MeilensteineVergessene Juwelen

JONI MITCHELL – Miles Of Aisles

1974/2022 (Asylum Records / Rhino Records) - Stil: Folk Rock / Jazz Folk / Singer-Songwriter

Als Joni Mitchell im Herbst 1974 ´Miles Of Aisles´ veröffentlichte, befand sie sich auf dem Zenit ihres kommerziellen Erfolgs. ´Court And Spark´ hatte sie endgültig vom Liebling der Folk-Szene zur internationalen Pop-Ikone gemacht. Die Konzertsäle wurden größer, die Gänge zwischen den Sitzreihen schienen endlos – aus diesem Bild entstand der poetische Titel ´Miles Of Aisles´.

Was dieses Live-Doppelalbum bis heute so außergewöhnlich macht, erschließt sich bereits nach wenigen Takten. Hier steht keine Künstlerin auf der Bühne, die ihre größten Erfolge möglichst originalgetreu reproduziert. Man hört eine Musikerin, die ihre eigenen Kompositionen weiterentwickelt und ihnen neue Farben verleiht.

1974 veränderte sich die Poplandschaft spürbar. Singer-Songwriter wie James Taylor, Jackson Browne, Carole King oder Neil Young dominierten die anspruchsvolle Seite des amerikanischen Pop. Gleichzeitig öffneten sich viele Künstler dem Jazz, komplexeren Harmonien und raffinierteren Arrangements. Genau an dieser Schnittstelle bewegte sich Joni Mitchell. Während andere den sicheren Weg wählten, ließ sie ihre Folk-Wurzeln mit Jazz, Pop und Fusion verschmelzen und schuf damit einen Stil, der bis heute kaum vergleichbar erscheint.

Mit ´Miles Of Aisles´ dokumentiert sie diesen Wandel eindrucksvoller als mit jedem Studioalbum. Zum ersten Mal steht ihr mit L.A. EXPRESS eine komplette Band zur Seite – eine Formation um Saxofonist Tom Scott, deren Mitglieder bereits an ´Court And Spark´ beteiligt gewesen waren. Die Verpflichtung dieser Jazz-Fusion-Musiker veränderte den Klang ihrer Songs grundlegend.

Das Faszinierende an diesem Doppelalbum liegt aber auch im dramaturgischen Aufbau. Die Band dominiert die erste und vierte LP-Seite, während die beiden mittleren Seiten fast vollständig der intimen Solo-Künstlerin gehören. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen zwischen großer Bühne und beinahe privatem Wohnzimmerkonzert.

Bereits der Eröffnungssong ´You Turn Me On, I’m A Radio´ überrascht. Die einst augenzwinkernde Single klingt hier warm, locker und beinahe improvisiert. Man spürt sofort die Gelassenheit einer Künstlerin, die ihrem Publikum nichts beweisen muss. Doch dann folgt einer der größten Triumphe des Albums. ´Big Yellow Taxi´ entwickelt sich aus dem leichtfüßigen Folk-Hit zu einem federnden Jazz-Pop-Stück voller Eleganz. Tom Scott setzt geschmackvolle Bläserakzente, während der junge Robben Ford mit filigranen Gitarrenlinien eine urbane Leichtigkeit erzeugt. Die Live-Version wurde überraschend zu einem ihrer größten Single-Erfolge und erreichte vier Jahre nach der ursprünglichen Studioversion erstmals die amerikanischen Top 40.

Auch der Song ´Woodstock´ erlebt eine völlige Neugeburt. Wo die ursprüngliche Aufnahme eher verträumt wirkte und CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG Jonis Song in monumentalen Folk-Rock verwandelten, entsteht hier eine elegante Mischung aus Jazz-Rock und rhythmischer Präzision. John Guerin treibt das Stück mit feinem Schlagzeugspiel voran, während Robben Ford mühelos zwischen Blues, Jazz und Rock wechselt. Diese Performance hat auch fünf Jahrzehnte später nichts von ihrer Kraft verloren.

Dann verändert sich die Atmosphäre vollkommen. Die mittleren LP-Seiten gehören ausschließlich Joni Mitchell. Hier verschwinden große Arrangements. Übrig bleiben Stimme, Gitarre, Dulcimer oder Klavier. Auf diese Weise entfaltet das Album seine größte emotionale Wirkung.

Dabei zählt ´A Case Of You´ zu den bewegendsten Momenten ihrer gesamten Karriere. Begleitet von der Appalachen-Dulcimer scheint jede Zeile frei im Raum zu schweben. Jede Nuance ihrer Stimme wird hörbar. Jeder Atemzug wirkt bedeutungsvoll. Noch intensiver gelingt ´Blue´. Das schlichte Klavierspiel unterstreicht eine Verletzlichkeit, die auf Studioaufnahmen bereits faszinierte, live jedoch eine fast schmerzhafte Direktheit entwickelt. Ähnlich eindrucksvoll wirkt ´Both Sides Now´. Fünf Jahre nach der Originalaufnahme klingt dieses Lied bereits erstaunlich gereift. Das langsamere Tempo verleiht dem Text eine neue Tiefe. Aus jugendlicher Nachdenklichkeit wird gelebte Erfahrung.

Doch dann entsteht unmittelbar vor ´The Circle Game´ einer der schönsten Augenblicke des gesamten Albums. Ein Zuschauer ruft laut einen Musikwunsch Richtung Bühne. Joni Mitchell unterbricht ihren Auftritt und antwortet mit einem Satz, der längst Musikgeschichte geschrieben hat: “Niemand hat jemals zu Van Gogh gesagt: ‘Mal noch einmal die Sternennacht.'” Das Publikum lacht, applaudiert, und Mitchell erklärt anschließend mit trockenem Humor den Unterschied zwischen einem Gemälde und einem Konzert. Schließlich  müssten Musiker ihre Werke jedes Mal neu erschaffen. ´The Circle Game´ selbst entwickelt sich anschließend zu einem der emotionalsten Gemeinschaftsmomente der Aufnahme. Da die Männer vom L.A. EXPRESS bewusst keinen Chorgesang übernehmen, trägt das Publikum die Refrains mit.

´Carey´ profitiert hingegen wieder enorm vom Bandsound. Die perkussiven Rhythmen, das federnde Zusammenspiel und Tom Scotts Flöten verleihen dem Song fast mediterrane Leichtigkeit. Den Abschluss bilden zwei damals völlig neue Stücke. ´Jericho´ deutet bereits den eleganten Jazz-Pop ihres späteren Meisterwerks ´Don Juan’s Reckless Daughter´ an. Noch geheimnisvoller bleibt ´Love Or Money´. Eine offizielle Studiofassung existiert bis heute nicht, so dass dieser Song bis heute einen beinahe mythischen Charakter besitzt. Blues, Jazz und Folk verschmelzen zu einer rhythmisch faszinierenden Komposition voller Ironie und gesellschaftlicher Beobachtung.

Auch hinter den Kulissen erzählt ´Miles Of Aisles´ spannende Geschichten. Die meisten Konzerte entstanden zwischen dem 14. und 17. August 1974 im “Universal Amphitheatre” in Los Angeles. Einzelne Stücke stammen aus Berkeley und dem “Dorothy Chandler Pavilion”. Das berühmte Coverfoto entstand dagegen im “Pine Knob Music Theater” in Michigan.

Fast ebenso legendär ist die Geschichte von Robben Ford. Eigentlich sollte Studiogitarrist Larry Carlton mitreisen. Kurzfristige Terminprobleme machten diesen Plan unmöglich. Der damals erst 22-jährige Robben Ford musste die komplexen Arrangements in Rekordzeit lernen. Rückblickend gehört sein Gitarrenspiel zu den größten Überraschungen dieses Albums.

Viele Hörer glaubten damals, dieses Doppelalbum sei bereits eine Art Abschiedswerk. Nach der Tour kündigte Joni Mitchell eine kreative Pause an. Tatsächlich erwies sich ´Miles Of Aisles´ als Ausgangspunkt ihrer experimentellsten Schaffensphase. Heute besitzt dieses Album Kultstatus. Es zählt für viele zu den bedeutendsten Livealben der siebziger Jahre. Seine Bedeutung lässt sich durchaus mit Klassikern wie ´Live Rust´ von Neil Young oder ´Frampton Comes Alive!´ von Peter Frampton vergleichen. Allerdings verfolgt Joni Mitchell auf ´Miles Of Aisles´ einen völlig anderen Ansatz.

Für Vinyl-Liebhaber gehört die Neuauflage aus dem Jahr 2022 zu den schönsten Wiederveröffentlichungen der gesamten “Asylum”-Serie. “Rhino Records” veröffentlichten ein hochwertiges Doppelalbum im originalgetreuen Gatefold auf zwei 180g Schallplatten. Verantwortlich für das Mastering war erneut Bernie Grundman, der bereits die Originalausgabe von 1974 betreute. Geschnitten wurde vollständig analog (AAA) direkt von den originalen ¼-Zoll-Masterbändern – unter persönlicher Aufsicht von Joni Mitchell.

´Miles Of Aisles´ zeigt den Moment, in dem Joni Mitchell endgültig jede stilistische Schublade sprengt. Folk, Jazz, Pop und Rock verschmelzen zu einer faszinierenden Einheit, getragen von einer Stimme, die zwischen Zerbrechlichkeit und Selbstbewusstsein jede Emotion glaubhaft vermittelt.

Die Live-Versionen besitzen bis heute eine erstaunliche Frische. Viele Songs wirken sogar endgültiger als ihre Studiofassungen. Dazu kommt eine außergewöhnliche Klangqualität, die bereits 1974 Maßstäbe setzte und in der aktuellen AAA-Neuauflage eindrucksvoll bestätigt wird.

Wer verstehen möchte, weshalb Joni Mitchell zu den größten Songwriterinnen des 20. Jahrhunderts zählt, findet hier einen der vollkommensten Einstiege in ihr Werk. Es ist ein Livealbum voller musikalischer Eleganz und zeitloser Schönheit – ein Konzertabend, der seit über fünfzig Jahren nichts von seiner Magie verloren hat.

Live-Klassiker.

https://www.facebook.com/jonimitchell

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