PlattenkritikenPressfrisch

THE WHO – Tommy UHQR

1969/2026 (Analogue Productions) – Stil: Rock/Hardrock

London. THE WHO stehen 1968 kurz vor dem Aus. Die Single ´Dogs´ floppt, das Konto ist leer, und ihre komplette Bühnenshow besteht mittlerweile aus zertrümmerten Gitarren und Schlagzeug-Trümmern, die die Band immer tiefer in die Schulden treiben. Pete Townshend, gerade fasziniert von den spirituellen Lehren des indischen Mystikers Meher Baba, braucht mehr als die nächste Single. Er braucht eine Vision. Das Ergebnis heißt ´Tommy´, und es rettet nicht nur die Band, es erfindet gleich noch ein ganzes Genre.

Die Geschichte des tauben, stummen und blinden Jungen Tommy Walker, der zum Flipperkönig und schließlich zum spirituellen Anführer aufsteigt, entstand aus purer Notwendigkeit heraus. Im August 1968 skizzierte Pete Townshend die komplette Handlung in einem „Rolling Stone“-Interview auf elf Druckseiten. Bandmanager Kit Lambert, der schon länger den Begriff Rockoper im Kopf hatte, gab Townshend freie Hand. Produziert wurde das Album in den „IBC Studios“, mit Kit Lambert selbst am Regiepult und Damon Lyon-Shaw als Toningenieur.

Die Aufnahmen waren geprägt von blanker Mittellosigkeit. Bassist John Entwistle spielte fast das komplette Album auf einem selbstgebauten Bass namens Frankenstein, zusammengeschraubt aus den Überresten von zertrümmerten Bässen. Schlagzeuger Keith Moon, bei der Firma „Premier“ längst für seine Zerstörungswut berüchtigt, musste sich sogar das Doppel-Bassdrum-Set seines eigenen Roadies leihen. Die Band war so pleite, dass sie sich kaum noch die Taxifahrten zum Studio leisten konnten, gerettet wurden die Aufnahmen letztlich nur durch eine Steuerprüfung, die ihnen längst überfällige Tantiemen aus alten Singles bescherte.

´Overture´ eröffnet das Album als majestätisches Instrumental, Pete Townshend webt hier auf der Akustikgitarre fast alle zentralen Leitmotive der Platte ineinander, während John Entwistle mit dem französischen Horn für eine fast opernhafte Erhabenheit sorgt. ´It’s A Boy´ geht auf einen alten, nie veröffentlichten Song namens ´Glow Girl´ zurück, dessen letzte Zeile Pete Townshend so faszinierte, dass er das komplette Tommy-Konzept darum herum aufbaute. ´1921´ setzt dann die eigentliche Handlung in Gang, ein beschwingter Klavier-Rhythmus geht in düstere, bedrohliche Gesangspassagen über, als Tommys Vater aus dem Krieg zurückkehrt und den Liebhaber seiner Mutter tötet.

´Amazing Journey´ beschreibt laut Pete Townshend selbst den eigentlichen Ursprung der ganzen Oper und fasst die komplette Handlung zusammen, bevor ´Sparks´ das musikalische Thema instrumental weiterspinnt. Nach ´Eyesight To The Blind´, einem Cover von Sonny Boy Williamsons Stück, folgt auf der zweiten Seite das bittere ´Christmas´, dann ´Cousin Kevin´, geschrieben von John Entwistle, zynischer Vaudeville-Rock mit schrägen Chören, der die Misshandlung des isolierten Jungen durch seinen sadistischen Cousin beschreibt. ´The Acid Queen´ lässt eine drogensüchtige Heilerin Tommy mit LSD behandeln, voller psychedelischer Spannung, bevor ´Underture´ diesen inneren Zustand über zehn hypnotische Minuten instrumental auskostet, getragen von Keith Moons manischem Schlagzeugspiel.

Die zweite LP eröffnet mit dem kurzen ´Do You Think It’s Alright?´, bevor mit ´Fiddle About´, wieder aus der Feder von John Entwistle, das dunkelste Thema der ganzen Oper folgt, der sexuelle Missbrauch durch Onkel Ernie, verpackt in eine fröhlich-beschwingte Zirkusmelodie, um das Thema überhaupt an der Zensur vorbeizuschmuggeln.

Dann ´Pinball Wizard´, und dahinter steckt eine der schönsten Geschichten des Albums. Als Pete Townshend die fast fertige Platte dem Musikjournalisten Nik Cohn vorspielte, zeigte der sich nur mäßig beeindruckt, ihm fehlte der große Hit. Weil Townshend wusste, dass Nik Cohn ein Flipper-Narr war, improvisierte er spontan die Idee eines blinden Flipperkönigs. Nik Cohn war begeistert, versprach eine Top-Kritik, und Pete Townshend schrieb den Song noch in derselben Nacht im Hotel. Das rasante Flamenco-Intro und das folgende harte Rockriff wurden zum kommerziellen Rettungsanker des ganzen Albums.

´There’s A Doctor´ und ´Go To The Mirror!´ markieren den nächsten Wendepunkt, ein Arzt stellt fest, dass Tommys Blockade rein psychisch ist, und zum ersten Mal erklingt in vollem Rock-Gewand das berührende „See Me, Feel Me, Touch Me, Heal Me“-Motiv, das Roger Daltrey mit purer emotionaler Wucht singt. Nach ´Tommy Can You Hear Me?´ bringt ´Smash The Mirror!´ die endgültige Befreiung, seine Mutter zerschlägt aus Verzweiflung den Spiegel, vor dem Tommy stundenlang gesessen hatte, und löst damit seine mentale Blockade. ´Sensation´ schließlich entstand nach einer echten Begegnung, Pete Townshend traf das Mädchen, um das es im Song geht, 1968 während einer Australien-Tournee der Band.

Die letzte Seite eröffnet ´Miracle Cure´, bevor ´Sally Simpson´ von einem Mädchen erzählt, das bei einem Tumult im Publikum verletzt wird, inspiriert von einem echten Konzertbesuch, bei dem Pete Townshend mit ansehen musste, wie ein Fan bei einem Auftritt der THE DOORS brutal von Ordnern zurückgeschlagen wurde, als sie versuchte, zu Jim Morrison auf die Bühne zu klettern. Danach feiert ´I’m Free´ Tommys wiedergewonnene Sinne mit stampfendem Rhythmus und einem der eingängigsten Gitarrenriffs von Pete Townshend.

´Welcome´ und ´Tommy’s Holiday Camp´ beschreiben Tommys absurdes Ferienlager für seine Anhänger, Letzteres trägt offiziell Keith Moons Songwriting-Credit, dabei schrieb und spielte Pete Townshend das komplette Stück allein ein, samt billiger Heimorgel, Keith Moon bekam die Tantiemen nur, weil er beim Abendessen die Idee zum Ferienlager gehabt hatte. Am Ende wenden sich die Jünger von Tommy ab, und im letzten Song der Platte, ´We’re Not Gonna Take It´, bricht in diesem Moment der Ablehnung das legendäre „Listening to you, I get the music“-Motiv auf, besser bekannt unter dem Namen ´See Me, Feel Me´, ein chorales, spirituelles Crescendo, das live, etwa beim Auftritt in Woodstock, regelmäßig für Gänsehaut sorgte.

Bevor das Album im Mai 1969 überhaupt in die Läden kam, veranstaltete das Management eine Voranhörung im Londoner Jazzclub Ronnie Scott’s, mit reichlich Freibier für die anwesenden Journalisten. Ohne Textheft verstand kaum jemand die Geschichte, betrunkene Reporter pöbelten Pete Townshend während seiner Erklärungsversuche an, erst Wochen später erkannte die Presse beim erneuten, konzentrierten Nachhören, welches Meisterwerk da tatsächlich entstanden war.

Live entfaltete ´Tommy´ dann seine wahre Wucht. Beim Woodstock-Festival im August 1969 stürmte mitten im Song ´Pinball Wizard´ plötzlich der Aktivist Abbie Hoffman die Bühne und griff sich das Mikrofon für eine politische Ansprache, Pete Townshend, völlig in Konzert-Trance, rammte ihm kurzerhand seine Gitarre in den Rücken und beförderte ihn eigenhändig von der Bühne. 1970 spielte die Band das komplette Album sogar in der ehrwürdigen Metropolitan Opera in New York, als erste Rockband überhaupt an diesem Ort, die feine New Yorker Gesellschaft schockiert von der Lautstärke, aber am Ende stehend applaudierend.

Auch das Artwork wagte damals Ungeheuerliches. Designer Mike McInnerney verzichtete komplett auf Bandname und Albumtitel, ein für eine damals weltberühmte Band völlig undenkbarer Schritt. Die blaue, netzartige Gitterstruktur auf der Vorderseite symbolisiert Tommys Gefängnis aus Taubheit, Stummheit und Blindheit, während sich beim näheren Hinsehen die schemenhaften Gesichter der vier Bandmitglieder in den Linien verstecken. Innen dann der komplette Kontrast, eine goldene, nach oben gestreckte Hand im hellen Licht, inspiriert von McInnerneys eigener Beschäftigung mit Meher Baba, ein Bild für Tommys spirituelle Befreiung am Ende der Geschichte.

2026 reiht sich ´Tommy´ nun in eine große Serie von „Analogue Productions“ ein, die gleich vier zentrale WHO-Alben umfasst, ´My Generation´, ´Live At Leeds´, ´Who’s Next´ und eben ´Tommy´, alle gemastert von Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering direkt von den originalen analogen Bändern. Die Tommy-UHQR erscheint als Doppel-LP mit 33⅓ Umdrehungen auf 200 Gramm transparentem Clarity-Vinyl, gepresst bei „Quality Record Pressings“, weltweit limitiert auf 3.500 nummerierte Exemplare. Verpackt ist alles in der neuen, buchartigen Box mit dem originalgetreuen, psychedelischen Libretto von 1969, dazu ein exklusives, großformatiges Zusatz-Booklet mit bislang unveröffentlichten Fotos von Kim Gottlieb-Walker. Für die neuen Liner Notes holte man sich mit Leroy Jodie Pierson ausgerechnet einen renommierten Blues- und Reggae-Historiker ins Boot, bekannt vor allem als Bob Marley-Biograf, eine ungewöhnliche, aber erfrischende Perspektive auf Pete Townshends spirituelle Rockoper.

Klanglich gleicht die neue Pressung die größte Schwäche des Originals aus, den seinerzeit oft etwas flachen, mittenbetonten Sound. Wo das britische Track-Original von 1969 mit fokussierter Energie punktet, aber im Bass dünn bleibt und unter Alterungsknistern leidet, und etwa das jüngere Half-Speed-Mastering von Miles Showell aus den „Abbey Road Studios“ zwar makellos sauber, dafür aber fast zu leblos klingt, öffnet die UHQR eine tiefe, dreidimensionale Klangbühne. Keith Moons wildes Beckenspiel bleibt seidig statt zu zischeln, und John Entwistles Bass liefert endlich die Grundlage, die diese Oper verdient.

´Tommy´ war schon 1969 mehr als nur ein Album, es war der Beweis, dass Rockmusik Geschichten von Trauma, Missbrauch und Erlösung erzählen kann, ohne dabei ihre rohe Energie zu verlieren. 2026, transparent gepresst und mit einer Klarheit versehen, die dem Original oft fehlte, klingt diese Oper endlich so groß, wie sie sich all die Jahre angefühlt hat. Eine bahnbrechende Oper, endlich eine bahnbrechende Pressung.

https://www.facebook.com/thewho

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"