück gelingt Leonardo Trevisan mit seinem Soloprojekt ELLE TEA auf beeindruckende Weise.

´Travelling´ ist kein modernes Heavy Metal-Album im eigentlichen Sinn. Es ist eine liebevolle Zeitreise in eine Ära, als Fantasy noch nach handgemalten Covern roch, Gitarrensoli Geschichten erzählten und Musiker Alben erschufen, weil sie etwas zu sagen hatten. Es ist der Abschluss einer Trilogie, die mit ´Fate Is At My Side´ begann und über ´The Past From Which I Ran´ schließlich in diesem Werk ihre Vollendung findet.

Der italienische Multiinstrumentalist Leonardo Trevisan verfolgt dabei eine Vision, die heutzutage immer noch spektakulär wirkt. Sämtliche Musik stammt aus seiner Feder, sämtliche Texte ebenso. Selbst die Illustrationen entstanden von Hand als Aquarelle. Dieses Album atmet Persönlichkeit und wirkt wie ein bewusst gesetztes Statement gegen die Austauschbarkeit unserer Zeit.

Musikalisch bewegt sich ELLE TEA irgendwo zwischen den frühen Achtzigern, psychedelischem Progressive Rock und traditionellem Heavy Metal. Die Klangwelt erinnert an jene magischen Momente, als Bands wie HÄLLAS, TANITH oder WYTCH HAZEL begannen, die vergessene Seele des klassischen Hard Rock wieder freizulegen. Gleichzeitig schimmern die Geister von THIN LIZZY, BLUE ÖYSTER CULT, RAINBOW, BLACK SABBATH der Dio-Ära oder den frühen IRON MAIDEN durch das dichte Klanggewebe. Dazu gesellen sich die träumerischen Landschaften von PINK FLOYD, ELOY oder NOVALIS, deren Einfluss besonders in den atmosphärischen Passagen spürbar wird. Selbst die Produktion wirkt bisweilen wie eine verschollene Kassette aus den Anfangstagen des britischen Neo Prog, warm, leicht rau und voller analogem Charme.

´The Eye Of The Storm´ eröffnet diese Reise beinahe filmisch. Synthesizer schweben wie Nebelschwaden über einer verlassenen Hügellandschaft, ehe Gitarren und Schlagzeug den Hörer behutsam an die Hand nehmen. Der Song wechselt zwischen musikalischer Schönheit und energischen Ausbrüchen. In ´Ancient Cults´ lassen galoppierende Rhythmen, melodische Twin-Gitarren und hymnische Leads Erinnerungen an die goldene Phase der New Wave of British Heavy Metal wach werden. Doch statt martialischer Härte dominiert eine fast pastorale Eleganz, die wunderbar zu den mystischen Texten passt.

Dann entfaltet sich über mehr als sechs Minuten der Titelsong ´Elle Tea (Travelling)´, ein musikalisches Roadmovie zwischen Progressive Rock, klassischem Hard Rock und epischem Heavy Metal. ´On The Walls Again´ schlägt dagegen eine direktere Richtung ein, aufgrund einer unaufdringlichen, im Gedächtnis bleibenden Melodie. ´Bad Signs´ beginnt zurückhaltend, ehe sich auch hier die Gitarren allmählich auftürmen.

Bei ´Into The Fall´ entstehen Bilder von herbstlichen Wäldern, Nebelschwaden und verlassenen Burgruinen. Progressive Rock, Folk und klassischer Hard Rock verschmelzen hier zu einer fast medievalen Melodie. Den größten Hit-Appeal der Platte besitzt ´One Crazy Life´, mit einem Groove, der an klassischen Siebzigerjahre-Rock erinnert. Den Schlusspunkt setzt die Ballade ´Vanish´, im Stile des melancholischen Neo Prog der Achtzigerjahre. Folk-Anklänge, feine Gitarrenmelodien und eine tiefe Wehmut lassen das Album ausklingen.

Beeindruckend bleibt dabei vor allem die Geschlossenheit des gesamten Werkes. Obwohl ELLE TEA stilistisch zwischen Heavy Metal, Progressive Rock, Folk, Psychedelic Rock und klassischem Hard Rock pendelt, folgt alles einer klaren Dramaturgie. Viele Passagen leben von Zwischentönen, Dynamik und Atmosphäre.

Denn wer ausschließlich nach aggressiven Riffs sucht, dürfte hier nicht fündig werden. Wer dagegen den Geist jener goldenen Jahre sucht, in denen Fantasie und musikalische Neugier selbstverständlich zusammengehörten, wird in ´Travelling´ einen treuen Begleiter finden. Gerade diese kompromisslose Hingabe macht das Album so sympathisch.

Mit ´Travelling´ hat ELLE TEA ein kleines Juwel erschaffen. Dieses Album klingt wie eine vergessene Schönheit aus einer Parallelwelt, in der Progressive Rock und klassischer Heavy Metal niemals getrennte Wege gegangen wären. Es besitzt Herz, Seele und eine Wärme, die man im heutigen Musikbetrieb schmerzlich vermisst.

Vielleicht wird ´Travelling´ immer ein Geheimtipp bleiben, mit all seiner Magie. Doch manche Schätze wollen entdeckt werden, von einer Schar an Connoisseurs, von echten Entdeckern, die bereit sind, sich auf eine unerforschte Epoche einzulassen.

(9 Punkte)

https://www.instagram.com/elle.t.ill/
https://elletea.bandcamp.com/album/travelling

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