
THE WHO – Who´s Next UHQR
1971/2026 (Analogue Productions) – Stil: Rock/Hardrock
Ein Anwesen in Hampshire, ein LKW vollgepackt mit Aufnahmetechnik, und eine Band, die kurz davor steht, an ihrem eigenen Ehrgeiz zu zerbrechen. So beginnt die eigentliche Geschichte von ´Who’s Next´, nicht auf der Bühne, sondern auf Mick Jaggers Landsitz Stargroves, wohin sich THE WHO im April 1971 zurückzogen, um mit dem „Rolling Stones Mobile Studio“ noch zu retten, was von Pete Townshends gescheitertem „Lifehouse“-Traum übrig war.
Aus diesem Chaos heraus entstanden einige der spontansten und denkwürdigsten Momente der ganzen Bandgeschichte. Die erste dieser Geschichten gehört zum Opener der Platte selbst. Das legendäre Geigensolo am Ende von ´Baba O’Riley´ entstand aus einer spontanen Schnapsidee, Keith Moon traf den befreundeten Geiger Dave Arbus zufällig auf der Straße, packte ihn kurzerhand in ein Taxi und schleppte ihn direkt ins Studio, wo das Solo in wenigen Takes eingespielt wurde. Auch der markante Gitarrensound auf ´Bargain´ und weiteren Songs hat eine eigene Geschichte. Joe Walsh, damals bei der JAMES GANG, schenkte Pete Townshend eine 1957er Gretsch 6120 Chet Atkins samt Fender-Bandmaster-Verstärker. Pete Townshend war von dieser Kombination so verzaubert, dass sie fast das gesamte Album prägte, seine eigene „magische Kombination“, wie er sie später nannte.

Keith Moon, notorisch unberechenbar, sorgte auch sonst für einige der denkwürdigsten Studiomomente der Bandgeschichte. Bei den Aufnahmen zu ´My Wife´ war er so betrunken, dass er glaubte, tatsächlich Auto zu fahren, setzte sich hinter sein Schlagzeug, schrie „Brrm, brrm“ und riss die gesamte Ausrüstung krachend mit sich zu Boden. Nach einer kurzen Ausnüchterung spielte er den Track dann in gewohnter Brillanz ein. Ein anderes Mal jagte er eine Studiotoilette mit einem seiner berüchtigten Knallkörper in die Luft, einfach weil ihm das Echo im Raum nicht gefiel, Produzent Glyn Johns musste ihm mehrfach mit Rauswurf drohen, damit überhaupt konzentriert gearbeitet werden konnte.

Musikalisch bleibt dieses meisterliche Studioalbum bis heute unerreicht in seiner Bandbreite. Da ist ´Bargain´, mit sanfter Akustikgitarre, die urplötzlich in ein aggressives Riff umschwenkt, dazu Pete Townshend und Roger Daltrey im Gesangs-Zwiegespräch, als würden sie sich den Song gegenseitig aus der Hand reißen. Ganz anders dann ´Love Ain’t For Keeping´, der kürzeste Song der Platte, komplett akustisch, eine erdige kleine Verschnaufpause zwischen den großen Nummern. Bei ´Song Is Over´ übernimmt Nicky Hopkins am Klavier, bietet wunderschöne Läufe, während Pete Townshend die ruhigen Strophen singt, doch dann dreht Roger Daltrey den Refrain auf, gewaltig, stadiontauglich.

Auf Seite zwei geht es weiter mit ´Getting In Tune´, wieder mit Hopkins am Piano, der Song baut sich langsam auf, von bluesiger Ballade zu souligem Rock-Chor, derweil textlich noch ein letztes Echo der gescheiterten „Lifehouse“-Philosophie drinsteckt, das Stimmen der Instrumente als Bild fürs Finden von Harmonie. Dann ´Going Mobile´, der einzige Song, den Pete Townshend komplett allein singt, fröhlich, fast psychedelisch, eine echte Roadtrip-Laune. Seine Gitarre jagt er dafür durch einen Synthesizer, dieser quakende, unverwechselbare Entensound im Solo kommt von dort. Und außerdem ´Behind Blue Eyes´, beginnt so intim, so zerbrechlich, bis nach gut zwei Minuten Keith Moons Schlagzeug reinbricht und der Song sich in eine wütende Rock-Hymne verwandelt. Und ´Won’t Get Fooled Again´ krönt das Ganze mit Roger Daltreys legendärem Urschrei, so kraftvoll, dass ihn Jahrzehnte später die Serie „CSI: Miami“ zu ihrem akustischen Markenzeichen machte, ertönend in fast jeder Folge in dem Moment, in dem David Carusos Figur die Sonnenbrille aufsetzt.

2026 bekommt dieses Meisterwerk nun die vielleicht ultimative Behandlung. „Analogue Productions“ veröffentlichen ´Who’s Next´ als UHQR, „Ultra High Quality Record“, gemastert von Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering direkt von den analogen Original-Bändern, unter Verwendung der gefeierten alten Metallmatrizen der längst vergriffenen „Classic Records“-Ausgabe. Gepresst wird auf 200g transparentem Clarity-Vinyl bei „Quality Record Pressings“, komplett ohne den sonst üblichen Ruß-Anteil, was für eine geradezu unheimliche Stille im Hintergrund sorgt. Bewusst bleibt es bei einer einzigen LP mit 33⅓ Umdrehungen statt einer Aufteilung auf zwei 45er-Scheiben, damit der ursprüngliche Fluss des Albums Bestand hat. Weltweit limitiert auf 7.500 nummerierte Exemplare, verpackt in einer neu gestalteten, buchartig aufklappbaren Box mit mattem Stoughton-Tip-On-Gatefold-Cover.
Wer nun die drei großen Pressungen dieses Albums nebeneinanderlegt, hört drei völlig unterschiedliche Philosophien, angefangen beim Mann, der das Album 1971 überhaupt erst für die Nachwelt gemastert hat, Doug Sax. Das britische Track-Record-Original von 1971 bleibt für viele Sammler der emotionale Fixpunkt, roh, mit einer fast aggressiven Dringlichkeit in Roger Daltreys Stimme, dafür aber schlanker im Bass und anfällig für das typische Alterungsknistern. Das jüngere Half-Speed-Mastering aus den „Abbey Road Studios“ geht hingegen den technisch saubersten Weg, messerscharfe Kanaltrennung, kaum Verzerrung in den Innenrillen, dafür aber ein Sound, der manchem fast zu steril vorkommt, dem Sound fehlt hier der berühmte Dreck von THE WHO.

Die neue UHQR-Pressung vereint beides. Der Bass von John Entwistle bekommt endlich das Fundament, das ihm auf dem britischen Original fehlte, während Keith Moons Schlagzeug eine geradezu greifbare Textur bekommt und Roger Daltreys Gesang dreidimensional im Raum steht. Bewusst leiser geschnitten als das alte Original, muss man den Verstärker etwas weiter aufdrehen, wird dafür aber mit einer Dynamik belohnt, die einem regelrecht in die Magengrube fährt.
´Who’s Next´ war schon 1971 ein Wunder, geboren aus einem gescheiterten Visionsprojekt und gerettet von einem Produzenten mit dem richtigen Gespür. 2026, auf transparentem Vinyl und mit einer Präzision, von der Pete Townshend damals nur träumen konnte, klingt dieses Wunder lauter und lebendiger als je zuvor. Bestes Album, beste Pressung.



