
ROB HARRISON – Overflow
2026 (Ragged Ocean Records/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock
Rob Harrison hat mit ´Overflow´ keine gewöhnliche Progressive Rock-Platte erschaffen, sondern ein faszinierendes Klanguniversum, in dem Wasser, Natur, Wahnsinn und musikalische Experimentierfreude zu einer einzigen, fließenden Erzählung verschmelzen.
Wer Rob Harrison bislang vor allem als Saxofonisten von Z MACHINE oder durch seine Arbeit mit MASCOT MOTH kennengelernt hat, dürfte überrascht sein. Auf seinem zweiten Soloalbum tritt der Brite als nahezu vollständige Ein-Mann-Band auf. Gesang, Gitarren, Bass, Flöten, Saxofone, Synthesizer, Wasserperkussion und sogar Glasflaschen stammen aus seiner Hand. Lediglich Schlagzeuger Eliseo Salverri sorgt für das kraftvolle rhythmische Fundament, während Rhodri Davies, Giordano Maselli, Oso G und Julia from Who Knows Sound gezielt einige Farbtupfer beisteuern.
Der fast zehnminütige Opener ´Tributaries´ breitet sofort die gesamte instrumentale Vielfalt des Albums aus. Flöten schweben über komplexen Bassläufen, Gitarren brechen plötzlich aus der Ruhe hervor und wechseln mühelos zwischen Canterbury-Leichtigkeit, Jazz Fusion und klassischem Progressive Rock. Der Geist von GONG, KING CRIMSON, GENTLE GIANT und JETHRO TULL weht durch jede Passage.
In ´Mariposa Falls´ treffen Harfenklänge von Rhodri Davies auf kantige Gitarren, abrupte Dynamikwechsel und eine fast kammermusikalische Atmosphäre. Alles wirkt organisch und voller kleiner Details, die sich oft erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließen. Mit ´Bioluminescence´ öffnet sich die Klanglandschaft durch schwebende Synthesizer, verfremdete Gesänge und fein dosierte Saxofonlinien, die eine beinahe hypnotische Stimmung erzeugen und an die psychedelischen Momente früher KING CRIMSON oder die kosmischen Ausflüge von GONG erinnern.
Weitere brillante Momente des Konzepts zeigen sich in ´Upstream´ und ´Downstream´. Beide Stücke spiegeln sich musikalisch gegenseitig und wirken wie zwei unterschiedliche Perspektiven desselben Flusses. Während ´Upstream´ mit hektischen Taktwechseln, kantigen Gitarren und mathematischer Präzision gegen die Strömung kämpft, fließt ´Downstream´ wesentlich geschmeidiger dahin. Wasserperkussion und natürliche Klänge verleihen diesem Experiment eine erstaunlich greifbare Atmosphäre.
Die melodischste Seite des Albums zeigt ´Pools Of Glass´. Übereinandergeschichtete Gesangsharmonien, feine Violinen von Julia, Glasflaschen als Klanginstrument und ein wunderbar emotionales Saxofonsolo entwickeln eine fast märchenhafte Schönheit, ohne den progressiven Anspruch aus den Augen zu verlieren. Dagegen schlägt ´Azure Veins´ die Brücke zum Jazz Rock, derweil Gitarren und Saxofon förmlich umeinander kreisen. Der Einfluss des MAHAVISHNU ORCHESTRA ist dabei unverkennbar.
Den Schlusspunkt setzt das über acht Minuten lange ´Delirium´. Düster, theatralisch und voller dramatischer Wendungen steigert sich das große Finale. Schwere Gitarren, rituell wirkende Gesänge und avantgardistische Klangexperimente erzeugen eine beklemmende Spannung, ehe das Album wieder in das leise Plätschern des Anfangs zurückführt. Ein geschlossener Kreis, der perfekt zum Konzept passt.
Selbst die Produktion bleibt trotz der enormen Fülle an Instrumenten jederzeit transparent. Wassergeräusche, Glasflaschen, Flöten, Saxofone und Gitarren verschmelzen zu einem natürlichen Gesamtbild, das niemals künstlich wirkt. Rob Harrison beweist eindrucksvoll, dass Progressive Rock auch 2026 noch überraschen kann, wenn Ideenreichtum wichtiger ist als Perfektion um ihrer selbst willen.
Mit ´Overflow´ gelingt Rob Harrison ein außergewöhnliches Progressive Rock-Erlebnis zwischen Avantgarde, Canterbury, Psychedelic Rock und Jazz Fusion. Dieses Album fordert Aufmerksamkeit, Geduld und offene Ohren. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine musikalische Reise, die lange nachhallt. Für Freunde von GONG, CARDIACS, KING CRIMSON, GENTLE GIANT, JETHRO TULL oder VAN DER GRAAF GENERATOR gehört dieses Werk zu den spannendsten Prog-Veröffentlichungen des Jahres.
(8,88 Punkte)



