
IKE QUEBEC – Bossa Nova Soul Samba
1962/2026 (Blue Note) - Stil: Bossa Nova
Das Licht in den “Van Gelder Studios” in Englewood Cliffs ist gedimmt. Es ist der 5. Oktober 1962. Durch die dichte Rauchwolke im Regieraum sieht man die warm glimmenden Röhren des Mischpults. Am Mikrofon steht Ike Abrams Quebec. Seine Lunge ist vom Krebs gezeichnet, jeder Atemzug ist ein schwerer Kampf. Doch als der Hüne sein Tenorsaxofon ansetzt, passiert diese magische, unbegreifliche Verwandlung, die man im modernen durchgestylten Musikbetrieb vergeblich sucht.
In diesem Herbst 1962 war ganz New York im Bossa Nova-Fieber. STAN GETZ und CHARLIE BYRD stürmten mit ihren Bossa-Platten die Hitparaden. Jeder wollte ein Stück vom Kuchen abhaben. Doch Ike Abrams Quebec dachte gar nicht daran, die abgegriffenen Hits von Antônio Carlos Jobim plump nachzuspielen. Er schnappte sich den legendären Gitarristen Kenny Burrell, Bassist Wendell Marshall, Schlagzeuger Willie Bobo und Garvin Masseaux an der rasselnden Chekere-Kalebasse. Zusammen schuf diese meisterhafte Besetzung für “Blue Note” ein Album, das den brasilianischen Rhythmus tief in den feuchten, erdig-dunklen Blues der New Yorker Jazzclubs tunkte.

Wenn die Nadel auf die neue “Tone Poet”-Pressung setzt, ist da kein digitaler Schleier. Ike Abrams Quebec steht leibhaftig im Raum. Auf dem Eröffnungsstück ´Loie´ etabliert Kenny Burrell einen unglaublich federnden Groove, über den das Tenor mit einer unnachahmlichen, hauchigen Wärme gleitet. Weil Ike Abrams Quebec die Kraft in der Lunge fehlte, blies er die Töne nicht mit Härte, sondern hauchte sie mit purem Gefühl in den Trichter. Dieser Not gehorchende Subtone-Stil verleiht der romantischen Choro-Ballade ´Lloro Tu Despedida´ eine fast schmerzhafte Intimität. Man hört das Holz des Blattes knistern, das spärliche Zupfen der Gitarrensaiten und das leise Rasseln der Perlenkette auf der Kalebasse.
Ike Abrams Quebec verwandelt sogar Antonín Dvořáks klassisches Thema in ´Goin’ Home´ in einen feierlichen, weltumspannenden Spiritual. Mit der vertrackten Nummer ´Me ‘n You´ mogelt er augenzwinkernd Cole Porters Standard ´You’d Be So Nice To Come Home To´ in das lateinamerikanische Gewand. Sogar Franz Liszts ´Liebesträume´ verliert jeglichen kitschigen Pomp und verwandelt sich in edlen, rauchigen Late-Night-Jazz.
Auf ´Blue Samba´ zeigt sich das ganze Genie dieser Session. Ein schnörkelloser Zwölftakt-Blues trifft auf das schwebende Parkett von Rio de Janeiro. Es klingt einfach unaufgeregt, ehrlich und zutiefst menschlich. Bei ´Favela´ zieht Kenny Burrell das Tempo mit punktgenauen Akkorden an, ehe das bittersüße ´Linda Flor´ wie ein leiser Abschiedsgruß verhallt.

Dass dieses Album überhaupt das Licht der Welt erblickte, grenzt an ein kleines Wunder. Alfred Lion, der Macher hinter “Blue Note”, hatte Ike Abrams Quebec nach dessen jahrelangem Kampf gegen die Drogenhölle und zwei Gefängnisstrafen auf Rikers Island eigentlich schon fast abgeschrieben. Doch Alfred Lion glaubte an ihn. Er schickte Ike Abrams Quebec Ende der 50er Jahre erst einmal als Talent-Scout los – und der Saxofonist bewies ein unfehlbares Gespür für echte Schätze: Ohne Ike Abrams Quebec hätten Legenden wie DEXTER GORDON, THELONIOUS MONK oder BUD POWELL vielleicht nie ihren Weg zu “Blue Note” gefunden. Erst als Ike Abrams Quebecs Musik an den Jukeboxen der New Yorker Kneipen wieder Geld einspielte, gab Alfred Lion grünes Licht für die Alben-Sessions.
Als die Platte im Oktober 1962 in den Läden landete, ging sie im gewaltigen Hype um STAN GETZ schlichtweg unter. Das große Geld machten andere. Doch in den verrauchten Kneipen von Harlem wussten die Leute genau, was sie an diesem Album hatten.
Jahrzehntelang verstaubten die Originalbänder im Archiv von Rudy Van Gelder. Erst mehr als sechs Jahrzehnte später holte Reissue-Produzent Joe Harley die alten Bänder für die “Tone Poet”-Reihe wieder aus dem Tresor. Als Mastering-Legende Kevin Gray die analogen Bänder überspielte, traute er seinen Ohren kaum. Trotz der geschwächten Lunge von Ike Abrams Quebec war der Ton so präsent, so unfiltriert und nah, als stünde der Mann leibhaftig mit seinem Instrument im Raum.
Nur drei Monate nach dieser Aufnahme schloss Ike Abrams Quebec für immer die Augen. ´Bossa Nova Soul Samba´ ist das berührende Vermächtnis eines Giganten. Ein zeitloses Stück Musikgeschichte voller Narben, Wärme und purer Seele.
Klassiker des Bossa Nova-Jazz
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