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THE WHO – My Generation (Mono)

1965/2026 (Analogue Productions/UMG Recordings) - Stil: Maximum Garage British Rhythm And Blues

IBC Studios, London, Herbst 1965. Ein Tontechniker starrt auf seine Pegelnadeln, die längst im roten Bereich hängen, und tut das Einzige, was in dieser Situation noch hilft: nichts. Auf der anderen Seite der Scheibe zerlegt ein siebzehnjähriger Wahnsinniger sein Schlagzeug, ein Gitarrist steht so nah an seinem Verstärker, dass die Rückkopplung physisch in der Brust zu spüren ist, und ein Bassist kauft sich innerhalb von drei Tagen den dritten Bass, weil ihm ständig die Saiten reißen. Aus diesem kontrollierten Chaos entsteht schließlich ´My Generation´, das Debütalbum von THE WHO – und mit ihm einer der Baupläne für alles, was Rockmusik in den folgenden fünfzig Jahren laut, wütend und gefährlich machen sollte.

Anfang 1965 heißt die Band noch THE HIGH NUMBERS, ein Name, der schon nach kurzer Zeit wieder verschwindet, und ihr Sound trägt das Etikett „Maximum R&B”, geradliniger Rhythm & Blues, hochgepumpt auf Bühnenlautstärke, gespielt für ein Publikum aus Mods, die sich mit Amphetaminen durch die Nächte tanzen. THE WHO stehen damit mitten im Wettrennen einer explodierenden Londoner Szene: THE KINKS liefern mit Songs wie ihrem Riff-Monster gerade den Soundtrack für aggressive Gitarrenmusik, THE BEATLES dominieren die Charts mit polierten Harmonien, und irgendwo dazwischen versucht diese vier Mann starke Band, beides zu sein – roh genug für die Straße, catchy genug fürs Radio. Pete Townshend gibt später offen zu, dass er mit ´I Can’t Explain´ und ´The Kids Are Alright´ bewusst versuchte, den rauen Gitarrensound und die Akkordfolgen von KINKS-Songwriter Ray Davies zu kopieren, schlicht um Produzent Shel Talmy zu beweisen, dass er ebenso gute Hits schreiben konnte.

Bevor es überhaupt ins Studio gehen kann, spielen Townshend, Roger Daltrey und John Entwistle im April 1964 als THE HIGH NUMBERS im Pub “The Oldfield Hotel” in Greenford mit dem unauffälligen Session-Schlagzeuger Dave Golding. Im Publikum steht ein siebzehnjähriger Junge in grellbuntem Anzug, ingwerblond gefärbten Haaren und sichtlich angetrunken: Keith Moon. Nach ein paar Songs brüllt er dazwischen, der Schlagzeuger sei eine Schlaftablette, er könne das besser. Die Band, halb amüsiert, halb genervt, lässt ihn ran. Was folgt, beschreibt Townshend später so, als hätte Moon das Schlagzeug nicht gespielt, sondern hingerichtet. Innerhalb weniger Minuten tritt der Junge das Fell der Bassdrum durch und verbiegt die Beckenständer, bis das komplette Set schrottreif ist. Townshend und Entwistle sind nicht wütend, sie sind elektrisiert – so eine Urgewalt hat noch keiner von ihnen live erlebt. Moon wird noch am selben Abend engagiert. Die klassische Besetzung steht.

Keith Moon spielt auf ´My Generation´ Schlagzeug, als gäbe es kein Morgen. Er verweigert sich der Rolle des braven Metronoms, die 1965 von jedem Drummer erwartet wird, und legt stattdessen über das komplette Album ein einziges, endloses Solo – jede noch so kleine Lücke füllt er mit rasanten Tom-Tom-Wirbeln. Weil er ständig ausbricht, muss ausgerechnet Bassist John Entwistle die eigentliche Taktgeber-Rolle übernehmen. Der Bass hält den Song zusammen, während das Schlagzeug die Melodie attackiert. Und doch hört Moon, entgegen dem chaotischen ersten Eindruck, extrem aufmerksam zu. Seine Fills orientieren sich an Roger Daltreys Gesangsphrasen, halten sich zurück, wenn der Sänger singt, und feuern eine Kaskade von Schlägen ab, sobald der Sänger Luft holt. Es dominieren Tom-Toms, Snare und große Crash-Becken, was dem Album seinen offenen, donnernden, von den BEATLES oder den ROLLING STONES meilenweit entfernten Sound gibt. Trotz der brutalen Wucht bringt er einen Jazz- und Surf Rock-Einschlag mit – der Titeltrack ´My Generation´ hat im Studio einen fast schwingenden Shuffle-Groove, der die Songs trotz aller Aggression tanzbar hält. Am Ende von Stücken wie ´My Generation´ oder ´The Ox´ steigert sich Moon regelmäßig in einen Rausch aus Triolen, bis das Band zu Ende ist oder das Set kollabiert – ein chaotisches Markenzeichen.

Pete Townshend macht auf diesem Album den Powerchord zu einem zentralen Bestandteil seiner Gitarrensprache. Statt komplexer Jazz-Akkorde oder sanfter Blues-Pickings setzt er auf minimalistische, mit maximaler Wucht angeschlagene Akkorde, auf denen Songs wie ´My Generation´ oder ´The Kids Are Alright´ fußen – der Grundstein für Punk und Hard-Rock. Er ist außerdem einer der ersten Gitarristen, die Rückkopplung nicht als Fehler, sondern als Kunstform behandeln. Er stellt sich mit seiner Rickenbacker direkt vor die Marshall-Verstärker, um kontrolliertes Feedback zu erzeugen, das er etwa auf ´Anyway, Anyhow, Anywhere´ als eigenständiges melodisches Element einsetzt. Klanglich prägen vor allem seine Rickenbacker-Gitarren das Album – eigentlich für sanften Folk-Rock gedacht, sägen ihre Tonabnehmer bei voll aufgedrehter Lautstärke extrem aggressiv, was Songs wie ´The Kids Are Alright´ ihre charakteristische Mischung aus Melodie und Härte gibt. Für zusätzlichen Schmutz und Sustain zweckentfremdet er ein Hallgerät. Er dreht den Hall komplett ab und nutzt nur dessen Vorverstärker als Booster, was die Röhren seines Fender-Amps überfordert und den kreischenden Overdrive-Sound erzeugt, für den das Album berühmt wurde. Textlich macht sich Townshend, der fast alle Songs allein schreibt, zum Sprachrohr einer Generation, die sich von ihren Eltern unverstanden fühlt – „I hope I die before I get old” ist keine platte Provokation, sondern seine soziologische Beobachtung der Mod-Kultur. Inspiriert vom Konzeptkünstler Gustav Metzger trägt er zudem die Idee der „auto-destruktiven Kunst” in die Musik. Dieselbe Wut, mit der er auf der Bühne Gitarren zertrümmert, spielt er auch im Studio, und diese Energie steckt Moon und Entwistle sichtlich an.

John Entwistle muss sich gegen Townshends Gitarrenwand und Moons Schlagzeug-Gewitter behaupten und erfindet dabei den knalligen, drahtigen Lead-Bass-Sound, der Rockmusik für immer verändert. Sein Werkzeug ist ein Danelectro 3412 „Longhorn”-Bass. Der Klang ist unglaublich hell, metallisch, drahtig, perfekt für ein Solo, das nicht im Klangbrei untergeht, sondern klingt wie eine aggressive Baritongitarre. Weil die Basslautsprecher bei dieser Lautstärke sofort verzerren, mischt er den Sound bewusst so, dass der Bass unten drückt, aber in Mitten und Höhen brutal zerrt – der erste echte „Overdrive-Bass” der Rockgeschichte.

Eröffnet wird die Platte mit ´Out In The Street´, dem perfekten Opener für die Londoner Mod-Zielgruppe, ein treibender, soulvoller Rhythmus, Daltrey mit viel Soul-Schmelz, während Townshend im Hintergrund bereits härtere Akkorde anschlägt. ´I Don’t Mind´, eine James Brown-Coverversion, verlangsamt die Geschwindigkeit zu einer sehnsüchtigen, rauen R&B-Ballade, getragen von den Call-and-Response-Hintergrundgesängen von Townshend und Entwistle. ´The Good’s Gone´, mit über vier Minuten der längste Song des Albums, hebt sich durch eine ungewöhnlich düstere, fast schon proto-psychedelische Stimmung ab. Townshends hypnotische, sich wiederholende Rickenbacker-Figur nimmt dabei bereits Anleihen bei der aufkommenden Psychedelic-Szene.

´La-La-La-Lies´ ist der poppigste Moment der Platte, stark von den BEATLES und den KINKS beeinflusst, mit beschwingtem Piano von Nicky Hopkins. ´Much Too Much´, ein oft unterschätzter Townshend-Song, legt mit seinen hellen Gitarrenriffs und Moons extrem songdienlichem Spiel das Fundament für das spätere Genre Power-Pop. Dann, mittendrin, zum Abschluss der ersten Vinyl-Scheibe, das Herzstück: ´My Generation´ selbst. Totale Anarchie bricht aus – Daltreys stotternder Trotzgesang, Entwistles bahnbrechendes, metallisches Bass-Solo, Moons zerstörerisches Finale, dazu moduliert der Song über mehrere Tonarten nach oben, um die Intensität ins Unermessliche zu treiben.

´The Kids Are Alright´ ist die zeitlose Pop-Hymne der Platte, geprägt von schimmernder 12-saitiger Rickenbacker-Gitarre und mehrstimmigen Harmonien, die trotz melancholischem Text pure Zuversicht ausstrahlen. In ´Please, Please, Please´, die zweite James Brown-Coverversion, hört man Daltrey förmlich dabei zu, wie er seine Stimme bis an die Grenze des Heiseren treibt, um die Intensität des „Godfather of Soul” zu kopieren. ´It’s Not True´ ist stampfender, klassischer Blues-Rock mit einem sehr traditionellen, aber druckvollen Townshend-Solo.

Bei ´I’m A Man´, dem Bo Diddley-Cover, wird die Band hypermaskulin und aggressiv. Daltrey stöhnt und schreit sich durch den Text, während Townshend im Mittelteil ein wildes Feedback-Gewitter entfacht, das dem Song in den USA die Zensur einbrachte. ´A Legal Matter´ markiert einen historischen Moment. Weil Daltrey mitten in Scheidungsstreitigkeiten steckte und den ironischen Text über eine gescheiterte Ehe nicht singen wollte, übernahm Townshend hier zum ersten Mal überhaupt den Lead-Gesang auf einer WHO-Platte, in einem Stil, der stark an den akustischen Folk-Rock der KINKS erinnert. Den Schlusspunkt setzt ´The Ox´, benannt nach Entwistles Spitznamen, ein reines Instrumentalstück, das wie ein musikalischer Amoklauf wirkt, mit Nicky Hopkins’ Boogie-Piano und Moons buchstäblich zertrümmertem Schlagzeug. Zusammen mit Entwistles dröhnendem Verzerrer-Bass gilt der Track heute als einer der allerersten Songs des Heavy Metal.

Die schiere Lautstärke von Townshends Verstärkern und Moons unkontrollierbares Spiel überfordern die sensible Technik der IBC Studios vollständig, und Produzent Shel Talmy löst das Problem mit Tricks, die damals als Wahnsinn galten. Er ist einer der Pioniere des Close-Miking. Statt, wie üblich, ein oder zwei Mikrofone mit Abstand vor das Schlagzeug zu stellen, platziert er separate Mikrofone extrem nah an jeder einzelnen Trommel, um Moons Dynamik einzufangen. Die goldene Regel der damaligen Jahre – Pegel dürfen niemals in den roten Bereich schlagen – ignoriert er bewusst und lässt Röhren und Band leicht verzerren, was der Platte ihren dichten, schmutzigen, gefährlichen Klang gibt. Um zu verhindern, dass Townshends Marshall-Wand die leiseren Spuren zerstört, baut er gemeinsam mit Toningenieur Glyn Johns Barrieren aus Holz und Filz im Studio. Und weil den IBC Studios 1965 nur eine Dreispur-Bandmaschine zur Verfügung steht, muss Talmy tricksen. Spur eins bekommt das komplette live eingespielte Fundament aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, Spur zwei Daltreys Hauptgesang, Spur drei alle Overdubs. Beim finalen Bounce-down mischt er die drei Spuren zu einem einzigen, kompromisslosen Mono-Masterband zusammen – und weil Mono alles in die Mitte drückt, klingt das Ergebnis wie eine akustische Dampfwalze.

Um die Geschichte hinter dem Titeltrack ranken sich gleich zwei Legenden. Die erste: Daltrey konnte im dunklen Studio den Text auf seinem Zettel kaum lesen und begann zu stottern, um im Takt zu bleiben – Manager Kit Lambert fand das genial und beließ es unverändert. Die zweite, später von Townshend selbst bestätigt: Das Stottern spielt auf die Londoner Mods an, die so vollgepumpt mit Amphetaminen waren, dass ihnen vor lauter Aufregung beim Tanzen kein Wort mehr sauber über die Lippen kam. Und die berühmte Zeile „I hope I die before I get old” soll ihren Ursprung in einer Begegnung mit der Queen Mother haben. Townshend besaß einen umgebauten Packard-Leichenwagen, den er im vornehmen Belgravia parkte, bis die Queen Mother, die dort regelmäßig vorbeifuhr, den Anblick anstößig fand und den Wagen abschleppen ließ – Townshend schrieb den Song aus Wut über die alte, reiche Elite.

Weil die Band 1965 noch nicht genug eigenes Material für eine ganze LP geschrieben hatte, mussten Cover-Songs aushelfen: Zwei Stücke von James Brown, ´I Don’t Mind´ und ´Please, Please, Please´, retteten die Tracklist – so unvorbereitet, dass Daltrey die Texte während der Aufnahmen von einer handgeschriebenen Serviette ablas, weil niemand in London die offiziellen Notenblätter auftreiben konnte. Als die Band die Bänder ihrer Single ´Anyway, Anyhow, Anywhere´ an das US-Label Decca schickte, kam postwendend eine Absage zurück. Die amerikanischen Plattenbosse hielten das absichtliche Gitarren-Feedback für einen Transportschaden am Magnetband. Und das berühmte Coverfoto entstand im November 1965 an den Surrey Docks im Südosten Londons. Fotograf David Wedgbury setzte THE WHO dort in einer ungewöhnlichen Perspektive in Szene. Die vier Musiker blicken demonstrativ nach oben, während die Kamera sie erfasst. Das Bild wurde zum ikonischen visuellen Gegenstück zur aufmüpfigen Energie von ´My Generation´.

Kommerziell erfolgreich bleibt ´My Generation´ 1965 zunächst überschaubar: Platz 5 in den britischen Charts, in den USA verkauft sich die unter dem Titel ´The Who Sings My Generation´ veröffentlichte, leicht veränderte Version gar nicht. Die Band selbst tat das Album später sogar als Schnellschuss ab, der ihre damalige Bühnenpräsenz nicht annähernd einfing. Und dann, nach der Veröffentlichung, der nächste Ärger: Produzent Shel Talmy behielt die Rechte an den originalen Mono-Bändern und weigerte sich jahrzehntelang, sie für eine ordentliche CD-Veröffentlichung herauszugeben. Im Jahr 2000 eskalierte er den Streit auf denkbar schrägste Weise: Er stellte die Original-Masterbänder auf eBay für 500.000 Dollar Sofortkauf ein. Gekauft hat sie niemand, aber der PR-Coup brachte alle Parteien endlich an einen Tisch, sodass 2002 das erste seriöse Remaster erscheinen konnte.

Die Retrospektive sieht das Album längst anders: Kritiker zählen es heute zu den besten Rockalben aller Zeiten, gerade wegen seiner für 1965 ungewöhnlichen Härte, die Punk und Heavy Metal Jahrzehnte vorausahnen ließ. 2008 wurde ´My Generation´ als bislang einzige Aufnahme von THE WHO überhaupt in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen – eine Ehre, die nur Werken von nachgewiesener kultureller, historischer oder ästhetischer Bedeutung zuteilwird.

Fans und Kritiker feiern seit jeher die originale Mono-Abmischung von 1965 als den „heiligen Gral” des Albums, weil sie exakt die rohe Energie transportiert, die die Band damals beabsichtigte – spätere Stereo-Mischungen litten unter fehlenden oder falsch platzierten Overdubs, während die Mono-Fassung vollständig ist und Townshends Feedback seine maximale, ungefilterte Wirkung entfaltet.

“Analogue Productions” veröffentlichen diese Mono-Version aktuell ebenso wie eine Neuauflage von ´Live At Leeds´. Das Reissue von ´My Generation´ erscheint als 180g-Doppel-LP bei 45 U/min, geschnitten von Mastering-Legende Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering direkt von den originalen Analog-Masterbändern und gepresst im hauseigenen Edel-Presswerk “Quality Record Pressings”. Die höhere Abspielgeschwindigkeit verteilt das Musiksignal auf die doppelte Rillenlänge, was eine dramatisch verbesserte Wiedergabe bedeutet – Moons Snare- und Beckenschläge peitschen dynamischer heraus, Entwistles Basslinien bekommen ein massiv druckvolleres Fundament, und all das ohne künstliche Stereo-Verbreiterung, die dem echten, fokussierten Mono-Punch von 1965 nur schaden würde. Verpackt ist die Platte in einem historisch originalgetreuen Tip-On-Gatefold-Cover von “Stoughton Printing” mit mattem, kratzfestem Finish und antistatischen Premium-Innenhüllen.

´My Generation´ ist der Klang von vier jungen Männern, die noch nicht wussten, dass sie gerade Rockgeschichte umschreiben, während sie reihenweise Instrumente, Nerven und Studiotechnik ruinierten. Über sechzig Jahre später ist die Wut, die aus jeder Rille dieser Mono-Pressung dröhnt, noch immer unvermindert ansteckend – ein stotternder Schrei, der nie ganz verhallt ist.

´My Generation´ – der Moment, in dem Rockmusik zum ersten Mal wirklich gefährlich klang.

(10 Punkte)

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