
THE HILGRIMS – Old Meadow Bells
2024/2026 (Independent) - Stil: Melodic Retro Rock / Neo Prog / Art Rock
Es gibt Alben, die schicken einen selbst im Jahre 2026 an einen Ort, an dem Musik noch nach Holz, Röhrenverstärkern, altem Moog, Staub und Abenteuer riecht. ´Old Meadow Bells´ gehört zu solchen Werken.
THE HILGRIMS aus dem polnischen Poznań haben sich etwas getraut, das heute fast schon revolutionär wirkt. Während unzählige Produktionen bis auf den letzten Anschlag glattpoliert werden, setzt dieses Quartett auf echtes Handwerk. Echte Streicher, echtes Blech, Fagott, Baritonsaxofon, Konzertflügel, Vintage-Keyboards und Instrumente, die tatsächlich von Menschen gespielt werden. Kein Plastik. Keine aufgesetzte Bombast-Orchestrierung. Alles atmet, lebt und besitzt diese wunderbare Wärme, die man von den großen Prog-Klassikern der Siebzigerjahre kennt.
Die Kompositionen öffnen die Tür zu einer märchenhaften Klangwelt. Sanfte, melancholische Melodien und diese herrlich unaufgeregte Art des Songwritings erinnern sofort daran, warum Bands wie CAMEL oder CARAVAN bis heute verehrt werden. Die siebzehn Stücke wirken dabei wie Kapitel eines einzigen musikalischen Romans. Kaum ist ein Song verklungen, öffnet sich bereits der nächste Abschnitt. Kurze Instrumentalstücke verbinden die größeren Kompositionen beinahe unmerklich miteinander und erzeugen eine wunderbare Atmosphäre.
Zu den wichtigsten Stücken gehört ´Little Battles´. Die Bläser verleihen dem Stück eine ganz eigene Farbe, während sich Gitarren und Keyboards umeinander winden wie zwei Erzähler derselben Geschichte. Dagegen treffen in ´Power´ kräftige Gitarren auf herrlich warme Hammond- und Moog-Klänge, trifft Prog Rock auf Heavy Rock. Ein weiteres Glanzlicht ist ´Ocean´. Die Musik wirkt völlig losgelöst, beinahe schwerelos. Man versteht sofort, weshalb die Band diesen Song sogar unter freiem Himmel geprobt hat.
Die Musiker selbst verdienen natürlich ebenfalls eine besondere Erwähnung. Dustin Florentino besitzt eine angenehm warme Stimme, die perfekt zu diesem nostalgischen Klangbild passt. Starry Magnet erschafft mit Gitarren und Vintage-Keyboards eine beeindruckende Farbpalette zwischen Folk, Art Rock und klassischem Progressive Rock. Johnny Underwhite trommelt dynamisch und mit viel Gefühl für Atmosphäre. Mic Kinlow sorgt mit seinen analogen Keyboardlandschaften dafür, dass überall dieser magische Siebzigerjahre-Geist weht.
Besonders sympathisch wirkt der feine Humor der Band. Die absichtlich absurden Instrumentenbezeichnungen im Booklet, frei erfundene Ex-Bands oder Geschichten über mysteriöse Eisenbahnschienen zeigen, dass THE HILGRIMS ihre Musik ernst nehmen, sich selbst jedoch niemals. Genau diese Mischung macht die Band menschlich und verleiht ihr Charme.
´Old Meadow Bells´ fühlt sich an wie ein vergessenes Progressive Rock-Werk aus dem Jahr 1976, das zufällig im Jahr 2026 wiederentdeckt wurde. Nostalgisch, verträumt, melodieverliebt und voller Herzblut. Freunde von CAMEL, frühen GENESIS, CARAVAN oder auch WOBBLER dürfen sich dieses Album ins Regal stellen.
Ein wunderschönes Debüt, das den Geist des klassischen Progressive Rock einfängt und dennoch frisch genug klingt, um eine eigene Identität zu entwickeln. Genau solche Alben erinnern daran, weshalb man sich einst in diese Musik verliebt hat.
(8 Punkte)



