
Mit ´Tell Mama´ gelang Etta James 1968 eines der großen Soul-Alben der späten Sechziger, ein Werk voller Hitze, Wucht und Lebenserfahrung. Nach Jahren zwischen Jazz-Ausflügen, persönlichen Abstürzen und einer Karriere, die bei “Chess Records” längst nicht mehr so selbstverständlich lief wie zu Beginn der Dekade, brachte Leonard Chess sie bewusst aus Chicago heraus. Weg von den Straßen, den Drogen, den ständigen Versuchungen der Großstadt. Stattdessen Muscle Shoals, Alabama. Provinz, Hitze, “FAME Studios”. Genau dort fand Etta James zurück zu jener Stimme, die gleichzeitig verletzlich und aggressiv, elegant und vollkommen außer Kontrolle klingen konnte.
Rick Hall verstand sofort, was in ihr steckte. Der Produzent trieb seine Musiker bis ans Limit und schuf mit den “FAME Studios” einen Southern-Soul-Sound, der rau und schwer wirkte. Die berühmten „Swampers“ lieferten dazu das Fundament: Roger Hawkins am Schlagzeug mit seinem trockenen, präzisen Beat, David Hood mit diesen rollenden Bassläufen, Jimmy Johnson und Albert „Junior“ Lowe an den Gitarren, Spooner Oldham und Barry Beckett an Orgel und Piano. Dazu die messerscharfen Bläser von Gene „Bowlegs“ Miller, Aaron Varnell, Floyd Newman und Charles Chalmers. Weiße Studiomusiker aus Alabama, die schwarzen Soul spielten, als hätten sie nie etwas anderes getan. Genau diese Chemie machte ´Tell Mama´ so außergewöhnlich.
Etta James selbst kam damals voller Wut nach Muscle Shoals. Heroinabhängig, erschöpft, emotional vollkommen ausgebrannt. Diese Spannung steckt in den Aufnahmen wie elektrischer Strom. Rick Hall nutzte neue Studiotechniken, um ihre Stimme klarer einzufangen als jemals zuvor. Die verzerrten Höhen früherer Produktionen verschwanden plötzlich. Stattdessen stand ihre Stimme brutal präsent mitten im Geschehen, jeder Schrei, jedes Knurren direkt vor dem Hörer.

Der Opener ´Tell Mama´ schlägt sofort ein. Etta James marschiert mit voller Kraft durch den Song. Ursprünglich war das Stück als ´Tell Daddy´ von Clarence Carter bekannt, doch Etta drehte die Perspektive um und machte daraus eine Soul-Hymne voller Trotz und Selbstbewusstsein. Ironischerweise mochte sie den Song selbst nie besonders. Zu poppig, zu geschniegelt, sagte sie später. Trotzdem wurde daraus einer ihrer größten Hits.
´I’d Rather Go Blind´ gehört bis heute zu den emotional härtesten Balladen der Soul-Geschichte. Langsames Tempo, schwebende Orgelakkorde, sanfte Gitarrenfiguren. Etta James singt den Song wie einen völligen Zusammenbruch in der Nacht. Geschrieben wurde das Stück gemeinsam mit Ellington „Fugi“ Jordan, den sie damals im Gefängnis besuchte. Jordan hatte den Song dort begonnen, verzweifelt über seine Situation. Etta half beim Fertigstellen, verzichtete aus steuerlichen Gründen jedoch darauf, offiziell als Co-Autorin genannt zu werden. Stattdessen bekam Billy Foster die Credits. Eine Entscheidung, die sie später bitter bereute. Leonard Chess soll beim ersten Hören der Aufnahme den Regieraum verlassen haben, weil ihn die Wucht des Songs überwältigte.
Auch ´Security´ trifft mit voller Wucht. Otis Reddings Original erhält hier deutlich mehr Schärfe und Druck. Die Bläser schneiden aggressiv durch den Mix, während Etta James den Text beinahe wie eine Drohung formuliert. Das Stück wurde zur zweiten großen Single des Albums und zeigt perfekt, wie kompromisslos diese Sessions funktionierten.
´Watch Dog´ rast fast schon wie ein früher Soul-Rock-Song los. Don Covays Songwriting bringt Tempo und Biss hinein, die Gitarren knurren, das Schlagzeug drückt unerbittlich nach vorne. ´The Love Of My Man´ dagegen wirkt warm und getragen, eine tiefe Soul-Ballade mit Gospel-Färbung und weichen Orgelakkorden im Hintergrund. Etta James klingt dabei beinahe gelöst, als würde sie sich für wenige Minuten aus all dem Chaos ihres Lebens befreien.
´The Same Rope´ verbindet entspannten Southern Soul mit einer bitteren Warnung vor Übermut und falscher Sicherheit, während ´My Mother-In-Law´ herrlich bissigen Humor entwickelt. Etta James spielt den Song mit einem breiten Grinsen aus, halb genervt, halb amüsiert. ´Steal Away´ schleppt sich dagegen tief durch die Nacht, hypnotisch, bluesig und schwer. ´Just A Little Bit´ beendet das Album schließlich mit schmutzigem Groove, rollendem E-Piano und purem Rhythm-&-Blues-Feuer.

Was ´Tell Mama´ bis heute so besonders macht, liegt auch an diesem Zusammenprall zweier Welten. Chicago Soul traf auf Southern Soul aus Alabama. Die urbane Härte von “Chess Records” verschmolz mit dem erdigen Groove der “FAME Studios”. Während viele Produktionen jener Zeit stark arrangiert und sauber wirkten, lebten diese Sessions von Spontaneität, Schweiß und Instinkt. Die Band spielte eng zusammen und Etta James sang, als hinge ihr ganzes Leben an diesen zwölf Songs.
Dass das Album fast sechzig Jahre später immer noch wie eine Naturgewalt wirkt, überrascht kaum. ´Tell Mama´ rettete Etta James künstlerisch und machte sie endgültig zur großen Matriarchin des Soul. Gleichzeitig wurde das Album zu einem Symbol jener einzigartigen musikalischen Verbindung mitten im Alabama der Sechziger, wo schwarze Soul-Sängerinnen und weiße Studiomusiker gemeinsam Musik schufen, die bis heute unerreicht bleibt.
Die neue Vinyl-Ausgabe innerhalb der “Chess Records 75”-Series behandelt dieses Meisterwerk endlich mit der audiophilen Sorgfalt, die es verdient. Gemastert von Matthew Lutthans direkt von den originalen analogen Masterbändern im legendären “The Mastering Lab”, gepresst bei “Quality Record Pressings” auf schwerem 180g-Vinyl und verpackt im hochwertigen Tip-on-Gatefold-Cover, präsentiert diese Neuauflage den originalen Mono-Mix mit beeindruckender Wucht. Gerade Mono entfaltet hier enorme Kraft. Viele frühere Reissues wirkten vergleichsweise flach oder steril. Diese Pressung dagegen klingt groß, lebendig und voller Energie.
Man versteht sofort, warum Musiker wie Aretha Franklin nach diesen Sessions unbedingt ebenfalls nach Muscle Shoals wollten. Und man versteht ebenso schnell, weshalb moderne Sängerinnen von Adele bis Amy Winehouse so viel von Etta James gelernt haben. ´Tell Mama´ bleibt eine Sternstunde des Soul, aufgenommen in einer Phase völliger persönlicher Eskalation und gerade deshalb voller Wahrheit, Kraft und Größe.
(Klassiker)



